Die Schweiz macht vieles anders: Sie hat keinen Euro, ist nicht einmal Teil der EU und, spezifischer auf die Buchbranche bezogen, hat sich auch der Buchpreisbindung entledigt. Und doch gibt es dort eine hochwertige, umtriebige und erfolgreiche Literatur- und Verlagslandschaft. Wie geht das?

Um das herauszufinden, haben wir beschlossen, in Ausgabe 225 dem »Bücherland Schweiz« einen redaktionellen Schwerpunkt zu widmen: Und so stehen ganze zehn Seiten der neuen Buchkultur im Zeichen unseres Nachbarlandes. Zur Einstimmung gibt uns Marius Leutenegger, seines Zeichens Chefredaktor des Branchenmagazins SCHWEIZER BUCHHANDEL, erste Hinweise zu möglichen Antworten auf unsere Fragezeichen. Foto: privat.


In rückwärts gewandten Zeiten wie diesen mutet Folgendes vielleicht ein wenig seltsam an, aber: Nationalismus ist mir zutiefst zuwider. Und in der Bücherwelt, die doch in jeder Hinsicht grenzenlos ist, finde ich ihn noch etwas eigen- und unartiger als überhaupt. Interpretieren Sie folgende Aussage daher nicht als Ausdruck von Chauvinismus, es handelt sich lediglich um eine nüchterne Feststellung:

Die Schweizer Literaturszene war und ist auf beeindruckend hohem Niveau.

Sie wollen Beweise? Bitteschön: Es wird wohl kaum jemand bestreiten, dass die Herren Frisch und Dürrenmatt gemeinsam mit dem Herrn Brecht das Stockerl in der Disziplin »Wichtigste deutschsprachige Dramatiker des 20. Jahrhunderts« besetzen. Ein starker Beleg! Ein etwas aktuellerer ist die Tatsache, dass von den letzten vier deutschen Buchpreisen zwei in die Schweiz gingen: 2022 für »Blutbuch« von Kim de l’Horizon, letztes Jahr für «Die Holländerinnen» von Dorothee Elmiger. Dabei darf man nicht vergessen, dass in der Deutschschweiz gerade einmal sechs Millionen Menschen leben – ein Bruchteil der Bevölkerung Deutschlands.

Was macht die Schweizer Literatur so gut? Die Schweiz ist bekanntlich ein reiches Land. Trotzdem ist die Literaturförderung hierzulande nicht gerade üppig, vergleicht man die Situation zum Beispiel mit jener in Frankreich. Daran kann es also nicht liegen. Das Schweizer Bildungsniveau mag schon eher begünstigend wirken: Fast die Hälfte der Erwerbsbevölkerung in der Schweiz verfügt über einen Tertiärabschluss. Den Umgang mit Sprache, auch mit etwas komplexerer, ist man hierzulande gewohnt.

Viel stärker ins Gewicht fällt meiner – möglicherweise auch falschen – Ansicht nach aber die gesellschaftliche und politische Basis, auf der die Schweiz beruht. In unserer direkten Demokratie lernen wir von früh auf, dass unsere Meinung zählt. Dass Diskurs nicht sinnlos ist, sondern am Ende zu guten Resultaten führt. Dass die anderen zwar vielleicht nicht Recht haben, ihre Meinung aber sagen dürfen. Wir hatten, sieht man mal von den prunkverliebten St. Galler Fürstäbten ab, keine Monarchen – und lernten schon vor Generationen, selber zu denken. Das ist ein toller Nährboden für eine Auseinandersetzung mit der Welt und mit sich selber.

Kommt hinzu, dass unsere Gesellschaft sehr stark durchmischt ist. Auf kleinster Fläche finden sich vier Sprachräume, gibt es topmoderne Urbanität neben echter Ländlichkeit. Und die Schweiz ist ganz generell ein kultureller Schmelztiegel. Wussten Sie, dass der Anteil ausländischer Einwohnerinnen und Einwohner an der Gesamtbevölkerung über 27 Prozent beträgt? In Deutschland liegt er bei etwa 17 Prozent, in Österreich bei rund 20. Gesellschaftliche Vielfalt muss sich auf die literarische auswirken. Zumindest dann, wenn das Umfeld einigermaßen frei ist.

Aber genug der Selbstbetrachtung und -beweihräucherung! Wir haben vieles, aber längst nicht alles. Ich freue mich zum Beispiel an der saftigen Schreibe von Franzobel und an der präzis-eleganten von Christoph Ransmayr. Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Stefanie Sargnagel – Felix Austria! Oder besser: Felix Orbis litterarum, Welt der Literatur, die man wirklich nicht mit Grenzen einengen sollte. Aber da sie nun einmal mal da sind, diese Grenzen, braucht es regelmäßig einen Blick darüber hinweg. Wie ihn jetzt BUCHKULTUR dankenswerterweise wagt.


Marius Leutenegger, noch nicht einmal 60, ist Journalist und Theatermensch. Viele Jahre lang verantwortete er in der Schweiz das Büchermagazin LESEN, seit 2020 ist er Chefredaktor des Branchenmagazins SCHWEIZER BUCHHANDEL, das vom Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband SBVV herausgegeben wird.