»Die Schrecken der anderen«: Martina Clavadetschers Roman über die umstrittene Rolle der Schweiz während der Nazi-Zeit (und danach) liest sich fast wie ein Thriller. Foto: Janine Schranz


Ein Bub bleibt beim Schlittschuhlaufen am (fiktiven) Schweizer Ödwilersee mit der Kufe an einem Widerstand hängen. Der entpuppt sich als Stofffetzen, der zu einer Jeans gehört, die wiederum zu einem Toten unter dem Eis gehört. Die Polizei legt den Fall alsbald zu den Akten: Angeblich ist der Unbekannte ertrunken. Doch unter der Eisschicht brodelt es: Für den Polizeiarchivar Schibig und die schrullige Alte Rosa, die nach längerer Abwesenheit wieder in die Schweiz zurückgekehrt ist, wird das Ereignis zum Auslöser einer Reise in die Abgründe der Geschichte. Denn zur selben Zeit soll ein Mahnmal im Ort errichtet werden, das an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert – gegen den Widerstand der »Zylinderherren« am Stammtisch und der »Jungen Aktion«, die das alte braune Gedankengut in eine neue rechte Unzeit überführen wollen.

Martina Clavadetscher verdichtet Fakten zu Fiktion (die nicht weit hergeholt ist). »Die Schrecken der anderen« kratzt am »sauberen« Image der Schweiz, die 1942 ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge schloss, mit Nazi-Raubgold handelte (was zu einer Verlängerung des Krieges führte) und Nazis zur Flucht verhalf.

Martina Clavadetscher hat dem Roman nicht zufällig ein Dürrenmatt-Zitat vorangestellt: Ihre alte Dame kommt zurück, um vergangenes Unrecht sichtbar zu machen und künftiges zu verhindern. Nazi-Sympathisant/innen in Argentinien überwiesen in den 30er und 40er Jahren hohe Summen auf ein oder mehrere Konten der Schweizerischen Kreditanstalt. Und Rosa ist davon überzeugt, dass das Geld, das den Holocaust-Opfern gestohlen wurde, noch im Land ist und wieder auf seinen Einsatz wartet.

Wider das Vergessen: Kann man aus der Geschichte lernen? »Die Schrecken der anderen« ist ein wort- und bildgewaltiges, thematisch an Elfriede Jelineks Drama »Rechnitz« und Raphaela Edelbachers Roman »Das flüssige Land«, erinnerndes Werk von beängstigender Aktualität. Bis heute tut sich die Schweiz schwer mit der Aufarbeitung der »Frontenbewegung« im eigenen Land (eine Parallelbewegung zum Nationalsozialismus in Deutschland und zum Faschismus in Italien). Wie wichtig es ist, zeigen die jüngsten rassistisch motivierten Ausschreitungen in der Schweiz und in ganz Europa.

Martina Clavadetscher
Die Schrecken der anderen
C.H.Beck, 333 S.