Ein Roman voller Sätze, die ein ganzes Leben auf den Punkt zu bringen scheinen: »Botanik des Wahnsinns« heißt der Debütroman von Leon Engler. Foto: Martin Thomas Pesl/Buchkultur.


Über 400 Fassungen gab es in fünf Jahren, das Endprodukt hat sogar die große Siri Hustvedt zu einem Blurb bewegt: Martin Thomas Pesl hat Leon Engler vorab der Veröffentlichung von »Botanik des Wahnsinns« zum Gespräch in Wien getroffen.

Buchkultur: Leon Engler, wir sind hier im Café Jelinek in Wien-Mariahilf. Ihrem Stammcafé?

Leon Engler: Es war eines. Ich habe um die Ecke gewohnt und war fast jeden Tag hier. Ich kenne die Kellner auch noch sehr gut – aber sie mich nicht.

Jetzt wohnen Sie nicht mehr in Wien?

Leider nein, sondern in Berlin. Da mache ich noch die Ausbildung zum Psychotherapeuten fertig. Ich habe aber schon beim österreichischen Sozialministerium angefragt, ob sie mich hier arbeiten lassen. Das entscheiden die aber erst, wenn ich in Deutschland die Approbation habe. Vielleicht muss ich noch Prüfungen nachholen.

Wenn Sie fertig sind, möchten Sie dann mehr schreibender Therapeut oder therapierender Autor sein?

Am liebsten 55 % Autor, 45 % Psychotherapie. So mache ich es gerade auch. Ich sehe an zweieinhalb Tagen die Woche schon Patienten. Den Rest schreibe ich. Das war immer mein Traum, jetzt hat es tatsächlich einigermaßen geklappt.

Gerade bei diesem Buch wäre es verlogen, nicht nach dem autobiografischen Kontext zu fragen. Der Protagonist heißt Leon, auch wenn das nur einmal in Form eines umgedrehten »Noel« zugegeben wird. Soll man als Leser/in denken, dass Sie mit Ihrer Erzählerfigur ident sind?

Es ist nicht autobiografisch, sondern autofiktional. Im ersten Kapitel steht ein Zitat von Siri Hustvedt, wonach Erinnerungsvermögen und Vorstellungskraft nicht voneinander zu trennen sind. Das ist Programm. Auch von Flaubert gibt es ein schönes Zitat: »Alles, was erfunden ist, ist wahr. Die Bovary leidet gerade in zwanzig Dörfern Frankreichs.« Und ich denke, die Familie, von der ich schreibe, leidet in zwanzig Städten Deutschlands und Österreichs. Natürlich ist mir auch unangenehm, dass das so ein autofiktionales Debüt ist. Das wollte ich eigentlich überhaupt nicht. Sonst habe ich immer Sachen geschrieben, die ganz weit weg von mir waren, zum Beispiel über einen Typen, der in den Outskirts von Moskau eine Mars-Simulation mitmacht und dann in sein altes Leben zurückkommt. Das waren Theatertexte, Kurzgeschichten. Deshalb ist es seltsam, dass mein erster Roman diese Realitätsanleihen hat. Die Hoffnung ist, dass sich in dem Persönlichen auch etwas Allgemeines spiegelt. Gleichzeitig gehört es zur Psychotherapie-Ausbildung auch dazu, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Der Satz steht auch im Buch: »Bevor du die Geschichte von anderen verlangst, musst du dich mit deiner eigenen konfrontieren.«

Sie sind zwar ein eher später Romandebütant, hatten Ihre erste Veröffentlichung als Theaterautor aber schon mit 22. Dennoch sagt Ihr Erzähler Sätze wie »Schriftsteller sind eine Hochrisikogruppe. Ich will nichts mit ihnen zu tun haben.« Oder in Bezug auf den Vater: »Schlosser schreiben in der Regel keine Autobiografien.« Sind Sie komplett von außerhalb in die Literatur hineingerutscht?

