Eine 15-Jährige ist Protagonistin des neuen Romans von Angela Lehner. Die Geschichte von Julia Hofer in »2001« ist so relevant und eindringlich erzählt, dass man auch dann ihr Fan wird, wenn man nicht mehr 15 ist. Foto: Paula Winkler.


Das zweite Buch – nach einem erfolgreichen ersten – ist immer eine Herausforderung. Angela Lehner meistert sie überraschend und perfekt: Sie lässt ein 15-jähriges Mädchen aus seinem Leben erzählen. Dieses spielt sich – dem Titel entsprechend – im Jahr 2001 in dem fiktiven österreichischen Fremdenverkehrsort Tal ab. Eine Grundspannung erhält das Buch dadurch, dass dieses Mädchen versucht, auf seine ganz eigene Art und Weise sein Leben zu meistern, die Umwelt dabei aber nur bedingt mitspielt. Bis zuletzt ist nicht ganz klar, wer den Sieg davontragen wird. Von »2001« später mehr.

Ihr Debüt »Vater unser« wurde freudig vom Feuilleton begrüßt: »Eine energiegeladene und ironische Milieustudie«, die Jury des Österreichischen Buchpreises pries das Buch als einen »fulminanten Debütroman, unsentimental, frech und direkt erzählt.« Stolz mache sie das, schreibt die Autorin aus Berlin, und dass ihr damit klar wurde, dass sie es geschafft habe. Den geheimen Wunsch, eines Tages ein Buch zu schreiben, hatte die 1987 in Klagenfurt geborene, in Lienz aufgewachsene Angela Lehner schon recht früh. »Autorin empfand ich aber nie als einen realistischen, erreichbaren Beruf«. Eine Schreibwerkstatt des Literaturhauses München stand am Anfang. Nach einem Preis beim ersten Wettbewerb wurde ihr klar, dass das der Moment war, in dem sie Gas geben musste. »Keiner im Literaturbetrieb hat nach einer Angela Lehner gefragt, du musst nachlegen und dich beweisen, sonst kräht morgen kein Hahn mehr nach dir. Ich habe mich also mehrere Jahre lang für so ziemlich jede Ausschreibung, die ich finden konnte, beworben, hab jede freie Minute neben dem Studium und später neben dem Job genutzt, um mein Romanprojekt (›Vater unser‹) voranzutreiben.«

Die Geschichte von der unzuverlässigen Erzählerin Eva Gruber und ihrer Familie wurde also – siehe oben – ein Erfolg. Angela Lehner erzählt aber nicht nur Geschichten, sie reagierte etwa auch auf die Affäre Sigrid Maurer, indem sie sich auf »Zeit-Online« unter dem Titel »Schaut auf dieses kleine, süße Nachbarland« kritisch über Österreich äußerte und die Deutschen, welche die Österreicher gerne verniedlichen, den Dialekt als unterhaltsam empfinden und das Land eher als Urlaubsidyll wahrnehmen, aufforderte: »Schaut euch dieses ›niedliche‹ Land einmal genau an und überlegt euch, was ihr davon für euch selbst mitnehmen wollt.« Auch ihren bitterbösen Humor hat sie wiederholt unter Beweis gestellt, so zum Beispiel in der Kurzgeschichte »Der Bär«, in der sie erzählt, wie ein Mann einmal einen kleinen Eisbären mit nach Hause bringt und wie der das schon 42 Jahre dauernde Eheleben aufmischt.

Und nun also »2001«. Seine Heldin ist die 15-jährige Hauptschülerin Julia Hofer. Sie erzählt vom Leben in Tal und da vor allem in der Schule, im »Restmüll«. So bezeichnen die Lehrer ihre Klasse 4c. »Dort muss man nichts Besonderes mehr leisten, außer existieren, aber auch das ist manchmal schwer.« Eine ganz große Bedeutung beim Existieren hat die »Crew«, ein Kreis von Freundinnen und Freunden – und eine fast noch größere ihr älterer Bruder. Englisch ist der einzige Gegenstand, in dem sie ein »Superhirn« ist. Und dann ist da noch die Musik. Im Schreiben von Rap-Songs findet Julia ihre Erfüllung. Der Auftritt bei einem Konzert ist einer der emotionalen Höhepunkte des Buches, ein Highlight im Einerlei ihres Alltags. Zu einer Störung im eher passiven Dahintreibenlassen wächst sich ein Versuch des Klassenvorstandes, den Geschichtsunterricht lebendiger zu gestalten, aus: Die Schülerinnen und Schüler sollen für ein Referat jeweils einen der bedeutendsten Akteure unserer Zeit in Politik und Kultur verkörpern. Diese Imitationen lösen ungeahnte Kräfte und Bewegungen in Julia, in der Klasse – und ganz besonders in der »Crew« aus. Das alles ist eingebettet in Julias Alltag und dem Ablauf der Jahreszeiten im Ort, mal mit und mal ohne Touristen. Julia geht einem nicht aus dem Kopf, und man widerspricht lustvoll Marcel Reich-Ranicki, der einmal im »Literarischen Quartett« provokant geäußert hat, dass ihn das Schicksal unintelligenter Menschen überhaupt nicht interessieren würde.

