„Schreiben Frauen anders?“ – diese Frage wird seit der Gründung von edition fünf immer wieder an uns herangetragen. Nein, antworten wir. Jede und jeder schreibt anders. Es gibt keine weibliche Literatur an sich, genau so wenig wie es eine schwarze Literatur an sich gibt. Aber es gefällt uns aufzuspüren, ob und wie das weibliche Leben Spuren im Schreiben von Frauen hinterlässt.

Wir fanden zunächst die Traditionslinien weiblichen Schreibens in den USA interessant: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts vom moralisch überhöhten Bild der True Woman bis zur Ära der New Woman bewegten sich die Autorinnen zwischen Domestic Novel über die Reformliteratur (Fürsprache für schwächere Schichten und ethnische Gruppen) bis hin zur bewussten Abkehr von herrschenden kulturellen und literarischen Werten und Verhaltensmustern gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ab hier wurde es für uns interessant. Wir begaben uns auf Spurensuche – und stießen auf erstaunliche Lücken in der deutschsprachigen Buchlandschaft. Diese zu schließen war unser Antrieb und der Gründungsgedanke von edition fünf vor zehn Jahren.

Unsere erste Wiederentdeckung war und ist ein Meilenstein der amerikanischen Literaturgeschichte: Kate Chopin, „The Awakening“ (deutsch „Das Erwachen“) von 1899. Eine Frau der gehobenen Mittelschicht erlaubt es sich, ein eigenes Leben außerhalb der vorbestimmten Rollen als Ehefrau, Mutter und Dame der Gesellschaft zu leben. Die Geschichte dieser Selbstermächtigung galt bei Erscheinen als skandalös. Kate Chopin starb 1905 von der Kritik geächtet und geriet jahrzehntelang in Vergessenheit. Heute zählt „Das Erwachen“ zu den meistgelesenen Romanen in den USA.

Die ersten Programme von edition fünf standen unter den Motti „Aufbruch“ und „Wagnisse“. Wir starteten mit Büchern, die wir lange schon auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vermisst hatten. Neben dem erwähnten „Das Erwachen“ waren dies die selbstbewusste Liebesgeschichte „Das Exemplar“ von Annette Kolb (1913) und „Hochzeit in Konstantinopel“ von Irmtraud Morgner, ein freches Werk über weibliche Selbstwerdung, das die Autorin Ende der 1960er Jahre haarscharf an der DDR-Zensur vorbei schrieb.

Geradezu verblüffend erschien uns die Abwesenheit der großen US-Amerikanerinnen Marilynne Robinson und Zora Neale Hurston, die international längst zu Klassikerinnen geworden waren. Offenbar fühlte kein Verlag die Verantwortung, ihre Werke lieferbar und vollständig zu halten. Ein Umstand, der bei männlichen Schriftstellern dieses Ranges undenkbar gewesen wäre. So erschienen bei uns die bahnbrechenden Romane „Haus ohne Welt“ und „Vor ihren Augen sahen sie Gott“ in neuen Übersetzungen.

Doch nicht nur bei den Amerikanerinnen wurden wir fündig. Es folgten Romane aus Neuseeland, Australien, Italien, England, Frankreich, Deutschland, Österreich, Schweiz, Schweden, Norwegen sowie Sammelbände mit Geschichten aus Brasilien, Finnland, Holland und Georgien – bis jetzt 37 gebundene Bände in wunderschöner Ausstattung.

edition fünf geht es um eigenwillige Herangehensweisen ans Erzählen. Wir suchen nach der weiblichen Sicht der Dinge, aber nicht nach „dem Weiblichen“ schlechthin. Es ist schlicht so, dass Frauen anderes zu erzählen haben als Männer. Dabei gehen wir nicht auf die Suche nach Leidensgeschichten in einer männerdominierten Welt, sondern konzentrieren uns auf Lebendigkeit, Frische, Wärme und Entdeckungsfreude. Letztendlich geht es bei uns, wie so oft in der Literatur, um Wege der Menschwerdung.

Dieser Beitrag wurde zuerst im Buchkultur-Bücherbrief vom 21. Juli 2020 veröffentlicht. Jetzt hier kostenlos abonnieren!

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Silke Weniger arbeitet seit über 25 Jahren als Literaturagentin in München, nach Zwischenstationen in Paris und New York gründete sie ihre eigene Agentur. Heuer hat sie gleich mehrfach Grund zum Feiern: Ihre Agenturgründung erfolgte vor 20 Jahren, vor genau 10 Jahren eröffnete sie den Verlag edition fünf, der das literarische Schaffen von Frauen neu ins Rampenlicht stellt, und vor kurzem wurde sie zur „BücherFrau des Jahres 2020“ gewählt. (Foto: Sabine Klem)