Zum 100. Geburtstag von Ernst Jandl (* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda): Ein Buchkultur-Gespräch aus dem Jahr 1995 anlässlich des 70. Geburtstags. Fotos von Martin Vukovits

Aus: Buchkultur 35, Oktober 1995.


Eine Facette des Ernst Jandl, 70, die nur wenigen bekannt ist – der engagierte Berufspolitiker –, ist Ausgangspunkt dieses sehr persönlichen Gesprächs mit Nils Jensen.

Buchkultur: Der Berufspolitiker Ernst Jandl: War Präsident der Grazer Autorenversammlung, Vize der IG-Autoren, sitzt in der Sozialfondskommission und im Kunstsenat. ​Arbeit im Hintergrund für Autorenbelange, von denen die wenigsten etwas wissen, die aber ganz, ganz wichtig ist. Warum liest man so wenig über den Berufspolitiker Jandl? ​ Willst du nicht darüber sprechen?

Jandl: Na, das interessiert eigentlich niemanden. Normalerweise. Jetzt ist aber ein Artikel entstanden über dieses Thema, den hat der Hans Haider geschrieben, und zwar glaube ich für TEXT UND KRITIK. Dafür hat er das sehr genau recherchiert bzw. auch über die Jahre hinweg Material gesammelt. Es ist im Allgemeinen so … ich meine: Wann werde ich überhaupt gefragt? ​Von wem werde ich gefragt? Das sind entweder Fragen, die Hörer an mich stellen nach einer Lesung, oder es sind auch im Zusammenhang mit Lesungen irgendwelche Interviews, und da kommt diese Frage überhaupt nicht vor. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass viele Leute gar nicht informiert sind darüber, während der Hans Haider informiert ist, oder du bist informiert darüber, und daher kommt dann die Frage. ​

Diese berufspolitische Aktivität ist eine höchst positive Hintergrundtätigkeit. Ein Positives beispielsweise, dass auch H. C. Artmann, von dem wir wissen, dass er nicht gerade reich ist, einige Male Zuwendungen aus dem Sozialfonds erhalten hat, sozusagen aus der vorgezogenen Bibliothekstantieme. ​Gute Sache. Jetzt stürzen sich einige wenige aber doch auf ihn, weil eine äußerst skurrile Amtstätigkeit – Steuernachzahlung aufgrund der erhaltenen Unterstützung – vom zuständigen Kunstminister richtigerweise applaniert worden ist, und warten mit verdrehten Tatsachen auf. Das nächste Mal ist möglicherweise der Ernst Jandl dran.

Durchaus möglich. Bisher hat es ja solche Sachen nur vereinzelt gegeben, in Leserstimmen. Ich kann mich da an eine erinnern, ich glaube, es war anlässlich des Großen Österreichischen Staatspreises für mich, der das bewirkt hat, dass mir irgendeine Frau geschrieben hat: »Dieser Mann, der wäre früher ins KZ gekommen«, auf diese Art halt. Da sind also noch Möglichkeiten … die ich mir nicht gerade wünsche, aber da muss man sich halt dann, soweit es geht, zur Wehr setzen.

Schwierig ist dabei das »Wie setzt man sich zur Wehr«! Es wurden falsche Behauptungen im konkreten Fall Artmann aufgestellt. Ich kann jetzt versuchen, die Tatsachen zurechtzurücken, aber das interessiert dann kaum jemanden, und es bleibt im Raum so ein Geruch hängen: Der hat Millionen bekommen und lebt sowieso in Saus und Braus. Also wie setzt man sich da geschickt zur Wehr? Schreibend ist es recht schwer, glaube ich.

Schreibend ist es schwer, ja, man könnte natürlich … aber auch da ist die Situation nicht so günstig … solange es noch die AZ (Arbeiter-Zeitung, Tageszeitung der Sozialdemokraten, eingestellt, Anm.)​ gegeben hat, da hätte ich die Möglichkeit gehabt, entweder was dort drinnen zu schreiben oder auch in so einem Fall jemanden zu bitten, zu mir zu kommen, sich über die Verhältnisse zu informieren, mit mir zu reden darüber. Bitte, Hans Haider würde sicherlich etwas machen in der PRESSE. Ist aber der einzige Verbliebene. Vielleicht noch KLEINE ZEITUNG, Graz, aber ich wüsste nicht, wen dort fragen. Primär wäre es heute die PRESSE. ​

Ist das nicht ein eigenartiges Zeichen? Wenn man an die Siebziger Jahre, damals hat es einige Tages- und Wochenzeitungen gegeben, auch Monatsmagazine, die man in solchen Fällen sofort hätte ansprechen können. Dann wäre auch sicher was passiert. Beispielsweise war damals ein Christoph Ransmayr der höchst umtriebige Kulturredakteur des EXTRABLATTES. Das gibt’s heute nicht mehr. Ein doch bedenkliches Zeichen, dass als einzige Hans Haider und die PRESSE übrig sind, aber sonst? Sonst bist du verloren. Stellt sich die Frage noch einmal: Wie kann ein Künstler da reagieren? Oder passiert’s dann nicht zu leicht, dass sich manche ganz von der Aktualität abwenden und sagen: Lasst’s mich in Ruh‘, ich mach meine Arbeit und aus.

