Die außergewöhnliche Expedition zu verlorenen Symbolen westlicher Kultur in Sibirien.


Sibirien, ein »Beinahe-Land«. Eines mit losen Grenzen, eines, das ein Elftel der Landmasse bedeckt und doch so außerhalb unseres Bewusstseins liegt. Personen von Rang und Namen saßen hier in Strafkolonien und Gulags ihre Strafen ab. Klimawandelbedingt hört man von ihm seit neuestem in den Nachrichten, dennoch stellt man es sich kalt und unwirtlich vor. Kann es aber sein, dass es sich in Wahrheit einfach aus Unwissen unserer Vorstellung entzieht? Sophy Roberts bereist dieses fast schon unwirkliche Stück Erde aus einem Grund, der nicht so leicht zu erraten ist. Denn: »Sibirien hat noch eine andere Geschichte zu erzählen. Im ganzen Land verstreut finden sich Klaviere.« 

Als »verlorene Symbole der westlichen Kultur« finden sich hier zwar nicht viele, aber doch ein paar Exemplare. Dem Rätsel, wie es die Instrumente in die verschneite Wildnis geschafft haben, geht Roberts nun nach – ihre abstruse Expedition ist nicht nur romantische Liebeserklärung an das Land, das gar kein eigenes ist, sie ist auch ein wunderbarer Abriss der Klavierbauerei in Europa und darüber hinaus. Circa um 1770 entstanden, trat das Tasteninstrument seinen Eroberungsfeldzug von England, Frankreich, Deutschland und Amerika aus an, wurde bald ein regelrechtes Prestigeobjekt. Wissend und mit detaillierten Informationen berichtet Roberts von Klavieren, von Sibirien und von Klavieren in Sibieren – Interesse für zumindest einen Teil dieser ungewöhnlichen Kombination ist bei der Lektüre bestimmt von Vorteil.

Aus: Buchkultur 192, Oktober 2020. Foto: Chris, einer der Schlittenhunde Captain Scotts, lauscht einem auf dem Eis stehenden Grammophon, um 1911. (Copyright: Zsolnay Verlag)


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Die Autorin

Sophy Roberts studierte unter anderem in Oxford und an der Columbia University, New York, und arbeitete für Condé Nast Traveller, The Economist und Financial Times Weekend. Sie lebt in West Dorset (GB). Sibiriens vergessene Klaviere ist ihr erstes Buch.

Interview mit Sophy Roberts

Sophy Roberts, Sie sind eine bekannte Reporterin und haben viel von der Welt gesehen. Ihr erstes Buch, Sibiriens vergessene Klaviere, ist im englischen Original im Februar 2020 erschienen. Wie kamen Sie zum Schreiben?

Seit meiner Kindheit wollte ich schreiben. Ich verbrachte eine glück­liche Kindheit am Land, im Südwesten Schottlands, mein Vater betrieb eine Fischzucht. Orte waren für mich, für mein Schreiben seit jeher wichtig, lange bevor ich mir das Reisen leisten konnte oder als Journalistin dafür sogar bezahlt wurde. Mit zirka dreizehn Jahren schrieb ich ein Buch über unseren griesgrämigen Highland-Terrier (meine Mutter besitzt das einzige Exemplar), angesiedelt in der Heide- und Moorlandschaft meiner Kindheit. In meinen Dreißigern versuchte ich mich dann in der Belletristik. Damals schrieb ich einen Roman mit dem Titel The Butterfly Tide. Darin geht es um ein Kind, das durch eine Monsterwelle an einem Strand in Südirland ums Leben kommt. Auch diese Gegend kenne ich gut, weil mein Vater ein begeisterter Lachsfischer ist. Der ­Roman war nicht besonders gut, er liegt in einer Schublade bei mir ­zuhause.

Und dann ging es direkt zum erzählenden Sachbuch?

Erst in meinen Vierzigern habe ich erkannt, dass meine Berufung als Schriftstellerin darin liegt, die Geschichten anderer Leute aufzuzeichnen. Erzählende Sachbücher mit einem Schwerpunkt auf Erinnerungen von lebenden Menschen aus Fleisch und Blut, nicht nur aus Büchern bezogene Geschichten. Das ist für mich das richtige Vehikel für jene Art Empathie, die ich als Autorin und Reporterin entwickeln will. Ich möchte an Türen klopfen und Geschichten erfahren, die bis jetzt nicht erzählt worden sind. Autorin zu sein bietet einem eine Art magischen Zugang.

Sophie Roberts im Gespräch mit Tessa Szyszkowitz

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Leseprobe

Sophy Roberts, »Sibiriens vergessene Klaviere« (Zsolnay),
Übers. v. Brigitte Hilzensauer, 400 S.