»Auch die Stille hat heute ein schönes Gesicht«: »Die Wiedereinführung der Sanduhr« von Michael Krüger. Foto: Jürgen Bauer.
Manche Geschichten sind wie ein langsam dahinplätschernder Bach. Er fließt und fließt, trägt uns und mit dem nächsten Atemzug verschwimmen die Grenzen zwischen Ich und Welt, zwischen Gestern und Jetzt. Michael Krügers Verse im neuen Gedichtband wirken auf den ersten Blick konventionell, bleiben aber im Hinterkopf und sind nicht austauschbar. Sie sickern ein wie Wasser in trockenen Sand.
Krüger ist ein Meister der leisen Töne. Er bringt Text für Text die Herausforderungen des Alltags zu Papier. »Man weiß nicht weiter, hat den Faden verloren, überall lungern die verkrüppelten Hoffnungen herum«. Dieser Satz ist wie ein Seufzer in Notenschrift. Corona, Krieg in der Ukraine oder der Nahost-Konflikt: Die Weltgeschehnisse scheinen im ersten Moment weit weg zu sein, werden aber genau dann ins Licht gerückt, wenn wir nicht damit rechnen.
Seine Gedichte sind Naturstudien und Seelenlandschaften zugleich: Der Esel Nepomuk ist ein stiller Freund, die Katze taucht dann auf, wenn es dunkel wird, Buchen und Birken werden zu stummen Zeugen der eigenen Vergänglichkeit. Und doch, zwischen all den grauen Schatten blitzt immer wieder etwas auf: ein Lachen oder ein Lichtreflex.
Der letzte Zyklus, »Als 1 Minute noch aus 60 Sekunden bestand«, ist ein Gebet an die Zeit. Krüger bittet nicht um mehr Stunden, sondern um Achtsamkeit und um den Mut, die Sanduhr umzudrehen. Dieser Band ist kein Trostpflaster, sondern ein Spiegel, der uns zeigt, wie schön es ist, unvollkommen zu sein.
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Michael Krüger
Die Wiedereinführung der Sanduhr
Suhrkamp, 159 S.