Also ich, wenn ich nur von mir rede, ich würde versuchen – ich bin ja Mitglied des Kunstsenates –, diese Sache vor den Kunstsenat zu bringen. Und schauen, ob die was machen können. Und dann, wenn das von einer politischen Partei kommt, und von welcher anderen könnte sowas kommen als von den F, würde ich schauen, ob man da nicht direkt an den einen oder anderen herankommt, mit dem man unter Umständen reden kann. Das ist nicht einfach. Ich kenne auch den Kultursprecher der Eff nicht. Früher haben sie eine Dame gehabt, die war, glaube ich, in Ordnung. Damals hat die Hawlicek (ehem. Kunstministerin, derzeit EU-Abgeordnete der Sozialdemokraten, Anm.) ​ eine Reihe von Lesungen im sozialistischen Parlamentsclub gemacht und da hat sie die anderen Parteien auch eingeladen, und da war diese Kultursprecherin von den Freiheitlichen auch dabei. Und die hat dann mit mir gesprochen, und sie hat einen recht guten Eindruck gemacht. ​

Die ist jetzt beim LIBERALEN FORUM und heißt Klara Motter.

Ach! Jaja …

In einem Interview sagst du: In Österreich hätte man mich am liebsten begraben und vergessen. Das war die Zeit zwischen 1957 und 1965.

Siebenundfünfzig bis Anfang der Sechziger Jahre. ​

Du bist ja hierzulande als Autor erst reichlich spät gewürdigt worden.

Sehr spät ist das gewesen. Aber es hat begonnen in Graz, Einladungen vom FORUM STADTPARK, dort zu lesen, dann Veröffentlichungen in den MANUSKRIPTEN … das hat dort begonnen – und nicht in Wien!

​Wie ist denn dein Verhältnis zu Österreich, zu diesem unserem Land?

Ganz normal. Ganz normal. Keine Ressentiments, gar nicht. Mir ist nur dieser Haider verdächtig. ​

Ich weiß auch nicht genau, wie man mit dem umgehen soll.

Man hat sicher anfangs Fehler gemacht, zum Beispiel dass der Vranitzky mit dem nicht gesprochen hat, oder so Sachen auf diese Art. Das sind Fehler! ​ Man hätte versuchen müssen, ihn mehr einzubinden in das Ganze. ​

Kürzlich hat ein österreichischer Landeshauptmann vor laufender TV-Kamera gesagt, er habe überhaupt nur ein Buch in seinem Leben gelesen, ansonsten nie ein weiteres fertiggebracht. ​ In so einem Klima kann leicht alles Mögliche passieren. Was anderes: Wie ist das bei Lesungen, Vorträgen, wie reagieren die Leute? Gibt es da eine gewisse Klientel?

Naja, an Orten, wo ich schon einmal gelesen habe vor nicht allzu langer Zeit, da kommt schon eine Reihe Leute, die mich schon einmal gehört haben. Aber auch an Orten, wo ich bislang nicht gelesen habe, ist großes Interesse. Also meistens viel Publikum, und die Leute kommen schon zu mir und fragen mich Verschiedenes. Die Reaktion – ich will’s nicht verschreien – ist in den letzten Jahren immer sehr gut gewesen. Es gibt natürlich immer jemand, der aufspringt und rausgeht, aber das spielt ja überhaupt keine Rolle, das gehört ja dazu … ​

Deine Lesungen haben ja mehr Konzertcharakter, diese Auftritte mit den NEIGHBOURS, dem Erich Meixner, der Bigband.

Jaja, verschiedene Sachen haben Konzertcharakter, wenn ich mit den NEIGHBOURS vom Dieter Glawischnig auftrete. Jetzt werden auch die zwei großen Kompositionen für Bigband wiederholt, die der Dieter Glawischnig gemacht hat. Oder wenn ich mit Leuten vom VIENNA ART ORCHESTER aufgetreten bin, das hat natürlich Konzertcharakter. Mit dem Erich Meixner, das hat keinen Konzertcharakter, würde ich sagen; und das hat bisher immer sehr gut funktioniert, obwohl da eine ganze Reihe harter Brocken drinnen ist (Jandl lacht), wo man auch annehmen könnte, dass Leute empört sind. Aber es ist nicht so!

