Schatten über Glasgow

 

Selten haben junge Autorinnen mit ihrem Debütroman einen derartigen Erfolg. Louise Welsh ist eine jener raren Autorinnen. Über Glasgow und ihr Debüt sprach Sie mit Tobias Hierl.

 

„Dunkelkammer“ wird in 17 Sprachen übersetzt, eine Adaptierung für die Bühne steht an und die Filmrechte sind auch schon unter Dach und Fach. Louise Welsh hat den „Crime Dagger Award“, den „Book of the Year Award“ und noch weitere Preise abgeräumt. Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr, denn mit ihrem schrägen Helden Rilke, hat sie zwar nicht gerade eine Identifikationsfigur geschaffen, doch eine sehr plastische Figur, die stimmig mit den Ängsten und dunklen Sehnsüchten der Leserinnen und Leser spielt und für die Geschichte passt. Schmuddelig ist es. Und mittendrin steht der Auktionator Rilke: nicht gerade ein Adonis, groß und mager, belegt mit Spitznamen wie Leichnam oder Tod, etwas über 40, schwul, mit Anzug und Schlangenlederstiefel. Zu viel hat er schon vom Leben gesehen und nicht das große Stück der Torte abbekommen, dass er nicht seinen Zynismus im Lauf der Jahre verfeinert hätte. Doch da wird er in eine Geschichte verwickelt, die selbst ihn aus der Bahn wirft. Bei der Haushaltsauflösung einer alten Villa findet er neben einer großen pornografischen Bibliothek einen Briefumschlag mit alten pornografischen Fotos. Auf einigen wird eine junge Frau vergewaltigt und schließlich ermordet. Ein früher Snuff-Porno? Rilke ist sich nicht sicher und macht sich auf die Suche, denn und das ist seine einzige Begründung, „ich kann sie doch nicht einfach so liegen lassen“. Nun streift er durch Glasgow, trifft eine Menge skurriler Typen, vom Pornohändler, über Transvestiten, einen Horrorfilmregisseur, diverse Altwarenhändler. Doch das Pornogeschäft ist hart und Rilke kommt bei seinen Recherchen bald selbst in größte Bedrängnis.

 

BUCHKULTUR: Sie wählten eine sehr spezielle Hauptfigur. Sie ist nicht unbedingt auf den ersten Blick sympathisch. Wie kamen Sie auf diese Figur, hatten Sie schon ein bestimmtes Bild vor Augen?

 

Louise Welsh: Es überrascht mich, wenn die Leute sagen, dass sie Rilke nicht auf den ersten Blick mögen. Er ist ehrlich, hat seine eigenen Moralvorstellungen und versucht sein Bestes zu geben. Oft scheitert er eben - wie wir alle. Bestimmt trinkt er zu viel und unter Stress neigt er zur Gewalt, doch ich frage mich schon, ob die Leute ihn vielleicht auf Grund seiner sexuellen Neigungen ablehnen. Für mich ist er eine liebenswerte Person, die loyal zu ihren Freunden steht und auf der Suche nach Wahrheit auch vor Gefahr nicht zurückschreckt.

 

BUCHKULTUR: Sollte der Name Rilke die Widersprüche in der Figur symbolisieren, denn im Buch wird die Figur „Cadaver, Corpse, Walking Dead“ genannt. Man assoziiert nämlich, zumindest bei uns, den Dichter Rainer Maria Rilke, der eher für seine Lyrik bekannt ist. Wird Rilke auch in Schottland geschätzt?

 

Welsh: Rainer Maria Rilke ist in Schottland durchaus bekannt. Liebhaber n von Lyrik ist er in jedem Fall ein Begriff, doch vielleicht ist man mit seinem Namen nicht so vertraut wie in Österreich oder Deutschland. Ich habe mich aus mehreren Gründen für den Namen entschieden. Mein allererstes Secondhand-Buch war ein Penguin-Taschenbuch mit Gedichten von Rilke, das ich in einem kleinen Buchladen in der High Street in Edinburgh erstand. Vielleicht kam mir das in den Sinn, als ich nach einem Namen für meinen Helden suchte. Es ist ein Buch, bei dem man auf jeder Seite das Bewusstsein des Todes spürt, was auf diese Lyrik gut zutrifft. Aber es gibt noch andere Gründe. Das Deutsche und das Schottische haben ähnlich Laute und ich fand den Name im Schottischen Akzent recht wohlklingend. Es handelt sich auch um einen hochgewachsenen dünnen Namen, und Rilke ist ein hochgewachsener dünner Mann.

