Buchkultur Schaukasten | Buchtipps | Elternbeziehung | Gegenwartsliteratur | Mutterroman | Neuer Roman | Neuerscheinung | Schaukasten

Andrea Roedig

Die Mutter wird man nicht los

von Dagmar Kaindl 

11. März 2022

Zwischen Entäußerung und Befreiung: Andrea Roedig und ihr autofiktionaler Roman „Man kann Müttern nicht trauen“.


Warum verlässt eine Frau ihre noch minderjährigen Kinder? Welche Spuren hinterlässt das bei ihnen? Diesen Fragen geht Andrea Roedig (Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift „Wespennest“) aus eigener Betroffenheit nach. Sie war zwölf, als ihre Mutter die Familie verließ. Wie man als Kind damit weiterlebt und welche Wunden davon zurückbleiben, davon erzählt dieses bestürzend-schaurige Buch, für das Roedig auch mit anderen Müttern und deren zurückgelassenen Kindern gesprochen hat.

„Vertrautheit ohne Boden“: „Man kann Müttern nicht trauen“ rekonstruiert das Leben einer Fremden. Denn Lilo, die Mutter, bleibt eine Fremde – auch, nachdem sie sich drei Jahre später wieder bei ihren Kindern (eine Tochter, ein Sohn) zurückmeldet. Halt gibt es schon vor ihrem Verschwinden keinen. Die Eltern trinken, Lilo greift auch nach Tabletten. Der Vater, ebenfalls Alkoholiker, macht sich nach dem Konkurs der familieneigenen Fleischerei rar, manchmal gibt es tagelang nichts Ordentliches zu essen, die Kinder verwahrlosen zusehends, ehe sie ins Heim und ins Internat kommen.

Wer war die Frau, die mich geboren hat? Worin bestand ihr Unglück? Und wieviel davon gab sie weiter? Lilo ist Jahrgang 1938, ein Kriegskind. Der Vater fällt im Krieg, die Mutter züchtigt sie – das bleibt Lilos lebenslanges Trauma. Sie wird es fortan für ihr eigenes Versagen ins Feld führen. Ihre frühe Heirat verspricht zwar sozialen Aufstieg und zunächst auch finanziellen. Doch auch in den 60er und 70er Jahren sind die Wahlmöglichkeiten der Frauen in der Praxis nach wie vor begrenzt und Freiheit hat ihren Preis. Lilo wird es hart zu spüren bekommen, als ihr der Schwiegervater die Tür weist.

Mütter, die gehen? Andrea Roedigs Geschichte ist auch eine kritische über Mutterschaft, eine schmerzliche Auseinandersetzung mit einem nach wie vor tabuisierten Thema – für alle Beteiligten –, das an den Grundüberzeugungen unserer patriarchalen Gesellschaft rüttelt. Der sehr persönliche Versuch einer Annäherung an ein Phantom: erschütternd und ernüchternd ehrlich. Die Suche nach der (eigenen) Mutter ist eine lebenslange, die Narben einer nicht geglückten Bindung sind bleibende. Schuld bindet und Schuld trennt. Und auf viele Fragen gibt es keine Antworten. Damit umzugehen, ist schwer. Es aufzuschreiben, befreiend. Ein Buch wie ein Abschied – schmerzhaft und leicht zugleich und großartig erzählt.

Andrea Roedig
Man kann Müttern nicht trauen
dtv, 240 S.

Aus der Redaktion

Colombe Schneck

Im Haus der zweiten Eltern

Autofiktional ergründet Colombe Schneck eine Kindheitsidylle.

von Sieglinde Wöhrer

Paulina Behrendt, Jan Robert Dünnweiler

Malerisch poetisch

Von der Bühne ins Buch: Paulina Behrendts zarter und doch starker Text, atmosphärisch illustriert von Jan Robert Dünnweller.

von Maria Nowotnick

Helga Schubert

»Die Literatur kann nur gegen Pathos und Einseitigkeit wirken«

Helga Schubert blickt zurück, zieht Bilanz und macht Mut für die Zukunft. »Luft zum Leben« heißt ihr autofiktionaler Prosaband aus alten und neuen Geschichten, unveröffentlichten Gedichten, Aufsätzen und Vorträgen aus 65 Jahren.

von Dagmar Kaindl

Lesefunken

Seelenpuppen, Irrwege und geflüsterte Geheimnisse

Jordan Lees legt ein Fantasy-Debüt für Leser/innen ab 11 Jahren vor, das wahrlich Applaus verdient.

von Saskia Pacher

Pier Vittorio Tondelli

Die Topografie einer Liebe

Nähe wird Distanz, Distanz wird Einsamkeit. Pier Vittorio Tondelli verwandelt Verlust in zeitlose, poetische Intensität.

von Barbara Seidl-Reutz

Buchkribbeln

David Szalay: Was nur gezeigt werden kann

Spätestens seit letztem Jahr bin ich großer Fan des Booker Prize. Der professionelle Auftritt in den Sozialen Medien, das Event, zugängliche, diverse Bücher: Der Preis übt auf mich eine große Faszination aus.

von Katia Schwingshandl

Agi Ofner

Vielstimmige Wolfsjagd

Ein Wolf, ein Dorf und ein Tag, der alles verändert: Fünf Jugendliche sind in »Problemwölfe« unterwegs, um die Welt ein klein wenig besser zu machen.

von Karoline Pilcz

Babyn Jar

Literarisches Erinnern

Zwei Romane über Babyn Jar, das Massaker der deutschen Besatzer im Kiewer Raum.

von Christa Nebenführ

Hubert Gaisbauer

Das tröstliche Licht

»Vor der Ewigkeit« nennt der Publizist Hubert Gaisbauer sein Buch über die letzten Tage und Stunden berühmter Menschen.

von Konrad Holzer

Peter Waterhouse

Alles überall auf einmal

Durch Zeit und Raum in Begleitung von Gespenstern, Toten und Ungeborenen: Der Mammut-Riesen-Total-Roman »Z Ypsilon X« von Peter Waterhouse über Schuld und Scham in der Familie.

von Alexander Kluy

Roger Willemsen

Der Schwärmer und sein Handwerk

Anlässlich der soeben von Insa Wilke herausgegebenen Textsammlung »Liegen Sie bequem. Vom Lesen und von Büchern«, sprach sie mit Caspar-Maria Russo über Roger Willemsen: Über skurrile Leseorte, Lesebiografien, Robert Musil und einen legendären Gemüseeintopf.

von Caspar-Maria Russo

Oyinkan Braithwaite

»Einige der Frauen um mich würde ich sogar mit Bulldozern vergleichen«

Drei Generationen von Frauen unter einem Dach: Oyinkan Braithwaites in Lagos und Umgebung spielender Roman »Der Fluch der Falodun Frauen« ist Geister-, Generationen-, Familien-, Emanzipations- und Liebesroman zugleich.

von Dagmar Kaindl