Schweizer Literatur als Mikrokosmos unserer Gesellschaft: Vier Autor/innen nehmen die brennenden Themen unserer Zeit in den Blickwinkel ihrer Debüts. Foto: Julia Schwab via Pixabay

Aus: Buchkultur 225, April 2026


Mehr als Dürrenmatt und Frisch: Die folgenden Schweizer Neuerscheinungen verorten das viersprachige Literaturland zwischen Umweltthriller und Trauerbuch, Familien- und Gesellschaftsroman.

In Walter Fabian Schmids Roman »Schattenwurf« gehen die Wogen hoch. Eine hochalpine Solaranlage und ein Windpark sollen auf dem Gemeindegebiet errichtet werden – gegen den Willen der meisten Bewohner/innen. Doch irgendwoher muss der klimafreundliche Strom ja kommen. Aber ist es wirklich so einfach? Wer profitiert von den nachhaltigen Anlagen? Was ist mit den Bauern, die dafür Land lassen müssen? Auch Remos und Lisas junge Ehe gerät zwischen die Räder: Die zugezogene Zürcherin Lisa wird zum Zentrum einer Protestgruppe gegen die »Verschandelung« der Natur. Doch die könnte, als Folge des Klimawandels, zur größten Gefahr des Menschen werden: Infolge eines Starkregens droht das Dorf überschwemmt zu werden. Hochspannend und hochaktuell.

Um globales und persönliches Leid geht es ähnlich in Julia Sutters Erstling »Und das wäre erst der Anfang«. Nach dem Tod ihrer Mutter zählt Krystina die sterbenden Fichten im Wald. Das Haus, in dem die Familie früher lebte, wird inzwischen von einem älteren Ehepaar bewohnt, das sie wie ein Kind aufnimmt. Und Krystina wäre am liebsten wieder eins, denn damals schien die Welt noch ein sicherer Ort zu sein. Aber Krystinas Schwestern erinnern sich anders. Trauern braucht seine Zeit – das verstehen nicht alle – und Bäder in geweihtem Wasser helfen nur bedingt. Vergangenes ist vergangen, auch wenn es bis heute nachwirkt. Krystina brennt für ihren Beruf beim Institut für Nationalen Forstbestand. Aber über legale Grenzen, wie ihre radikale Chefin, würde sie für den Klimaschutz nicht gehen. Ein weit ausholender Roman, der viel will.

Aitas Leben fällt ebenfalls auseinander, als ihre Mutter stirbt. Ihre Brüder haben es eilig, das ehemalige Elternhaus im Unterengadin an den Meistbietenden zu verhökern: Der Luxusimmobilienmarkt boomt. Aitas ehemaliger Schulkamerad Luis, der den Dorfladen übernommen hat, kämpft gegen den Ausverkauf des Wohnraums an wohlhabende Städter und Feriengäste. Doch damit macht er sich keine Freunde im Ort, der auch vom Tourismus lebt. Aber gibt es das überhaupt noch – eine Dorfgemeinschaft? Und Aita ist nur noch ein Schatten ihrer selbst: Sie hat kein Zuhause mehr und ihr Wiener Freund wird in einer verstörenden Szene übergriffig (Achtung, Triggerwarnung!). Flurina Badel lässt ihren ursprünglich auf Rätoromanisch, im Idiom Vallader, verfassten und prämierten Sozialroman »Nebelflüchtige« im Corona-Jahr enden. Doch für seine Kinder möchte Luis an eine Zukunft glauben.


Weitere Artikel und Buchbesprechungen zur Schweizer Literatur und Buchbranche finden Sie in Buchkultur Ausgabe 225 mit dem Schwerpunkt »Bücherland Schweiz«!


Caroline Rogers Ich-Erzählerin blickt auf eine dysfunktionale Kindheit zwischen dem Bistro ihrer Schweizer Mutter und dem Restaurant ihres deutschen Vaters im selben Gebäude zurück. Der Vater geht laufend fremd, die Mutter ertränkt ihren Kummer in Arbeit. Als Wirtstochter verbringt die Ich-Erzählerin viel Zeit mit dem Beobachten der Gäste – eine kleine »fabelhafte Welt« als Ersatzfamilie: Exzentrische, einsame, liebende Angestellte, Arbeiter, Student/innen und Soldaten versammeln sich da um den Stammtisch der Mutter, die sich mit Leidenschaft der Probleme ihrer Gäste annimmt, aber den eigenen ohnmächtig gegenübersteht. »Unter Gästen« erzählt knapp, unsentimental, aber berührend aus der Innenperspektive der Tochter, die schon früh erwachsen werden muss.

Der Ausverkauf der Berge, falsche Naturromantik, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, toxische Beziehungen: Vier ambitionierte Titel holen uns auf den harten Boden der Realität zurück. Doch nur so ist Veränderung möglich.

Walter Fabian Schmid
Schattenwurf
Nagel & Kimche, 192 S.

Julia Sutter
Und das wäre erst der Anfang
Frankfurter Verlagsanstalt, 384 S.

Flurina Badel
Nebelflüchtige
Ü: Ruth Gantert
Rotpunktverlag, 224 S.

Caroline Roger
Unter Gästen
Limmat, 208 S.