Fast alle deine Arbeiten sind stark politisch, aber nicht parteipolitisch in irgendeiner Art. Das geht von SCHTZNGRMM bis zu LAUT UND LUISE und dem letzten, LECHTS UND RINKS. Das ist ja eine Sammlung …

… eine Sammlung, wo der politische Aspekt besonders betont ist. Parteipolitische Sachen habe ich nie geschrieben, aber doch sehr viele politische, die entweder offen politisch sind oder einfach politisch wirken müssen durch die Art, wie sie geschrieben sind, denn – es ist eine vage Zielvorstellung, ich habe ja den Nationalsozialismus miterlebt – dass man anders schreiben muss, eine andere Literatur schreiben muss als die, die damals akzeptiert beziehungsweise gefeiert wurde. Das war mir von vornherein klar. ​



Nach dem Krieg sind ja Emigranten zurückgekommen, die eigentlich geschrieben haben wie immer, wie vor dem Krieg, sozusagen ohne Unterbruch.

Das war natürlich sehr schade, dass da niemand gekommen ist, der ein bisschen was anderes hereingebracht hätte, etwas, was in der Nazizeit gar nicht da war und vorher in der Dollfuß-Schuschnigg-Zeit kaum da war. ​

Mitte der 50er Jahre bist du mit Gerhard Rühm, Friederike Mayröcker und H. C. Artmann zusammengesessen, ihr habt Texte ausgetauscht, einander kritisiert …

​ … das hat 56 begonnen. Wir haben uns kennengelernt bei der Jugendkulturwoche 54, da habe ich den Rühm kennengelernt, die Friederike Mayröcker, den Gerhard Fritsch. ​ Und der Rühm war derjenige, der mir zum ersten Mal den Namen Artmann genannt hat. ​ Der war mir bis dahin ganz unbekannt. Ich habe zuerst nicht gewusst: Ist das ein Pseudonym – Art-Mann? Dann hat es noch eine Weile gedauert, bis wir uns eben immer wieder getroffen haben. Das muss in der zweiten Hälfte 56 begonnen haben. Da haben wir uns gegenseitig unsere Sachen gezeigt, vorgelesen, auf Mord und Brand diskutiert und so, das war sehr gut. ​

Ist sowas – also solche Diskussionsrunden – später auch noch einmal passiert?

Nein.

Und hast du etwas Ähnliches gemacht wie beispielsweise Hans Weigel, indem du jüngere Autorinnen und Autoren um dich geschart hast und sie unterstützt hast, sozusagen einen gewissen »Kreis« um dich herum platziert hast von aufstrebenden Talenten?

Das habe ich nie gemacht, nein.

​Als ich dich persönlich kennenlernte, warst du gerade Präsident der GRAZER AUTORENVERSAMMLUNG, und alle im Vorstand hatten, wie ich merken konnte, ziemlichen Respekt vor dir. War für mich ein bisschen wie Schule (Jandl lacht auf). ​ Wie beurteilst du heute die Grazer Autorenversammlung als politischen Autorenverband, der sie ja sein möchte oder ist?

Ich finde, es ist gut, dass es die GAV gibt, sie hat sich vom Anfang an ja doch sehr verändert, aber sie hat eine politische Linie beibehalten, die ich akzeptiere. ​

Es gibt jüngere, die die Meinung vertreten, Vereine wie PEN-Club oder GAV sind veraltet, die brauchen wir nicht mehr, und jeder soll selber schauen, wie er weiterkommt.

Das halte ich nicht für richtig. Ich habe keine Ahnung, was der PEN macht. Aber ich weiß, dass die meisten Autoren bei der Grazer Autorenversammlung sind. Ich kann nur hoffen, dass viele dieser Autoren noch einen anständigen Erfolg haben werden, sofern sie ihn noch nicht haben. Es ist ein Blödsinn, dass manche aus der GAV ausgetreten sind, das halte ich für einen Unsinn. Kolleritsch ist wieder eingetreten​. Ich habe ihn nach Mürzzuschlag gefragt, ob er nicht wieder eintreten möchte. Ja, ohne weiteres. Warum ist die Jelinek ausgetreten? Warum ist die Gerstl ausgetreten? Das ist ja unbedacht im Grunde.



Eine gewisse Organisation ist zweifellos recht wichtig, vor allem, wenn man das kulturpolitische Klima beobachtet und daraus Schlüsse zieht. So sind die Verdienstmöglichkeiten für Literaten, obwohl jetzt mehr Verlage wieder Belletristik machen – ein Verdienst der Autoren und Kulturverlage – eigentlich geringer geworden. Es gibt kaum mehr Hörspiele, Features … ​ Die Haupteinnahmen kommen wahrscheinlich von Lesungen. ​

Die kommen sicher von Lesungen. ​

Was hältst du jetzt von der Einrichtung des Sozialfonds? Manche verbreiten ja, das wäre eine Freunderlwirtschaft – was es nicht ist, wie wir wissen, im Gegenteil. Aber es gibt eben solche Behauptungen, die, obwohl nicht richtig, einen schlechten Geruch hinterlassen.

