Man kann »Königin Esther« als einen Rückblick auf die 15 Romane lesen, die John Irving bis jetzt geschrieben hat. Foto: B. Cannarsa/opale photo/laif
Irving ist einer von den amerikanischen Autoren, die mein Leseleben schon sehr lange begleiten, genauer 45 Jahre lang. Es begann damit, dass in den späten 1970ern »Garp oder wie er die Welt sah« explodierte, ja, anders kann man das nicht nennen, was damals geschah. Irving legte wortgewaltig und phantasiebegabt mit vielen Romanen nach. Mittlerweile hat ihn die Zeit eingeholt. Er benutzte das Genderfluide, das Wechseln zwischen den Geschlechtern je nach schriftstellerischer Laune immer schon, da war alles anzutreffen von a- bis intersexuell, schwul und lesbisch sowieso und das änderte sich manchmal auch im Laufe eines Romans. (Eines ist gleich geblieben: alle seine Helden lieben ältere Frauen.) In »Königin Esther« hat Irving das Judentum entdeckt, flicht es in einen Handlungsverkauf ein, den man schon kennen kann, wenn man das eine oder andere seiner Bücher gelesen hat. Auch sein Wien-Aufenthalt, Anfang der 1960er Jahre, wird diesmal breiter ausgebaut, skurrile Person oder Szenen aus seiner Jugend in der Schwindgasse erzählt er neu. Aber er holt auch Figuren aus der Vergangenheit, wie Wilbur Larch, den ätherabhängigen Waisenhausleiter aus »Gottes Werk und des Teufels Beitrag« noch einmal vor den Vorhang. Auch der Stationsvorstand, den John Irving in der Verfilmung des Romans selbst gespielt hat, darf nochmals mürrisch sein. Dem mittlerweile 83-Jährigen ist nicht vorzuwerfen, dass er nur mehr Variationen seines bisherigen Schreibens anbietet. Es ist ja alles da, 15 Romane warten darauf entdeckt, oder wieder entdeckt zu werden.
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John Irving
Königin Esther
Ü: Peter Torberg und Eva Regul
Diogenes, 560 S.

