Mariette Navarros Roman erzählt, wie subtil soziale Herkunft ausgrenzt. Foto: Philippe Malone
Von der französischen Dramaturgin und Schriftstellerin Mariette Navarro, Jahrgang 1980, sind bisher zwei Bücher auf Deutsch erschienen: 2020 ihr dramatisches Gedicht »Wir Wellen« und 2024 ihr Romandebüt »Über die See«. Darin will die Besatzung eines Frachtschiffs mitten auf See schwimmen gehen; die Kapitänin – trotz Bedenken – erlaubt es. Was fatale Folgen hat. Unvernünftig verhält sich zunächst auch die Protagonistin Claire im Roman »Am Grund des Himmels«: Mitten im Meeting verlässt sie kommentarlos den Raum, steigt auf die Dachterrasse des gläsernen Büroturms – und verbringt die Nacht dort. Sie ist erschöpft. Nicht nur von der Arbeit, sondern vom ständigen Verbiegen. Denn Claire stammt aus ärmlichen Verhältnissen, passt sich Gestik und Sprache der bürgerlichen Kolleg/innen an – bis zur Selbstentfremdung. Am nächsten Tag betritt sie das Büro des Chefs. Dort entdeckt sie einen Zettel, auf dem Claire als »naiv und provinziell« bezeichnet wird. Sie explodiert. Autorin Navarro beschreibt exakt, wie sich schichtbezogene Diskriminierung manifestiert – durch Sprache, Besitz, Gesten, Themen. Claire fühlt sich nirgends zugehörig: nicht der Herkunft, nicht der angestrebten Klasse. Sie taucht ab.
Im Vergleich zu Édouard Louis bleibt Navarros Schluss nach starker Gesellschaftsanalyse schwach. Doch spiegelt dies treffend unsere Realität: Alle wissen vom Klassismus, doch politische Konsequenzen bleiben aus. Ein feiner, nachdenklicher Roman.
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Mariette Navarro
Am Grund des Himmels
Ü: Sophie Beese
Kunstmann, 160 S.

