Während Gewalt die Welt enger werden lässt, hält Abbas Khider eine fragile Hoffnung auf den Flügeln der Tauben lebendig. Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Aus: Buchkultur 224, Februar 2026


Die Taubenzucht hat im Irak eine jahrtausendealte Tradition. Schon im antiken Mesopotamien galten Tauben als heilige Wesen, später als Boten und Gefährten des Alltags. Aus dieser kulturellen Tiefe erwächst in Abbas Khiders Roman »Der letzte Sommer der Tauben« ein stilles, poetisches Fundament. Der vierzehnjährige Noah, Taubenzüchter, wie auch der Autor es in seiner Kindheit war, hütet seine Vögel wie ein Versprechen von Freiheit, bis die Flügel, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, gestutzt werden. Khider erzählt in klarer, bilderreicher Sprache aus der Perspektive eines Jungen, dessen Kindheit durch die Willkür eines totalitären Systems bedroht ist. Gerade die leisen Momente, der feine Humor und die Poesie des Alltags bilden einen sanften Kontrast zu einer Gewalt, die in das Private vordringt und selbst die letzten Schutzräume untergräbt.

Der Roman ist eine Parabel über Verlust und Erwachsenwerden, über Sinnsuche und stillen Widerstand. Die Tauben werden zu einem kraftvollen Symbol für Sehnsucht, Freiheit und den Versuch, Menschlichkeit zu bewahren, wenn die Spielräume eng werden und Vertrauen in Vorsicht umschlägt. Khider verdichtet große politische Themen in die intime Erfahrung eines Jugendlichen und bleibt nahe an seinem begrenzten Alltag. Seine Bilder sind fein und präzise, zugleich unbarmherzig in ihrer Wirkung. So entsteht eine intensive Lektüre über das Ende der Unschuld und über eine fragile Hoffnung, die sich auf den Moment richtet, in dem die Tauben wieder fliegen.

Abbas Khider
Der letzte Sommer der Tauben
Hanser, 216 S.