Der Historiker Hopkins zeichnet die Museums-Entwicklung nach: Von den ersten Kollektionen bis zur Globalisierung. Aktuell fordert er ein Umdenken, nicht nur auf Grund der Digitalisierung und Folgen der Pandemie. Foto: Shutterstock.


Hopkins letzter Satz in seinem Buch über das Museum lautet: »Wenn dieses Buch ein alles übergreifendes Thema hatte, dann dies, dass es bei Museen niemals um die Vergangenheit geht, sondern immer um die Zukunft.« Um diese besser einschätzen zu können, begibt sich der Architekturhistoriker in den ersten Kapiteln auf eine Reise in die Vergangenheit.

Diese beginnt im 3. Jahrhundert v. Chr. in Alexandria. Das Museion, »Sitz der Musen«, beherbergte die größte Bibliothek der Antike, sie war trotz ihres Namens tatsächlich ein Ort philosophischer Diskussionen, Debatten und des Lernens. In dieser Hinsicht hatte es mehr mit einer Akademie oder einer Universität gemeinsam als einem Museum, wie wir es heute kennen. Erst in der Renaissance und mit dem Aufkommen der ersten Kuriositätenkabinette wurde das Sammeln, Ordnen und Ausstellen Teil eines breiteren kulturellen Trends, untrennbar mit dem Entstehen des Humanismus und der Neuentdeckung der antiken Welt verknüpft. Diese frühen Kabinette – sogenannte Studioli –, die ab Ende des 15. Jahrhunderts in italienischen Palästen auftauchten, waren meist kleine, private, manchmal abgeschiedene Kammern, fast wie eine Klosterzelle, aber auch wieder ganz anders: reich dekoriert und oft voller Kunstwerke, Antiquitäten und Kuriositäten, die zur intellektuellen Stimulation ihres Besitzers gedacht waren. Bekannte frühe Studioli sind das des Lionello d’Este in Ferrara von 1447 oder das im Palazzo Medici von Florenz.


In manchen Fällen überstrahlt das Museumsgebäude seine Sammlung. Die beeindruckenden Formen des Nationalmuseums von Katar, es wurde 2019 eröffnet, präsentieren der Welt ein neues nationales Image. Foto: Shutterstock

Für die Weltausstellung 1851 in London wurde der Crystal Palace erbaut. Das Bauwerk hatte einen beträchtlichen Anteil am Erfolg. Später versetzte man ihn in ein anderes Stadtviertel, wo er auch als Museum genutzt wurde. 1936 zerstörte ein Brand den Glaspalast vollständig. Foto: Aus „Das Museum“, Midas Verlag


Weiter geht es mit der Zeit der Aufklärung, als insbesondere Objekte der Eroberungen und der Kolonialisierung im Vordergrund standen, ein Ausdruck der zunehmenden kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Dominanz der westlichen Mächte auf der ganzen Welt. Als im 19. Jahrhundert in Europa und dann auch in den USA die Zahl der Museen zunahm, wurde ihre Rolle immer wichtiger: Sie waren nicht mehr einfach nur Lagerstätten für Objekte, sondern auch Instrumente des Unterrichtens und Aufklärens der Bevölkerung. Es war das Zeitalter des Öffentlichen Museums, das schließlich unverzichtbar für das bürgerliche Leben wurde. Ab den 1920er und 1930er Jahren entstanden neue Museen und neue Formen der Museumsarchitektur, mit ihrem epochemachenden Centre Georges Pompidou in Paris führten die Architekten Richard Rogers und Renzo Piano die Idee des modernen Museums zu ihrem radikalen Abschluss.

