Der Jurist und Autor Bernhard Schlink hat einen differenzierten, aber trockenen Essay über »Gerechtigkeit« geschrieben. Foto: Gaby Gerster/Diogenes.
Das Leben ist ungerecht. Sagt man. Aber stimmt das? Warum sollte sich das Leben als solches überhaupt in Kategorien wie gerecht oder ungerecht messen lassen?
Wenn heute das subjektive Gerechtigkeitsempfinden rasch zu Empörung führt und so weltweit unerbitterliche Diskurse angeheizt werden, scheint eine rechtsphilosophische Auseinandersetzung, wie Bernhard Schlink sie in einem Essay mit dem schlichten Titel »Gerechtigkeit« vorlegt, durchaus angebracht.
Dabei versucht Schlink nicht, verallgemeinernde Theorien auszuführen und ultimativ gültige Regeln aufzustellen, sondern eine spezifische Herangehensweise stark zu machen. »Eine Formel für Gerechtigkeit gibt es nicht. Es gibt eine Struktur dafür, wie nach Gerechtigkeit zu fragen und wie die Antwort zu suchen und zu finden ist« – diese Gerechtigkeitsarbeit zu leisten, darum bemüht sich der Autor in diesem Buch.
Schlink, als Schriftsteller vor allem für seinen Roman »Die Vorleserin« berühmt, ist eigentlich Jurist, das merkt man dieser Abhandlung im positiven wie im negativen Sinne deutlich an. Einerseits ist der Text relativ trocken, auf ein packendes Leseerlebnis oder eine außergewöhnliche neue Erkenntnis muss man sich nicht unbedingt gefasst machen. Andererseits liegt seine wichtige Stärke in der sprachlichen Präzision, die Begriffe wie Recht und Gerechtigkeit, Ungleichheit und Ungerechtigkeit etc. zu differenzieren weiß. Die Argumentationen sind schlüssig, das vernunftorientierte Denken stellt einen äußerst wohltuenden Gegensatz zu so manch polarisierter Debatte dar.
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Bernhard Schlink
Gerechtigkeit
Diogenes, 208 S.