In der Tat gab es bei uns zu Hause keine Bücher, höchstens die Gesamtkollektion der »Lustigen Taschenbücher«. Als ich 16 war, hatte ich eine 20-jährige Freundin, die las die ganze Zeit und strich sich in den Büchern Sachen an. Sie wusste nicht, dass ich so viel jünger war, und um nicht dumm und unbelesen zu wirken, begann ich, die Bücher, die sie las, in der Bibliothek auszuleihen. So hat es bei mir angefangen.

Ihr Erzähler studiert auch in Wien Theaterwissenschaft und weiß nicht so recht, warum. Ein Klassiker, den Sie vermutlich auch selbst erlebt haben?

Ja, ich habe auch Theaterwissenschaft studiert. Es war das erstbeste Studium, ich wollte einfach nach Wien.

Wie lange arbeitet die »Botanik des Wahnsinns« schon in Ihnen?

Schön formuliert! Das Buch arbeitet tatsächlich länger in mir als ich an ihm. Letzteres waren etwa fünf Jahre, einschließlich Archivarbeit – die essayistischen Passagen über die Kulturgeschichte der Psychiatrie sind aus einem Sachbuch eingeflossen, das ich eigentlich in Arbeit hatte. Meinen ersten Roman habe ich mit 21 angefangen, in Wien. 430 Seiten geschrieben, ausgedruckt, Pizza essen gegangen, nie wieder angeguckt, weil ich dachte, er sei fürchterlich. Seitdem habe ich zehn Romane angefangen und wieder verworfen.

Worum geht es in diesem ersten Roman?

Das ist im Grunde schon so eine Familiengeschichte, die jeder Verästelung eines Stammbaums nachgeht. Am Ende stirbt interessanterweise der Großvater in einem Hotel in Wien. Dabei bin ich auf die Geschichte meiner eigenen Großeltern, auf die ich ja auch in der »Botanik des Wahnsinns« anspiele und für die auch ein Hotel in Wien eine Rolle spielt, erst später gestoßen. Das ist ein bisschen unheimlich.

»Die Botanik des Wahnsinns« hat eine große Dichte und Genauigkeit, fast jeder Satz ist ein Zitat. Wie kam es dazu?

Es gab ein großes Konvolut, das ich immer weiter eingedampft habe. 400 Fassungen. Ich habe fast manisch daran gearbeitet, auch mit dem Lektor. Um zwei Uhr morgens noch im Hotelzimmer gesessen und telefoniert – und um jedes Wort gefeilscht. Die Zusammenarbeit mit ihm lief ganz toll, es war auch sein letztes Buch bei dem Verlag, bevor er da weggegangen ist.

Warum erst so spät ein Roman nach so vielen Theaterstücken?

Vor dem Theater hatte ich keine so große Ehrfurcht, da dachte ich, das kann man einfach mal runterschreiben. Romane liebe ich, sie haben mich immer am meisten geprägt. Ich hatte solche Ehrfurcht, dass nie etwas gepasst hat. Ich habe mir damals Roland Barthes’ »Die Vorbereitung des Romans« geholt, saß lesend hier im Burggarten und fragte mich, wie ich es am besten angehe – und hab das Buch am Ende dort liegen lassen vor lauter Ratlosigkeit.

Und was haben Sie daraus gelernt? Wie schreibt man einen Roman?

Früher habe ich mich immer gefragt: Worüber schreibt man den Roman? Barthes führt an, zu welchen Tages- und Nachtzeiten und auf welchen Stimulanzien geschrieben wurde, wie sich ernährt wurde. Aber das Thema ist kaum Thema. Dann dachte ich: Na gut, vielleicht ergibt sich das ja aus so einer Notwendigkeit heraus. Das, was immer so als »Dringlichkeit« firmiert. Und dann saß ich da halt in so einer Raserei Tag und Nacht schreibend. Ich glaube, die Selbstkritik ist das Allerschlimmste, Perfektionismus kein Freund.

Im Roman gibt es abwechselnd Ich-Kapitel im Präsens und solche, in denen über die einzelnen Familienmitglieder in der Vergangenheit erzählt wird. Wie ist diese Struktur entstanden?