​Ich sehe zum Sozialfonds, so wie er jetzt besteht, eigentlich keine Alternative. Wenn der zum Beispiel organisatorisch, die Verteilung und das alles, in den Rahmen der IG Autoren geraten würde, das wäre wahrscheinlich schwieriger. Wenn diejenigen das in die Hand kriegen würden, die selber um ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen, das wäre dann eine mörderische Sache.

​Jetzt interessiert mich auch noch, was du gerade liest. Hast du einen Lieblingsautor oder hast du eine Lieblingslektüre?

Lieblingslektüre würde ich jetzt nicht sagen, aber, sofern mir Zeit zum Lesen bleibt, lese ich etwa eine Anthologie wie jene, die der Jörg Drews bei Reclam Leipzig herausgegeben hat. Aber ich versuche auch was anderes, ich habe einen gewissen Hang zur Trivialliteratur und habe mir Stephen King, INSOMNIA, gekauft, komme aber nicht recht weiter. Und dann bin ich noch im Haslinger OPERNBALL drinnen. Ich kann das Buch noch nicht abschätzen, weil ich noch nicht ganz durch bin, aber ich begrüße es an und für sich, dass jemand von der Intelligenz des Haslinger sich mit so einer Gattung des, sagen wir einmal, politisch motivierten Trivialromans beschäftigt, ich finde das sehr gut. Das sollten mehr von uns machen. ​

Auffallend, dass im deutschen Sprachraum diese Unterscheidung zwischen Trivial- und Hochliteratur leider viel zu krass …

… ja, man sollte das fallen lassen … wie die E- und U-Musik. Man sollte das fallen lassen. Es gibt gute und schlechte Bücher, aber was heißt Trivialliteratur und hohe Literatur. ​

Bei uns, und nicht nur bei den jüngeren Autorinnen und Autoren, gibt es mehr und mehr Kollegen, die jetzt Krimis schreiben, und ziemlich aufregende sogar, Bracharz etwa oder Edith Kneifl.

Großartig. Das ist eine Gattung, die man bei uns bisher überhaupt nicht gepflegt und in keiner Weise beherrscht hat. ​

Abschließend: In der Zeitschrift DU wirst du folgendermaßen zitiert: »Ich habe keine Anhänger. ​ Ich habe keinen Kreis. ​ Ich halte nirgendwo Hof«. Ich habe keine Anhänger – das kann doch nicht ganz stimmen nach meinem Wissensstand.

Also das erste stimmt nicht – »ich habe keine Anhänger«, das stimmt einfach nicht. Das andere schon, ja.

Literaturtipps: Werke von Ernst Jandl im Luchterhand Literaturverlag:

  • SPRECHBLASEN (Gedichte, 1968) ​
  • DINGFEST (1973)
  • DIE SCHÖNE KUNST DES SCHREIBENS (Aufsätze, 1983)
  • GESAMMELTE WERKE IN DREI BÄNDEN (1985) ​
  • IDYLLEN (Gedichte, 1989) ​
  • STANZEN (1992) ​
  • Zuletzt: LECHTS UND RINKS. gedichte, statements, peppermints. Ausgewählt vom Autor und mit einem Geburtstagsgedicht versehen von Oskar Pastior (1995).

Über Ernst Jandl erschienen 1995 folgende Publikationen:

  • DU. Die Zeitschrift der Kultur. An den Rändern der Sprache: Friederike Mayröcker. Ernst Jandl. Heft Mai 1995. Inklusive zwei Doppel-CDs und illustr. Begleitband (Zürich).
  • WAS. Zeitschrift für Kultur und Politik. Hommage an Ernst Jandl. Mit Beiträgen von Jörg Drews, Alfred Kolleritsch, Michael Scharang, Hans Haider. Heft 82/95. (Kunsthaus Mürzzuschlag).
  • MANUSKRIPTE. Zeitschrift für Literatur. Heft 128/95. (Forum Stadtpark. Graz).
  • Gerhard Jaschke ERNST JANDL ZUM SIEBZIGSTEN. Texte. Freibord Sonderdruck Nr. 25. (Wien).

Neuerscheinungen 2025:

Christof Bultmann, Regina Kammerer, Martina Klüver und Miriam Spinrath (Hg.)
Ernst Jandl zum 100. Lieblingsgedichte – ausgewählt und kommentiert von Luchterhand-AutorInnen
Luchterhand, 176 S.

Bernhard Fetz
Ernst Jandl. Biografie einer Stimme
Wallstein, 268 S.