Ian McEwan zieht in seinem neuen Roman »Was wir wissen können« sämtliche Register seines Könnens. Foto: Annalena McAfee


Im Frühjahr 2119 muss der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalf eine beschwerliche Reise über das britische Binnenmeer auf sich nehmen, um den Nachlass des Dichters Francis Blundy einsehen zu können, zu dem er intensiv forscht. Britisches Binnenmeer? – Ja! Seit nämlich in der Mitte des 21. Jahrhunderts mehrere Landmassen nach einer Flutkatastrophe im Meer versunken sind, ist die Welt völlig neu geordnet und nicht mehr global vernetzt. Doch Metcalf, Experte für die Literatur zwischen 1990 und 2030, nimmt alle Strapazen auf sich, weil er es sich zum Ziel gesetzt hat, ein verschollenes Gedicht zu finden, das Blundy 2014 für seine Frau Vivien geschrieben und niemals veröffentlicht hat. Auf seiner Suche findet er in den Clouds und Chats des berühmten Paares Massen an Fotos und Informationen, aus denen er zunächst falsche Schlüsse zieht. Als er dann aber doch auf einen entscheidenden Hinweis stößt, wird sich das Bild, das er und die Welt vom Dichterfürsten Francis Blundy gehabt haben, für immer verändern. Ian McEwans Einfall, unsere Gegenwart in eine Vergangenheit zu verwandeln, die aus der Zukunft heraus erforscht wird, geht auf jeder einzelnen Seite dieses raffiniert konstruierten Romans voll auf. Dieser mit allen Wassern der Erzählkunst gewaschene Autor öffnet für sein Publikum eine brillant geschriebene Zeitkapsel, mit der er auch prophezeit, dass fast alle Entscheidungen, die derzeit auf der Welt getroffen werden, am Ende falsch gewesen sein werden. Ein herausragendes Buch!

Ian McEwan
Was wir wissen können
Diogenes, 480 S.