Trial-and-Error. Zunächst waren die Schilderungen nacheinander, also erst die Vergangenheit, dann die Gegenwart. Kurz bevor meine Agentur das Manuskript Verlagen angeboten hat, dachte ich, das kann’s nicht sein, und habe begonnen, es auf verschiedene Art zu verflechten. Wenn ich mir das heute anschaue, wundert mich, dass mir das nicht schon früher eingefallen ist.

2022 haben Sie in Klagenfurt am Bachmann-Wettbewerb teilgenommen. War dieser Text eine Vorstufe zu Ihrem Roman?

Nein, das war ein ganz schnell runtergeschriebener Text. Ich war so aufgeregt, weil ich dachte, ich werde vollkommen zerrissen. Aber es war dann sogar ganz nett und eine schöne Erfahrung, überlebt zu haben. Mit den Kolleg:innen war es auch schön. Am Morgen der Entscheidung haben wir anonym darüber abgestimmt, das Preisgeld unter allen Lesenden aufzuteilen. Das wäre was gewesen. Und nur eine Person hat dagegen gestimmt.

Das heißt, im Netzwerk Schreibender fühlen Sie sich besser aufgehoben als in der Theaterwelt?

Ja, ich habe in Klagenfurt viele kennengelernt, mit denen ich auch noch in Kontakt bin, wie Ana Marwan. Auch im Literarischen Kolloquium in Berlin haben wir eine Gruppe, die unglaublich zusammenhält – wir schicken einander Sachen, reflektieren gemeinsam Texte. Das ist schön, weil man ja sonst doch eher so im stillen Kämmerchen arbeitet.

Womit verbringen Sie derzeit die 55 schreibenden Prozent Ihres Daseins?

Derzeit mache ich ein bisschen Wissenschaftsjournalismus. Für die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG habe ich einen Artikel über die Vererbung transgenerationaler Traumata verfasst. Sonst: mehr Film. Ich bin an einer Serie dran, da sind wir gerade in der Finanzierungsphase. Und an einem Langspielfilm, der in den Bergen spielt. Da wäre ich Head-Autor beziehungsweise Musiker. Die Rohfassungen der Drehbücher sind jeweils fertig, aber ob es wirklich produziert wird, steht in den Sternen. Ich freue mich über jede Hürde, die wir nehmen, bin aber sehr vorsichtig, weil ich mitkriege, dass es gerade beim österreichischen Film Finanzierungslücken gibt.

Wie steht es beim Film um die Ehrfurcht?

Film ist diesbezüglich das Gegenteil von Theater, weil so ein hohes Formbewusstsein herrscht. Jeder will immer Heldenreise, Akte, Sequenzen, und nach Minute soundso muss das und das passieren. Das ist das andere Extrem, aber es werden trotzdem Dinge gewagt. Die beiden Stoffe, an denen ich gerade arbeite, sind ziemlich experimentell, aber auch konsumierbar.

Ihr Buch zeugt von Ihrer Liebe zu Wien, zahlreiche Schauplätze sind Einheimischen bekannt. Sie sind aber in München geboren?

Ich bin jetzt endlich offiziell Österreicher und war es rückwirkend immer schon: Mein Vater ist Wiener, trotzdem hat es lange gedauert. Man muss die Ausweise des Vaters bei der Geburt einreichen und drei Mal in die Knie gehen vor dem Generalkonsul (der übrigens wirklich Hochmut hieß), damit er sagt: Sie sind jetzt wirklich Österreicher und dürfen wählen.

Wenn Sie wieder in Wien wohnen, führen Sie dann das Kaffeehausliteratentum weiter?

Auf jeden Fall. In Berlin gibt es so etwas nicht. In München ist es noch schlimmer. Da sind die Leute so effizienzgetrieben, dass sie nur zum Mittagessen ins Lokal gehen. Als ich gerade in München war und versucht habe, zu schreiben, wurde ich überall verscheucht. Sobald ich nach Wien komme, steuere ich direkt ins Kaffeehaus. Es ist total klischeehaft, ich weiß, aber die Vorstellung, irgendwann einen Postkasten im Kaffeehaus zu haben, ist schon großartig.

Leon Engler
Botanik des Wahnsinns
DuMont, 208 S.