Der Preis zum Wissenschaftsbuch des Jahres wird vom österreichischen Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung ausgeschrieben und prämiert die besten deutschsprachigen, wissenschaftlich fundierten Sachbücher: Hier stehen sie im Mittelpunkt und mit ihnen jene Personen, die Forschung betreiben und durch ihre Publikationen vermitteln. Gleichzeitig macht der Preis deutlich, wie sehr das Buch das zentrale Medium für die Wissensvermittlung ist.

Jetzt hat das Publikum entschieden: Fast 6.000 Stimmen wurden bei der diesjährigen Wahl abgegeben, nun stehen die Siegertitel des »Wissenschaftsbuch des Jahres 2026« fest. Buchkultur gratuliert den Gewinner/innen herzlich!


Oliver Rathkolb
Ökonomie der Angst. Die Rückkehr des nervösen Zeitalters (Molden)
Sieger Kategorie »Geistes-, Sozial-, Kulturwissenschaften«

»Nervosität« gilt unter Historiker/innen als ein gesellschaftliches Charakteristikum der Zeit zwischen 1890 und 1914. Aber kennzeichnet das nicht auch unsere Epoche? Darüber denkt der Wiener Historiker Oliver Rathkolb nach und konstatiert im Rückgriff auf die Historie, dass ein solch »nervöses Zeitalter« nun wieder angebrochen sei. Politische Umwälzungen, ökonomische Krisen und technologische Innovationen nahezu im Dauermodus: Das überfordert nicht nur bloß uns Zeitgenoss/innen, sondern irritierte schon die Menschen der Jahrhundertwende massiv – wie Rathkolb in seiner profunden, erhellenden wie erschreckenden Zeitvergleichsstudie zeigt. Beide historische Phasen, damals wie heute, waren von Scharlatanen in der Wirtschaft, Hetzern in der Politik und einer wachsenden Polarisierung der Bevölkerung geprägt. Und ob um 1926 oder 2026: Sich verbreitende Gefühle der Marginalisierung und des Abgehängt-Seins weck(t)en Sehnsüchte nach dem »starken Mann« an der Spitze und damit einhergehend einfachen wie radikalen Lösungen, die aber nicht selten auf den Abbau der Demokratie abziel(t)en. Das stellt Oliver Rathkolb in seinem Buch äußerst informativ wie eindrücklich dar.


Werner Bartens
Leib und Seele. Eine Reise durch die Geschichte der Medizin (Rowohlt)
Sieger Kategorie »Medizin / Biologie«

Denkfehler ziehen sich durch die Medizingeschichte, wie Werner Bartens, Mediziner und Wissenschaftsredakteur der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG in seinem neuen Buch zeigt, das von spirituellen Heilungsunternehmungen in frühen Hochkulturen über das Aderlassen bis zur digitalisierten High-Tech-Medizin der Gegenwart eine weite Reise durch die Historie nimmt. Bartens nimmt dabei anschaulich die Wechselwirkung von körperlichem Befinden und seelischem Zustand in den Blick, untersucht akribisch, wie psychologische Faktoren Wahrnehmung und Verlauf von Krankheiten beeinflussen können und appelliert dabei für eine ganzheitliche Betrachtung von Körper und Seele. Eine solche Perspektive ist aber weniger etabliert, als man annehmen würde, wie Bartens in seiner kritischen Auseinandersetzung mit modernen Tendenzen zeigt: Seine Untersuchung der Rolle der Ärzte in der Gesellschaft und der heutigen Arzt-Patienten-Beziehung kommt zu dem Schluss, dass sich die Mediziner inzwischen wieder von ihren Patienten – etwa durch die wachsende Bürokratisierung – weg bewegen bzw. sich gar von ihnen zunehmend entfremden.

Bartens plädiert für eine Rückbesinnung auf Empathie und menschliche Zuwendung und erweist sich dabei zugleich als äußerst talentierter Erzähler der Medizingeschichte.


Katja Seifert
Auf in die Berge! Was Menschen in die Höhe treibt (NordSüd)
Siegerin Kategorie »Junior-Wissen«

Das Gebirge fasziniert seit jeher – groß wie klein: An das jüngere, von Bergen begeisterte Publikum richtet sich das erste Bildersachbuch der Linzer Illustratorin Katja Seifert und nimmt an den luftigen Höhen interessierte Kinder ab 6 Jahren auf eine spannende Entdeckungstour mit. Detailreich wie außergewöhnlich zeichnet sie diese massive Landschaft und die Menschen, die versuchten sie zu bezwingen: Sie stellt alpinistische Pionier/innen vor und widmet sich dabei vor allem jenen Frauen, die sich gegen die männlichen Bergsteiger durchsetzen mussten. Mit sanften Farben errichtet Seifert den Bergen ein opulentes, papiernes Denkmal und illustriert somit auch die Gefahren am Berg und die Entwicklung des Bergsteigens insgesamt von der Veränderung der Ausrüstung bis zu den Auswüchsen des Massentourismus.


Susana Monsó
Das Schweigen der Schimpansen. Wie Tiere den Tod verstehen (Insel)
Siegerin Kategorie »Naturwissenschaft/Technik«

Auch für Tiere ist der Tod Teil des Alltags. Aber können sie ihn auch verstehen und somit Trauer empfinden und Verlust spüren? Das fragt sich die spanische Philosophin Susana Monsó von der Universität Madrid und antwortet schnell mit: Ja. Tiere erleben den Tod und sie verstehen ihn. Dafür präsentiert sie in ihrem fesselnden Buch zahlreiche Beispiele: Orca-Weibchen tragen ihre totgeborenen Kälber über Wochen durchs Meer. Schimpansen verstummen, wenn sie tote Artgenossen sehen oder reinigen deren Leichen. Delfine helfen Sterbenden unter den Ihren, sich bis zum Ableben über Wasser zu halten. Monsó offeriert aber keine bloße naturwissenschaftliche Anekdotensammlung, sondern taucht anhand von biologischen und philosophischen Erkenntnissen tief in die Materie ein und dennoch gelingt es ihr, nicht bloß Informationen an ein Fachpublikum zu referieren. Die Annahme des Menschen, ein Monopol auf das Wissen über den Tod zu haben, ist laut Monsó somit falsch: Tiere gehen psychologisch, emotional und kognitiv sehr ähnlich mit ihrer eigenen Endlichkeit um. Ein kluges, bewegendes wie forderndes Werk, das somit auch zum Nach- und Umdenken über unser Verhältnis zu den Tieren aufruft.