Anna Schapiros autofiktionales Debüt ist eine Spurensuche nach Identität, Herkunft und den einzelnen Schicksalen sowjetisch-jüdischen Lebens. Foto: Victoria Mitelman.


Was bleibt von einer Familie, wenn die Matriarchin stirbt? Bei Anna Schapiro zunächst: ein Bündel Anekdoten, über Jahre weitererzählt und selten hinterfragt. Auf der Beerdigung ihrer Großmutter Sweety, deren Spitzname zur strengen Frau, einer ehemaligen sowjetischen Nierenforscherin, nur bedingt passt, beschließt Anna, den Familienlegenden auf die Spur zu gehen. Mit einem Aufnahmegerät im Gepäck reist sie nach New York und Boston, nach Haifa und Arad, zu entfernten Verwandten, alten Studienfreund/innen und ehemaligen Kolleg/innen ihrer Großeltern.

Das Debüt lebt vom Wechsel zweier Tonlagen. Annas eigene Gedanken sind intim, dicht und poetisch, die Gespräche dagegen lesen sich stellenweise fast wie ein Transkript. Trocken wird das trotzdem nie. Gerade weil diese Passagen so nah am gesprochenen Wort bleiben, ausschweifen, scheinbaren Nebensächlichkeiten denselben Platz gewähren wie großen historischen Einschnitten, taucht man tief ein in die einzelnen Leben und Schicksale, aus denen diese verzweigte Familienkoralle gewachsen sind. Es geht um Krieg, um Abschiede, um den Antisemitismus in der Sowjetunion und darum, was von einer gemeinsamen Herkunft bleibt, wenn sie sich über drei Kontinente verstreut.

Dabei wird auch klar: Welche Geschichten in einer Familie weitergegeben werden und welche nicht, hängt oft schlicht davon ab, wer gerne erzählt und wer lieber schweigt. Anna Schapiro will aber alles wissen. Und zeigt durch ihr jahrelanges Nachfragen und Zuhören, wie viel Leben doch in einer einzigen Familie steckt.

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Anna Schapiro
Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie dabei nicht, dass Sie zu Gast sind
Matthes & Seitz Berlin, 238 S.