Die Vergangenheit ist in Toni Morrisons Romanen stets gegenwärtig, und die Toten können großen Einfluss auf die (Über-)Lebenden haben. So geschieht es auch in ihrem jüngsten Buch „Gott, hilf dem Kind“, in dem die junge erfolgreiche Protagonistin ihr Leben nur scheinbar fest in der Hand hat.

Aus: Buchkultur 172, Juni/Juli 2017.

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Die Geburt von Lula Ann, einem sehr dunkelhäutigen Baby, ist ein Schock für ihre Mutter. Sie fühlt sich einerseits an die Geschichte ihrer Eltern erinnert, die auf ihre helle Hautfarbe sehr stolz waren, weil sie damit beinahe als Weiße hätten durchgehen können; andererseits stellt sie sich Lula Anns Zukunft vor, die voller Schwierigkeiten sein wird. Dies beginnt schon in der engsten Familie, als ihr Ehemann sie bald nach der Geburt verlässt, weil er überzeugt ist, nicht Lula Anns Vater zu sein. Das Kind muss ein dickes Fell entwickeln, und es muss lernen, sich unauffällig zu benehmen, so die Überzeugung der Mutter, und sie erzieht ihre Tochter nicht nur sehr streng, sondern benimmt sich ihr gegenüber kalt und zurückweisend. Sie will Lula Ann zur Unabhängigkeit erziehen, und insgeheim will sie das blauschwarze Kind gar nicht als ihre Tochter anerkennen.
23 Jahre später scheint das Ziel für Lula Ann erreicht: Sie nennt sich jetzt Bride, hat eine leitende Funktion bei einer Kosmetikfirma und betont ihre Hautfarbe, indem sie nur Weiß trägt. Die Geschichte kommt in Gang, als ihr Freund sie verlässt, auch wenn Bride sich zunächst hartnäckig weigert, davon beeindruckt zu sein. Dann macht sie sich auf die Suche nach ihm, und daraus erwächst sich für sie, so banal es immer klingen mag, eine Reise zu sich selbst.

Dieser Roman entwickelt auf knapp 200 Seiten einen einzigartigen Sog, es wird so vieles erzählt, dass die Handlung locker für die dreifache Seitenanzahl reichen würde. Trotzdem hat man am Ende eine vollendete, abgerundete Geschichte vor sich, was zum Teil an Toni Morrisons Fertigkeit liegt, eine Erzählung mit wenigen Sätzen in Gang zu bringen und vor allem die Figuren durch deren eigene Sprache und Gedankenwelt so zu charakterisieren, dass sie den Lesenden sofort nahe sind. Die Autorin kann die Dinge knapp, fast brutal auf den Punkt bringen oder sich ihren Themen langsam annähern; ihre Sprache hat immer etwas Musikalisches, als wäre sie auch für eine Stimme und für den Vortrag gedacht. Wahrscheinlich ist dieser Aspekt beim Schreiben für Toni Morrison wichtig, denn sie spricht auch die Hörfassungen ihrer Romane selbst ein.
Oral history ist eine wesentliche Inspiration für die Autorin, wenn sie über die Geschichte der Schwarzen in den USA schreibt, und sie selbst sieht ihre Romane in dieser Tradition. Ein Roman funktioniert vor allem für die Angehörigen der Klasse oder der Gruppe, die ihn schreibt, wie sie in ihrem Essay „Rootedness: The Ancestor as Foundation“ ausführt, und Romane für Afroamerikaner sieht sie als besonders notwendig an, weil es heute keine Orte mehr gibt, an denen solche Geschichten erzählt werden. Vor allem die Eltern erzählen ihren Kindern keine mythologischen, archetypischen Geschichten mehr. Für sie kann der „schwarze Roman“ Vorschläge dazu bringen, was die Konflikte und Probleme sind; nicht unbedingt, um sie zu lösen, sondern eher, um sie aufzuzeichnen und darüber zu reflektieren. Deshalb sind ihre Bücher wohl auch für Lesende aus gänzlich anderen Kulturkreisen genauso faszinierend, weil es sich dabei nicht um Lehrstücke oder „Problemliteratur“ handelt, auch wenn sie tiefe Einblicke in eine lange, mit vielen Schwierigkeiten und Leid verknüpfte Geschichte gewähren. Als Leserin in Mitteleuropa mutet es schockierend an, dass die Mutter von Lula Ann/Bride aufgrund ihrer tiefschwarzen Tochter noch in den 1990er-Jahren Schwierigkeiten hat, eine Wohnung zu finden, und die Erinnerung an getrennte Trinkbrunnen und Geschäfte, in denen Schwarze nicht bedient wurden, ist noch ganz nahe, sowohl bei der Autorin, als auch bei ihren Charakteren.

