Ein Glücksfall für die Literatur ist Simone Lappert. Die Schweizer Lyrikerin und Prosaautorin beeindruckt mit ihrem zweiten Roman „Der Sprung“ über eine junge Frau als Katalysator des Lebens. Verstörend, verletzlich, zu Tränen rührend und auch voller Humor. Foto: Ayse Yavas.

Buchkultur: Ihr Roman „Der Sprung“ basiert auf einem Text, mit dem Sie seinerzeit den Newcomerpreis zum Literaturpreis Wartholz gewonnen haben. Allerdings haben Sie im aktuellen Buch die Perspektive gewechselt. Wie kam es dazu?

Simone Lappert: Die Kurzgeschichte, die Sie ansprechen, habe ich sehr stark auf die Perspektive der Angehörigen fokussiert, auf ihre Beziehung zu der Person auf dem Dach. Ich ließ den Text dann eine Weile liegen, wusste aber immer, dass ich damit weiterarbeiten möchte, weil da etwas war, das mich nicht mehr losgelassen hat. Irgendwann wusste ich, dass ich diese Perspektive aufbrechen wollte und fragen, wer diese Menschen sind, die da unten stehen, wie es ihnen geht, warum sie da stehen und warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Wer sind die Jugendlichen, die schreien: Spring doch. Wer ist die Frau, die sagt, so jemanden sollte man erschießen. Oder wie geht es dem Polizisten, der gerufen wird und der sich auch gar nicht aussuchen kann, ob er da sein will oder nicht und der bleiben muss, bis die Dinge wieder im Lot sind. Diesen Fragen und Geschichten fiktiv und literarisch nachzugehen – das hat mich sehr interessiert.

Über Manu, die auf dem Dach steht, erfährt man ja nur über die anderen. Sie ist eine Art Anstoß-Figur für die anderen, bringt deren Leben gehörig durcheinander.

Ja, genau. Als ich mich in all diese Figuren hineingeschrieben habe, die unten stehen, die sich um den Platz herumbewegen, davon weg, manche auch näher aufeinander zu, wurde mir klar, dass in ihnen allen etwas von Manu enthalten ist: sei es von ihrer Wut, ihrer Verzweiflung, ihrer Erschöpfung oder auch von ihrem Wagemut, ihrem Übermut, ihrem Eigensinn. Und in gewisser Weise ist keine der Figuren gefeit dagegen, selbst am Abgrund zu stehen, die Kontrolle zu verlieren. Der Arbeitstitel des Romans war lange „Die Störung“, weil mich das sehr interessiert hat: dieser Moment des Störens, dieser Moment, in dem jemand die anderen aus der Bahn wirft, die Dinge dadurch ins Stocken geraten, wenn eine Überforderung entsteht, in die dann alle – ob sie wollen oder nicht –, involviert werden. Manu ist ja auch Störgärtnerin. „Auf Stör gehen“ ist ein Begriff, der in Deutschland kaum bekannt ist, den man in der Schweiz und Süddeutschland aber noch kennt (das heißt, seine Dienste im Haus oder Garten des Auftraggebers anzubieten, Anm. d. Red.). In Österreich benutzt man ihn auch noch. Ich hatte sogar neulich eine Störlesung bei den Rauriser Literaturtagen. Was mir an diesem Störbegriff gefallen hat, ist seine Doppeldeutigkeit: Dass Manu sich nicht nur als Gärtnerin entschlossen hat, auf Stör zu gehen, sondern in dem Moment, in dem sie auf dieses Dach steigt, auch im Alltag der StadtbewohnerInnen auf Stör geht, ihn durcheinanderbringt und damit Wichtiges anstößt im Leben der anderen. Ich habe sehr viel für das Buch recherchiert und mich, weil Manu Gärtnerin und Biologin ist, unter anderem mit einem Biologen getroffen. Ich wollte wissen, welche Pflanzen es in der Stadt gibt, welche ich noch nicht kenne, welche man essen kann, wie sich die Pflanzen im urbanen Raum verhalten. Wir standen vor einem Grasfleck in Zürich und der Biologe, der mich begleitete, hat mir den Begriff der sogenannten „Hypothese mittlerer Störungsintensität“ erklärt: Wenn auf einem solchen Rasenfleck zu viel herumgetrampelt wird, wenn es zu oft draufregnet, wenn er zu stark versehrt wird, dann wächst da nichts Neues mehr, dann findet nicht viel Weiterentwicklung statt. Wenn es aber nie auf den Rasenfleck regnet, nie jemand drübertrampelt, er nie umgegraben, nie versehrt, nie angestochen, eben nie gestört wird –, dann kann sich auch nichts entwickeln, dann bleibt die Vielfalt unter ihren Möglichkeiten. Der Boden muss immer ein bisschen umgegraben, angestochen und aufgerieben werden, er braucht diese Störung, damit er sich weiterentwickeln kann. Ich fand das eine sehr schöne Metapher fürs Leben, aber auch für Manus Funktion auf dem Dach, die viele der Menschen unten notwendig stört und damit Entwicklungen provoziert.

