Auf der Suche nach einer Sprache für unsere Sehnsucht: Ozan Zakariya Keskinkılıçs Debütroman »Hundesohn«. Foto: Max Zerrahn


Der ungewöhnliche Romanerstling verhandelt viele Themen und setzt vor allem auf die Sprache als Ort der Herkunft, der Sehnsucht, des Begehrens und der Liebe. Zakariyas arabische Großeltern wanderten seinerzeit aus Syrien in die Türkei aus, seine Eltern dann aus der Türkei nach Deutschland. Zakariya wächst zwischen den Sprachen auf (aus denen auch zitiert wird): Sein Türkisch bleibt auf der Stufe eines Zwölfjährigen, sein Arabisch ist noch weniger vorhanden. Aber auch in »Almanya« bleibt Zakariya »ein Dritter im Leben der anderen«.

Zakariya erinnert sich: An die Schulferien, die er als Bub immer bei den Großeltern im türkischen Adana verbrachte. Dort verliebte er sich in den Nachbarsjungen Hassan, den sein Großvater Dede (der Zakariya auch mit dem Islam vertraut machte) nur »Hundesohn« nannte. Jahre später, in Berlin, verabredet sich Zakariya auf Dating-Apps mit Männern. Doch die flüchtigen Begegnungen lassen ihn Hassan nicht vergessen, den er in allen Bekanntschaften zu suchen scheint: »In neun (acht, sieben, …) Tagen werde ich Hassan wiedersehen« beschwört er ein Treffen mit seiner Jugendliebe herauf – Hassans Existenz changiert dabei zwischen Wunschtraum und Realität, Projektion und Erinnerung. Aber das, woran Zakariya sich erinnert, ist nicht immer das, woran er sich erinnern will: Schwulsein ist in der Türkei unter Erdogan wieder ein großes Tabuthema.

»Hundesohn« erzählt radikal körperlich und nah am Porno: Liebe ist in Zeiten des Kapitalismus zur Ware geworden. Am ehesten findet Zakariya sie noch in der Beziehung zu seiner besten Freundin Pari und in der Literatur Kafkas.

Wie wirken sich unser Gottesbild, Migration, Rassismus und Anderssein auf unser Leben, Lieben und Begehren aus? Mannsein, Verletzlichkeit, Einsamkeit, Intimität, Freundschaft und die Macht und Ohnmacht der Erinnerung: Der Politikwissenschaftler und Lyriker Ozan Zakariya Keskinkılıç (1989 als Sohn türkischer Einwanderer in Deutschland geboren) hat einen bei aller Explizitheit sehr poetischen, sehnsuchtsvollen Roman verfasst, der lange nachwirkt. »Hundesohn« thematisiert die Liebe in allen Variationen, die einen schon einmal zerreißen kann.

Ozan Zakariya Keskinkılıç
Hundesohn
Suhrkamp, 219 S.