Toni Morrison wuchs mit drei Geschwistern in einer Arbeiterfamilie in Lorain, Ohio auf. Die Faszination für Bücher, Musik und Erzählen geht auf ihre Kindheit zurück, auch wenn nicht nur Positives erzählt wurde. Als ihr Vater als Junge in Alabama lebte, wurden in seiner Straße nacheinander zwei schwarze Männer gelyncht. Obwohl er es niemals direkt aussprach, wusste seine Tochter, dass er die Leichen gesehen hatte und dass dies ein sehr traumatisches Erlebnis für ihn gewesen war. Daher kam es wohl, dass er die Weißen hasste, und die Autorin erinnert sich, wie er einmal einen weißen Mann die Treppen hinunterwarf, weil er dachte, dieser sei hinter seinen Töchtern her. Sie war damals noch sehr klein, berichtet aber noch als Erwachsene von der Erkenntnis, dass ihr Vater damals gewonnen hatte, ja dass es möglich war zu gewinnen. Dennoch wächst sie nicht in Hass oder Angst vor weißen Menschen auf; in Lorain lebt eine bunte Mischung von Immigranten, und sie erlebt keine Einschränkungen aufgrund ihrer Hautfarbe. Erst als Studentin der Literatur in Washington D. C. macht sie ihre Erfahrungen mit Orten, an denen Schwarze nicht erwünscht sind; doch zu diesem Zeitpunkt scheint ihr Selbstbild bereits gefestigt zu sein. Sie konnte die Rassentrennung nie ganz ernst nehmen, es schien ihr einfach zu dumm, wie sie einer Journalistin der New York Times erzählt.
Bride, die junge Frau in ihrem aktuellen Roman, hat auf den ersten Blick alle Benachteiligungen überwunden, die sie als Kind durch ihre Hautfarbe erlebt hat. Sie trägt ihr Schwarz stolz vor sich her und betont es sogar. Doch dies ist nicht ihre wahre Identität, sie ist im Grunde genauso eine Maske wie die früher von der Mutter aufgezwungene Bravheit und Unauffälligkeit. Klar ist auch, dass keine Diskriminierung von Außenstehenden sie so hätte verletzen können, wie sie die Kälte ihrer Mutter verletzt hat. Doch diese gibt ihrer Tochter eben, was sie kann, und sie tut, was sie für das Beste hält; das macht die Autorin in wenigen, eindringlichen Worten klar, als sie sie selbst sprechen lässt. Um Schuldzuweisungen geht es in der Geschichte nicht, obwohl manche Charaktere Dinge tun, die schlimme Konsequenzen haben. Gemäß Toni Morrisons Vorstellung von der Aufgabe ihrer Literatur kann der Roman nicht mit Lösungsvorschlägen aufwarten. Alle müssen mit dem leben, was sie getan haben und was ihnen angetan wurde, aber Annäherung, Versöhnung und Liebe sind möglich. Auf dem Weg dorthin müssen die Charaktere, vor allem Bride, schwere körperliche Verletzungen erleiden; doch diese scheinen beinahe notwendig, um ein Innehalten in ihrem Leben und damit eine Entwicklung in Gang zu setzen. Bride wird am Anfang von einer scheinbar Unbekannten verprügelt, und die Wiederannäherung zwischen ihr und ihrem Geliebten gegen Ende der Geschichte beginnt mit einer Schlägerei. Jeder kann gleichzeitig Täter und Opfer sein, das ist eine weitere beeindruckend dargebrachte Erkenntnis des Romans, und niemand ist nur das eine oder das andere.

Ein Thema, das sich durch den Roman zieht und die unterschiedlichen Personen miteinander verknüpft, ist der Missbrauch von Kindern, der diejenigen, ob direkt oder als Zeugen betroffen, bis ins Erwachsenenalter beeinflusst. Die Berichte dazu, auch wenn sie nicht immer ausführlich vorgetragen werden, wirken besonders eindringlich; gut möglich, dass die Autorin hier stellvertretend für die vielen Betroffenen dokumentieren und erinnern wollte. Der Titel des Romans kann somit für die Kinderzeit aller Charaktere gelten, oder auch wieder für die nachfolgende Generation.
„Gott, hilf dem Kind“ ist wesentlich rasanter und geradliniger erzählt als andere Romane Toni Morrisons. In „Jazz“ etwa liegt der Mord an einer 18-Jährigen durch ihren wesentlich älteren Geliebten schon in der Vergangenheit, als die Geschichte beginnt, und die Erzählerin geht noch einmal ein paar Schritte rückwärts, um die ganze Szenerie zu erfassen, die Nachbarschaft, New York in den 1920er-Jahren, sogar die ländliche Umgebung, die die Schwarzen verlassen haben, um hierher zu kommen. Die Tote hat großen Einfluss auf die Geschichte und auf das Handeln der Personen, vielleicht mehr, als sie im Leben gehabt hätte. So entsteht eine Mischung aus lebendiger, sozialhistorischer Beschreibung und archaisch-mythischen Elementen. Noch stärker ist dieser Eindruck in „Menschenkind“, in der eine ehemalige Sklavin in ihrem Haus regelmäßig vom wütenden Geist ihrer als Baby verstorbenen Tochter heimgesucht wird. Wegzugehen kommt für sie jedoch nicht in Frage; sie sieht die Heimsuchung als Bürde, die sie tragen muss, und natürlich ist ihr das Kind dadurch noch näher. Die Faszination für das Übersinnliche als Erzählinhalt ist vielleicht den Märchen und Legenden geschuldet, die man den Kindern früher erzählt hat oder aus Toni Morrisons Sicht erzählen sollte. Auch in Brides Geschichte bricht das Übersinnliche mit kleinen, aber beunruhigenden Details ein, und auch für sie spielt die Macht der Abwesenden und der Toten über das Leben eine große Rolle.

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Toni Morrison, geboren 1931, unterrichtete Englische Literatur an verschiedenen Universitäten und arbeitete als Verlagslektorin bei Random House. Auf diese Weise beschäftigte sie sich eingehend mit der Literatur der Schwarzen in den USA, bevor sie mit 39 ihr erstes Buch veröffentlichte. Bislang sind elf Romane von ihr erschienen. Bis zu ihrer Emeritierung 2006 hatte sie einen Lehrstuhl an der Princeton University inne. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, 1993 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. Am 5. August 2019 verstarb sie 88-jährig in New York City.

„Gott, hilf dem Kind“ (Rowohlt)
Übers. v. Thomas Piltz. 208 S.

Foto: Timothy Greenfield-Sanders