Ghassemis Roman »Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters« entfaltet ein Panorama von Kontrasten – und bleibt ein Zeitdokument. Foto: rezaghassemi.com


Irgendwer sagte einmal, dass Wände Geheimnissen lauschen. Dieses Spiel prägt den Roman von Reza Ghassemi über die vermeintlichen Grenzen zwischen West und Ost. Und genau dieser Gegensatz soll innerhalb des Mikrokosmos eines von einem Altlinken vermieteten Hauses in Paris greifbar werden: Das Zimmer des iranischen Exilanten Yadollah liegt neben den Räumen von Seyyed und denen eines mysteriösen Mannes, den alle nur den »Propheten« nennen. Neben diesen beiden Figuren stehen auch die Bewohner/innen anderer Stockwerke miteinander in einem Kampf der Ideen – mit (temporären) Allianzen und Dissonanzen. Der Clou: Die Geschehnisse (von Mordversuchen bis hin zur Sektenbildung) ähneln einem Manuskript Yadollahs, das den Romantitel »Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters« trägt.

Die Figuren agieren dabei fast allegorisch. Als Tragende großer Ideen laden sie zu einer philosophischen Lektüre ein. Die Dialoge fordern zwar anfangs heraus, verwirren auch stellenweise, tragen allerdings auch zur Stärke dieses Romans bei. Dass das Original 1996 erschienen ist, ist spürbar. Knapp 30 Jahre später atmen die Themen den damaligen Diskurs. Doch statt verstaubt zu wirken, liest sich der Roman heute als ein authentisches Zeugnis der iranischen Exilliteratur.

Ghassemi liefert melancholische Zeilen, die zeigen, dass die Sehnsucht nach Harmonie zwar menschlich, aber nicht immer ideal ist und es sich manchmal lohnt, für erkämpfte Selbstverständlichkeiten unserer Gesellschaft zu streiten.

 

Reza Ghassemi
Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters
Ü: Sarah Kiyanrad
C.H.Beck, 255 S.