Kopfkino auf Breitwandformat mit Jáchym Topol. Foto: Viktor Stoilov
Jáchym Topols Romane sind assoziative, wilde Ritte durch die Zeitgeschichte, aus tschechischer Perspektive: in seinem Roman »Nachtarbeit« durch den Prager Frühling 1968 – in »Die Schwester« durch das sich infolge der samtenen Revolution umwälzende Prag. Sein neuestes Werk »Die Hölle gibt es nicht« schließt daran nahtlos an.
Topols Alter Ego ist Tomáš, in der Sackgasse der Midlife-Crisis angelangter Journalist bei der tief in Finanznöten steckenden Prager Zeitschrift Point. Seine Ehe ist zerrüttet, der Sohn dabei, mit seinem dubiosen Freund einen Blumenladen zu eröffnen, und seine Affäre mit der blutjungen Studentin und Schauspielerin Tamarka hat auch keine Zukunft. So treibt er, stets seinen Alkoholpegel hochhaltend, durch Prag und die Vorstadt, um mit alten Kollegen zu philosophieren, bizarre Kunstperformances zu erleben, seinen verstorbenen Vater zu beerdigen und dabei zu erfahren, dass die Kinder der Haushälterin seine Schwestern sind.
Immer wieder spielt die Zeit, in der die Geschichte angesiedelt ist, in den Erzählfluss hinein: 2022, das Ende der Corona-Maßnahmen in Tschechien und der Beginn der russischen Invasion in die Ukraine, die Erinnerungen an den Prager Frühling und dessen jähes Ende wachruft. Im unbändigen Strom an Gedanken, Erinnerungen und Erlebnissen von Tomáš geht es um Identität, um das Verbindende und Trennende der Slaw/innen allgemein und die Suche nach Perspektive – wenn es denn eine gibt in dieser verrückten Welt. Eine durchaus herausfordernde assoziative Lektüreaufgabe, die der längst zu einer der Größen der tschechischen Literatur zählende Autor da abgeliefert hat.
—
Jáchym Topol
Die Hölle gibt es nicht
Ü: Eva Profousová
Suhrkamp, 480 S.

