Menschen, die in Buchhandlungen arbeiten, wissen, was Leser/innen erwarten. Wen verwundert es da, wenn in ihnen großartige Autor/innen stecken? Aus: Buchkultur 189, Foto: César Viterio/Unsplash.


Die in Wien lebende Autorin Michaela Kastel diktierte ihrer Mutter schon als Kleinkind all die Geschichten, die ihr durch den Kopf schwirrten. Nach dem Abitur versuchte sie sich in einigen Studienrichtungen fand ihre Bestimmung dann aber schließlich im Buchhandel. Geschichten schwirren ihr auch heute noch durch den Kopf, und weil es deren inzwischen viele geworden sind, hat sie sich als Buchhändlerin eine Auszeit genommen und widmet sich zur Zeit allein dem Schreiben. Ihr neuestes Werk ist ein Jugendbuch an dem sie grade mal zwölf Tage gearbeitet hat: „C’est la fucking vie“ ist erstmal sprachlich etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Autorin lässt ihre Protagonistin Sanni durchgehend in der 2. Person erzählen. Sie spricht nie den Leser an, sondern immer ihren besten Freund Niko, was dem Leser somit ein wenig das Gefühl gibt, hier einer Geschichte zu lauschen, die gar nicht für ihn bestimmt ist. Das ergibt insgesamt etwas sehr Spannendes, andererseits aber auch etwas sehr Intimes.

Die 18-jährige Sanni will leben, sie will nicht über Pflichten nachdenken auch nicht über die Zukunft, nicht über ein Studium oder eine fixe Beziehung. Sie will Spaß, und zwar immer und zu  jeder Zeit – in allen Formen und Ausartungen. Ihre Eltern sind geschieden, der Vater erfüllt seine Pflichten, indem er großzügige Schecks ausstellt, ihre Mutter ist zwar cool, geht aber auf die wahren Bedürfnisse ihrer Tochter kaum ein. Nikos Eltern sind Anwälte und er wächst sehr behütet, ja eigentlich überkontrolliert auf. Er ist eher ruhig, tiefgründig mit einem Lebensplan. Und da wäre dann noch die Clique der beiden, ein Potpourri an jungen Menschen, die an Bespaßungsmöglichkeiten absolut nichts auslassen.

Wie nebenbei aufgeschnappt, bekommt man als Leser nun mit, wie zwei völlig verschiedene Menschen zueinander finden, wie sie alle Missverständnisse, die eine junge Beziehung haben kann, durchleben und wie sie .... nun ja, mehr wird nicht verraten.

Michaela Kastel, „C’est la fucking vie“ (Ueberreuter), 384 S., ab 14


„Ich renne nie zu einem Bus, wenn die Strecke zur Bushaltestelle länger als sieben Meter ist. Selbst wenn der Bus die Türen noch geöffnet hat, ich renne nicht, ich tu lieber so, als ob ich ihn gar nicht bekommen möchte, als gehe er mich nichts an, dieser Bus. Zu groß die Entblößung, wenn ich renne und er mir vor der Nase davonfährt. Wenn ich gezeigt habe, wie sehr ich ihn erreichen möchte, und niemand den Fuß in die Tür hält. Zu schwer die Enttäuschung.“

„Nach vorn, nach Süden“ ist der Debüt-Roman der ausgebildeten Theaterpädagogin Sarah Jäger. Seit ihrer Umschulung als Buchhändlerin betreut sie heute u. a. die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Buchhandlung Proust in Essen. Es gelingt ihr sprachlich perfekt, die Stimmung in jenem Hinterhof eines Penny-Marktes wiederzugeben, der von einer handvoll Jugendlichen belagert wird.  Wer zu ihnen gehören will, muss dort abhängen. So lautet die Regel. Allein für „Entenarsch“ reicht diese Regel nicht aus, sie gehört nicht dazu, sie wird geduldet und nie wird sie gleich viel wert sein wie Can, Marie oder die anderen, die dort schon einen Namen bekommen haben – schönere Namen oder zumindest ihre eigenen behalten durften.

Dabei ist sie die einzige mit Abitur, der Rest setzt sich aus eher hoffnungs- und zukunftslosen Jugendlichen zusammen, die bei Penny vorübergehend einen Aushilfsjob haben. Ein Mitglied, Jo, wird seit einiger Zeit vermisst. Und als beschlossen wird, ihn zu suchen, ist „Entenarsch“ die einzige mit Führerschein und Auto. Es beginnt ein Roadtrip, der für alle Beteiligten einiges an Überraschungen bringt und Entenarsch schließlich wieder ihren eigenen Namen. Und dem Leser ein außergewöhnlich kluges und tiefgründiges Lesevergnügen.

Chapeau für dieses sprachlich, wie inhaltlich großartige Debüt.

Sarah Jäger, „Nach vorn, Nach Süden“ (Rowohlt), 224 S., ab 14


Kate Mayes war Buchhändlerin im fernen Sydney, hegte immer schon eine innige Leidenschaft für die Bilderbuchabteilung und schrieb schließlich ihr eigenes. „Papa, bist du wach?“ ist eine bezaubernde Liebeserklärung an alle Väter. Es ist noch ganz früh am Morgen, der kleine Hase ist schon putzmunter und will spielen. Doch Papa-Hase schläft noch tief und fest. Der kleine Hase gibt sich alle Mühe, seinen Papa aus den Federn zu locken, möchte er doch so gerne schon „Papa, Ball spielen“, „Papa, Rad fahren“ oder „Papa, Drachensteigen“. Doch Papa möchte noch ausschlafen. Aber es klappt dann doch, denn wer kann schon einem „Papa, Küsschen?“ widerstehen. Schließlich krabbelt der kleine Hase zu seinem Papa unter die Decke, denn „Papa, kuscheln“ und ist auch ganz nett und sehr gemütlich. Die liebenswerten, ein kleinwenig frechen Illustrationen von Sara Acton sind herzerweichend und zaubern auf Anhieb ein Lächeln auf die Lippen.

Kate Mayes, „Papa, bist du wach?“ (Gerstenberg),
Ill. v. Sara Acton. Übers. v. Leena Flegler, 32 S., ab 3


Jens Steiner hat zwar nie in einer Buchhandlung gearbeitet, aber an einem Zeitungskiosk und da drücke ich mal ein Auge zu und sage, ok das reicht auch. Schon alleine deswegen, weil sein neuestes Kinderbuch „Lotta Barfuß und das meschuggene Haus“ es absolut verdient hat, besprochen zu werden. Der Autor der Bratwurstzipfel-Detektive schafft es hier mit viel Fingerspitzengefühl, Kinder neben Spaß, Abenteuer und Magie für ein aktuelles Problem zu sensibilisieren, nämlich die Wohnraumverknappung.

Rasant geht es am Wiesenweg zu, als das alte Haus, in dem  seine heldenhafte Protagonistin Lotta mit ihrem Vater wohnt, abgerissen werden soll. Da wackelt und poltert selbst das Haus vor Empörung – und sämtliche Mieter mit ihm, wird ihnen doch der noch leistbare Wohnraum genommen. Doch Lotta lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Gemeinsam mit ihrem Freund Laurin durchschreitet sie die geheimen Portale, die das Haus für sie bereit hält und entdeckt dessen Geheimnis. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg, ihr Zuhause zu retten?

Jens Steiner, „Lotta Barfuß und das meschuggene Haus“ (Ravensburger)
Ill.v. Melanie Garanin, 224 S., ab 8