»Er die Zündschnur, ich das Zündholz«: Ariana Harwicz‘ alles andere als harmonische Familienkonstellation mutiert schlussendlich zu einer Entführungsgeschichte. Foto: privat


Harwicz‘ Debütroman »Matate, amor« dient als Drehbuchvorlage für den demnächst erscheinenden Kinofilm »Die, My Love«. Während dort Jennifer Lawrence und Robert Pattinson die Hauptrollen spielen, haben wir es in »Kopflos« ebenso mit einem toxischen Paar, das im absoluten Endstadium seiner Ehe ist, zu tun. Sie, das ist Lisa, eine jüdische Argentinierin mit polnischem Background, denkt über Serienmörder/innen und traumatische Erlebnisse in ihrer Beziehung wie Ereignisse im Haus ihrer Schwiegereltern nach. Er, A bzw. Armand – grundsätzlich werden die Figuren stets nur mit Anfangsbuchstaben benannt –, kämpfend um das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder, zeichnet das Bild eines in der Beziehung Gewalt ausgesetzten Mannes von sich. Und dann gibt es noch E und J, circa fünf Jahre alt, wenig in Action, zumeist werden sie von ihrer Mutter heimlich beobachtet, von ihrem Vater gegen die Ex-Partnerin ausgespielt und schlussendlich von Lisa entführt. Es gibt eine Autohetzjagd, Opfer- wie Täter/innenszenen und eine dramatische wie unangenehme Liebesbeziehung zwischen den Zwillingseltern, die mehr ungesundes Liebespaar als Eltern sind.

Harwicz siedelt ihren Roman in der französischen Provinz an und flicht neben Fragen nach Schuld und den Schuldigen auch solche von Identität und Mutterschaft ein; karge Dialoge, aber dennoch scharfe Figurenzeichnung, zumindest von Lisa, die sich als unzuverlässige Erzählerin von Seite eins an durch die ihren Wahnsinnsalltag schlägt. Ein narratologisch gewiefter Roman, der sich dorthin wagt, wo es alles andere als gemütlich ist, und eine Sprache, die aus dem schnöden Village eine Kulisse für einen emotionalen Actionstreifen macht.

Ariana Harwicz
Kopflos
C.H. Beck, 145 S