»Ohne Respekt« bringt die aktuelle Verschärfung einer sozialen Krise auf den Punkt.


Der in Berlin lebende Philosoph Byung-Chul Han beschäftigt sich seit vielen Jahren mit einer zutiefst entfremdeten Gegenwart. In seinem Essay »Ohne Respekt. Eine soziale Krise« betrachtet er unsere Gesellschaft im Hinblick auf ihr Miteinander und konstatiert ihr das, was wir vermutlich alle spüren: die starke Vereinzelung durch den Neoliberalismus und die Digitalisierung, wachsendes Ressentiment und Neid gegenüber anderen. Alles und auch wir sind zur Ware geworden, die propagierte Freiheit ist nur eine vermeintliche. Der Respekt sei die Basis einer idealen wohlgeordneten Gesellschaft, ein Konzept, das auf »Eine Theorie der Gerechtigkeit« von John Rawls fußt. Mit ihm eröffnet er seinen Text und gelangt bereits auf den ersten Seiten zum Fazit: »Die Aufmerksamkeit für den Anderen ist konstitutiv für den Respekt.« Dass sich das mit Kapitalismus und Warencharakter unseres Lebens nicht verträgt, wird schnell klar – und mithilfe weiterer sozialkritisch denkender Philosoph/innen wie Hannah Arendt, Immanuel Kant oder Jean-Jacques Rousseau stetig unterfüttert. Auch wenn hier vielleicht nicht die ultimative Lösung für diese »soziale Krise« geboten wird, so tut es gut, sie in klaren, knappen Sätzen auf den Punkt gebracht zu sehen. Sein Entwurf einer »Politik der Freundschaft« bleibt naturgemäß träumerische Utopie, ob es das gibt, wovon Han hier träumt, und ob das alles nicht auch eine sehr privilegierte Sichtweise ist, ist eine andere Frage. Aber sein Werk sorgt für Verständnis für sich selbst und für Widerstände, mit denen wir alle, die wir in einer Gemeinschaft leben, tagtäglich zu kämpfen haben.

 

Byung-Chul Han
Ohne Respekt. Eine soziale Krise
Matthes & Seitz Berlin, 94 S.