Seit den 1990er Jahren leben wir in der Ära des globalen Museums. Museen aller Art breiten sich über den Globus aus. Im Mittelpunkt dieses Phänomens steht die Tatsache, dass das Museumsgebäude in vielen Fällen seine Sammlung überstrahlt, Gebäude, deren eindrucksvolle Formen als Symbol für die Stadt, die Region oder sogar das Land dienen können, in denen sie sich befinden. Das Museum hat eine Vormachtstellung erreicht, die größer ist als je zuvor. Ihre Zahl steigt auf der ganzen Welt, vor allem im Nahen Osten und in China. China, das 1978 nur 349 Museen besaß, hat inzwischen 5.100, womit das Ziel der Regierung, im Jahr 2020 ein Museum pro 250.000 Einwohner zu haben, fast erreicht ist. Das scheint viel zu sein, und das Land hat bereits Probleme, diese Museen mit Sammlungen und Besuchern zu füllen. Dennoch sind es immer noch viel weniger als die 35.000 Museen, die momentan in den USA zu finden sind.


Das New Yorker Met ist das umfassendste Museum der Welt. Der Charles Engelhard Court des American Wing zeigt die Fassade der Branch Bank der Vereinigten Staaten, einer Wall Street Bank, die 1913 abgerissen wurde. Foto: Aus „Das Museum“, Midas Verlag

Rechts/unten: Die Nationalbibliothek in Brasília stammt aus der Feder von Oscar Niemeyer, dem mit dem Pritzker-Preis ausgezeichneten brasilianischen Architekten. Gemeinsam mit dem benachbarten Nationalmuseum bildet es ein architektonisches Ensemble, das auch als Conjunto Cultural da República bekannt ist. Foto: Aus „Das Museum“, Midas Verlag


Zeit, um auf die Zukunft einzugehen, denn für Hopkins ist die Ära des Museums, wie wir es kennen, vorbei. Die Hinterlassenschaften der Vergangenheit müssten vollkommen neu eingeordnet werden, nicht nur die verstörende Frage rund um die Dekolonisierung von Museen sei zu klären: Viele Objekte haben kolonialen Ursprung, doch wir im Westen können uns gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn die größten kulturellen Leistungen unserer Vorfahren in einem Museum eines fremden Landes lagern, das viele tausend Kilometer entfernt ist. Gleichzeitig drohen Innovationen von 3D-Druck bis virtueller Realität und rein digitalen Objekten. Wie etwa soll ein Museum eine »App«, also eines der einflussreichsten »Objekte« des letzten Jahrzehnts, sammeln? »Als Quellcode vom Entwickler? Oder als Paket, das wir auf unsere Telefone herunterladen? Aber welche Version? Und falls die App eine Verbindung zu einem Netzwerk oder einer Plattform ist, müssen wir diese dann auch sammeln?«, stellt der Historiker die Frage und thematisiert damit, wie sich materielle und ideologische Grundlagen verschieben, auf der Museen agieren.

Hopkins hat diesen Text während der Pandemie geschrieben, für ihn eine seltsame Zeit, um ein Buch über Museen zu verfassen. Die unmittelbare Folgen waren schlimm, das Fehlen der Besucher raubte Museen ihre Einnahmequelle und manche mussten für immer schliessen. Bereits absehbare Trends wurden beschleunigt, vor allem der Rückgang der »Blockbuster«-Ausstellungen und die Zunahme digitaler Konzepte. Aber Hopkins geht weiter und kritisiert die Einrichtung Museum in ihrer derzeitigen Form grundlegend: Dabei ortet er eine Mitschuld an der Ermordung George Floyds im Mai 2020. Anschließend erlangte die Black Lives Matter Bewegung gegen den systemischen Rassismus der Gesellschaft und der Historien, Institutionen und Strukturen weltweite Bekanntheit. Es reiche auch für Museen nicht mehr, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, vielmehr müssen sie »Diversität, Repräsentation und die Gleichheit der Rassen zu ihrer wichtigsten Mission machen« und „auf eine Zukunft mit mehr Gleichheit und Integration hinzuarbeiten.« Gleichzeitig fordert er Fingerspitzengefühl um zu vermeiden, das zu zerstören, was Museen zu einzigartigen Institutionen der menschlichen Kultur macht.

Owen Hopkins
Das Museum. Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Midas, 324 S.