Was sagt nun Angela Lehner zu ihren Figuren, zu Julia Hofer im Speziellen? Sie findet diese ziemlich klug und schlagfertig. Das Prädikat »dumm« oder »langsam« würde ihr ja höchstens von ihrer Umwelt zugeschrieben. Und weiter: »Mein Schreiben ist erst mal ein Beobachten der Figuren. Wenn ich sie dann kenne, schaue ich, was ihre Sehnsüchte und Wünsche sind, und wie sie sich in der erzählten Welt entwickeln könnten. Julia hat sich beispielsweise auf eine Weise entwickelt, die ich nicht vorhergesehen hätte, damit war ein anderer Ausgang der Geschichte möglich als ursprünglich von mir erwartet.«

Eine Herausforderung in dem Buch ist die Omnipräsenz der Musik, und zwar von Songs, die viele Leser/innen vielleicht gar nicht kennen. Es sei keineswegs so, dass sie selbst während des Lesens immer alle Anspielungen auf Kunstwerke oder andere Umstände verstünde, meint Angela Lehner. Ein guter Text muss – ihrer Meinung nach – erst mal für sich stehen, er muss funktionieren und die Leser/innen abholen, ohne diese in eine Rechercherolle zu zwängen. Musik sei im Text ein wichtiges Instrument für Zusammenhalt und Identitätsstiftung, das sei wichtig und solle ankommen. Wenn man darüber hinaus einige der Lieder noch kenne, sei das ein zusätzliches Zuckerl. Am Ende des Buches findet sich übrigens auch eine Playlist, die einige ihrer Lieblingslieder dieser Zeit enthält und die alle im Text vorkommen.
Nun stellt sich ja bei einer 15-jährigen Heldin die Frage, ob »2001« ein Buch für junge Leser/innen ist, die sich in Julia wiederfinden könnten, oder wollte die Autorin bei Erwachsenen Verständnis für die Probleme dieser Jugendlichen bewirken? »Weder noch. Ich denke beim Schreiben in erster Linie an meine Figuren, an die Geschichte, die erzählt werden will. Ich habe keine Zielgruppe im Kopf. Wenn der fertige Text Jugendliche in irgendeiner Form bestärkt, freue ich mich aber natürlich. Ich mag es generell sehr, wenn jemand richtig viel aus dem Text herausziehen kann, genau liest, sich mit sprachlichen Feinheiten auseinandersetzt, vielleicht auch versteckte Anspielungen versteht.« »Versteckte Anspielungen« ist das Stichwort für die Art und Weise, wie Angela Lehner Informationen vergibt. Kalkuliert tut sie das. Fürchterlich sei es doch, wie man als Lese­r/in­ dem Erzähler/der Erzählerin ausgeliefert sei, meint sie, und beherrscht diese Kunst selbst perfekt. Man merkt dieses »Ausgeliefertsein« selbst ganz und gar nicht. Weil die Autorin es in »2001« schafft, dass Julia an einem dranbleibt, in einem verhaften bleibt. Weil man gar nicht anders kann, als Julias Beharrlichkeit und der Direktheit ihres Erzählens nachzugeben, sich durch ihre Offenheit überrumpeln zu lassen. Und wenn schon Eva Gruber in »Vater unser« eine unzuverlässige Erzählerin war, dann weiß man nicht, wie man Julia Hofer bezeichnen soll, denn die schockt mit einem völlig unerwarteten Schluss, der einen hilflos zurücklässt.

Aus: Buchkultur Österreich Spezial, Oktober 2021


2001
Hanser Berlin, 384 S.

Der Bär
Sukultur, 20 S.

Vater unser
Hanser Berlin, 288 S.