 

BUCHKULTUR: Mit ihrer Hauptfigur Rilke haben sie einen ungewöhnlichen Detektiv geschaffen. Wird es weitere Bücher mit ihm geben?

 

Welsh: Ich habe gerade eine Erzählung beendet mit dem Titel „Tamburlaine Must Die“, die sich um den Tod des Dichters, Dramatikers und Spions Christopher Marlowe dreht. Sie erscheint bei uns am 12. August und wird bald auch auf Deutsch herauskommen. Es ist eine verwegene Abenteuergeschichte im London des Jahres 1593: eine von der Pest und dem Krieg zerrüttete Stadt, ein verzweifelter Ort, an dem Fremde nicht willkommen sind und wo abgetrennte Köpfe an Spießen von der Tower Bridge herabgrinsen. Marlowe hat drei Tage zu leben, drei Tage, in denen er sich gefährlichen Politverschwörungen, magischen Doppelagenten, Betrügereien, etc., aussetzt, auf der Suche nach dem mörderischen Tambourlaine, einem Killer, der den Zeilen von Marlowes gewalttätigstem Stück entsprungen ist.

 

BUCHKULTUR: Haben Sie Ihren Debütroman deshalb in Glasgow spielen lassen, weil sie die Stadt gut kennen oder weil die Geschichte für Glasgow passt?

 

Welsh: sowohl - als auch. In Glasgow lebe ich seit 1985 und ich denke es ist eine großartige Stadt, mittlerweile meine Heimatstadt. Einerseits ist sie sehr modern und pulsierend, andererseits hat sie auch ihre düstere Seite. Es gibt fantastische Beispiele viktorianischer Architektur, doch findet man sehr wohl auch heruntergekommene Viertel. In dieser Stadt begegnet man der Geschichte auf Schritt und Tritt. Obwohl „Dunkelkammer“ an einem bestimmten Ort spielt, glaube ich, dass jeder, der in einer Großstadt lebt oder mit dem Stadtleben vertraut ist, damit eine Beziehung aufbauen kann. Es gibt viele Gemeinsamkeiten.

 

 

BUCHKULTUR: Haben Sie eigentlich viele Krimis gelesen, z.B. von Ian Rankin? Spielen dessen Romane nicht auch in Glasgow?

 

Welsh: Die Romane von Ian Rankin spielen in Edinburgh. Ich habe wirklich viele Krimis gelesen, aber natürlich nicht nur. Die Arbeiten von Krimischriftstellerinnen schätze ich besonders, ich meine Autorinnen wie Ruth Rendell, P.D. James, Val McDermid, Patricia Highsmith und Margery Allingham. Paul Auster fasziniert mich und ich bin einfach begeistert von Ellroy Leonard und Raymond Chandler. Es gibt eine ausgezeichnete Auswahl für Krimifans und das Genre vereint heute eine wirklich große und lebendige Vielfalt an Stilen und Varianten.

 

BUCHKULTUR: Sie sind sehr detailliert in ihren Milieuschilderungen. Manches erklärt sich durch Ihre frühere Arbeit als Buchhändlerin. Anderes wiederum nicht. Mussten Sie dafür lange recherchieren?

 

Welsh: Alles in allem habe ich wirklich nicht sehr viel für „Dunkelkammer“ recherchiert. Acht Jahre lang arbeitete ich in einem Antiquariat und war dadurch sehr vertraut mit der Welt der Auktionshäuser und allgemein mit dem Gebrauchthandel. Was ich nicht wusste, habe ich einfach erfunden, schließlich handelt es ja um einen Roman!

 

BUCHKULTUR: Ihr erstes Buch war sehr erfolgreich. Können Sie unbefangen an ein neues Buch denken oder sehen Sie nun eine Hürde, dass es mindestens genauso gut wird, wie das erste?

 

Welsh: Ich freue mich sehr über den Erfolg von „Dunkelkammer“. Es wurde schon für die Bühne bearbeitet, die Filmrechte verkauft und bislang in 17 Sprachen übersetzt. Als ich an dem Roman schrieb, dachte ich eher, das Interesse würde sich in Grenzen halten. Ich stellte mir wirklich nicht vor, ich würde Interviews wie dieses geben. Ich bin natürlich sehr gespannt auf die Reaktionen auf „Tamburlaine Must Die“. Ich glaube, ich muss eben abwarten. Wenn es nicht ankommt, dann war zumindest die Zeit damit recht vergnüglich.

 

Louise Welsh
Dunkelkammer
Übersetzt von Wolfgang Müller
Kunstmann Verlag 2004, 304 S.
EurD 19,90/EurA 20,50/sFr 34,90

 

Tobias Hierl mit Louise Welsh © Archiv