Von ihm wird man noch viel hören: Brandon Taylors großartig erzählter, vielschichtiger Debütroman „Real Life“.


Nicht grundlos wird der afroamerikanische Autor Brandon Taylor häufig mit dem Bürgerrechtler James Baldwin verglichen – wenn auch gegen seinen Willen und obwohl er stilistisch eher bei Sally Rooney oder Rachel Cusk anzutreffen ist. Struktureller Rassismus und Homophobie sind nicht nur in den USA bis heute wirksam und tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Diese Erfahrung macht auch Wallace, der Protagonist von „Real Life“. Wallace ist schwarz, schwul und aus dem Süden. Nun studiert er Biochemie im Mittleren Westen – als erster Afroamerikaner seit mehr als drei Jahrzehnten. Dafür soll er auch noch dankbar sein, denn für Schwarze, noch dazu aus dem Arbeitermilieu, gibt es nichts umsonst. Täglich wird Wallace auf den ihm aufgrund seiner Hautfarbe und Herkunft zugeteilten Platz im Leben verwiesen. Möglichkeiten, die weißen Menschen von vornherein offenstehen, muss er sich hart erarbeiten. Auch die Versuchsanordnung des Labors, die Einsamkeit wissenschaftlicher Arbeit bieten keinen Schutz vor rassistisch begründetem Mobbing.
Welche Auswirkungen hat das auf das Selbstverständnis und die Sozialisierung eines jungen Menschen? Was passiert, wenn man aus der erwarteten Opferhaltung ausbricht? Übersieht man über dem eigenen Unglück das der anderen? Hat man ein Anrecht auf Antworten von der Welt? – Auch darum geht es in „Real Life“.

Brandon Taylor, früher selbst Student der Biochemie, hat einige von Wallaces Erfahrungen in ähnlicher Form gemacht. Mehr als alles andere schreibt „Real Life“ das Genre des Campus-Romans neu, das üblicherweise aus der Perspektive weißer Studentinnen und Studenten erzählt (was einmal mehr der Realität wirklichen Lebens widerspricht).

Wallace hat die desolaten Verhältnisse seiner Kindheit zurückgelassen, nur um festzustellen, dass er auch auf der Universität immer ein Außenseiter und auf seine Hautfarbe reduziert bleiben wird. Die mehr oder weniger subtilen Diskriminierungen sogar im Freundeskreis bleiben in der Regel unwidersprochen. Die Scham, die Wallace von klein auf verinnerlicht hat, steht wie eine Trennmauer zwischen ihm und seinen (weißen) Kommilitonen und Kommilitoninnen, die die Unterschiede in den Erfahrungen von Weißen und Schwarzen nicht sehen wollen. Die Liebe trifft ihn mit Gewalt und wirft ihn auf seine trübe Vergangenheit zurück.

Ein vorwiegend in Dialogform verfasster, klassischer Entwicklungsroman, intensiv, feinfühlig erzählt und von großer Wahrhaftigkeit. Alles verlieren oder alles gewinnen – Wallace sucht nach seinem Platz im (echten) Leben. Freundschaften haben ihre Grenzen, und die Geschichte lässt uns vielleicht nie ganz los. Dennoch erzählt „Real Life“ von Aufbruch und Neubeginn und von einer großen Liebe zum Leben und zur Welt – trotz allem.

Brandon Taylor
Real Life (Piper),
Ü: Eva Bonné, 352 S.