Judith Fanto spinnt ein dichtes Gewebe aus Liebe, Tod und Geheimnissen während der NS-Zeit. Foto: Mark Uyl.


Es ist das Jahr 1948, und ein Brief bringt für den Gemälderestaurator Hermann Loch alles ins Wanken. Das Geheimnis der Nachricht enthüllt sich den Leser/innen jedoch erst ganz am Ende des Romans. Doch von vorn: Der kleine Hermann wird nach dem Tod sowohl seiner geliebten Großmutter als auch seiner Mutter nach Wien verfrachtet, wo er bei seiner Tante aufwächst. Erst in einer Sommerschule findet er Anschluss an eine Gruppe unterschiedlichster Charaktere: Die widerständige Franzi, der rechtschaffene Max, der konservative Bertl, die arglose Lotte, der schwule Lebenskünstler Béla und der von allen »Manno« genannte Erzähler werden zu einer verschworenen Gemeinschaft. Manno wird nicht nur der Chronist dieser komplexen Freundschaften, sondern dokumentiert damit auch die heraufdräuende Zeit des Nationalsozialismus. Ausgelassene Sommerfrischen in Bad Aussee, dramatische Liebschaften, divergierende Lebensentwürfe: Die Freundschaften werden auf harte Proben gestellt und drohen an den politischen Entwicklungen zu zerbrechen. Kann Verbundenheit über Ideologie gewinnen? Diese fast unlösbare Frage bewegt Judith Fanto in ihrem zweiten Roman. Über weite Strecken gelingt das, jedoch gehen in der Vielzahl der Ereignisse wirklich tiefgehende Porträts der sechs Freund/innen ein wenig verloren, manche Erzählstränge wirken formelhaft. Was bleibt, ist die Figur des Manno: Ein früh Entwurzelter, der in Wort und Bild festhalten will, was nicht zu verstehen ist – und daran mitunter verzweifelt.

 

Judith Fanto
Der Betrachter
Ü: Christiane Burkhardt
Kein & Aber, 464 S.