Alles könnte vielleicht noch in Ordnung kommen, aber dann trifft die Polizei ein und die Schaulustigen versammeln sich. Manu beginnt mit Ziegelsteinen auf sie zu werfen, sie wird enorm wütend. Was passiert da oben mit ihr?

Ich habe für mich Erklärungen dafür, was Manu da tut und warum sie es tut. Aber ich behalte das ganz gern für mich, weil es mir in erster Linie nicht darum geht. Eine Erklärung ist ja immer auch eine Beruhigung und ich möchte nicht, dass sich die Leser/innen in eine solche Beruhigung zurückziehen können. Es geht mir vielmehr um die Frage, wie so eine Überforderungsdynamik entstehen kann. Eine groß angelegte Überforderung, die alle Beteiligten, alle, die stehenbleiben, alle, die involviert werden oder sich involvieren lassen, mittragen, an der alle auf ihre eigene Art und Weise schuldig oder eben unschuldig sind. Deswegen war es mir beim Schreiben wichtig, das nicht komplett aufzulösen, sondern eher eine Einladung zu formulieren, über Empathie nachzudenken und darüber, wie wir in unserer Gesellschaft mit Menschen umgehen, die sich außerhalb unserer gefühlten Norm verhalten, darüber nachzudenken, was für ein Konstrukt Normalität ist. Wie wir mit Menschen umgehen, die sich in einer Weise verhalten, die uns vielleicht befremdet. Wie begegnen wir anderen und wie beeinflusst ist das Bild, das wir uns von ihnen machen, von unseren eigenen Erfahrungen und Geschichten? Wieviel Projektion findet da statt? Wie offen sind wir überhaupt für Begegnung und dafür, anderen zuzuhören, wenn sie eine Geschichte erzählen? Es stecken sehr, sehr viele Fragen in diesem Schreibprozess. Ich wollte diese Fragen nicht von vornherein stumm schalten, indem ich eine Erklärung gebe.

Finn im Buch stellt sich ja diese Frage: Ab wann kennt man einander? Kennt man einander überhaupt? Kennt man sich selber überhaupt?

Ja, genau: Was bedeutet es, jemanden zu kennen? Manus Freund Finn bekommt auf dem Platz alles ungefiltert mit, was die Leute sagen. Er bekommt diese ganze Dynamik mit, ohne dass die Leute um ihn herum wissen, wer er ist und wie er zu Manu steht. Und er sagt ja im Quartierladen zu all den Menschen, die da stehen und sich Getränke und Essen kaufen: „Die Verrückten sind immer die anderen, oder?“ Auch das ist eine Frage, mit der ich mich stark auseinandergesetzt habe: Ich habe das Gefühl, je mehr ich mich an all diese Figuren herangeschrieben habe, desto mehr Abgründe haben sich in ihnen aufgetan und desto mehr ist diese Frage verschwommen: Wer verhält sich denn jetzt hier eigentlich seltsam?

„Das Nichtverrücktsein ist die eigentliche Anomalie“, sagt Roswitha zu Edna im Buch. Leben wir in einer Zeit, in der das Normalsein das eigentlich Abnorme ist?

Vielleicht. Das ist eine Frage, die ich mir stelle, die ich im Buch an Roswitha weitergebe. Ich habe keine abschließende Antwort darauf. Aber ich finde, es ist wichtig, einander zu begegnen und zuzuhören, nicht vorschnell zu urteilen auf der Basis von Spekulationen oder Ideen, die man aufgrund der eigenen Geschichte oder Ängste hat. Wir leben gerade in einer Zeit, in der wir schnell bei der Hand sind mit Urteilen. Die Digitalisierung trägt auch nicht gerade dazu bei, die eigene Weltsicht zu durchkreuzen. Wir bewegen uns in diesen Blasen, in denen es leicht ist, auf Bestätigung zu treffen. Und es wird vermutlich immer schwerer, Meinungen, die das eigene Weltbild vielleicht nicht unterstützen, überhaupt noch zu kreuzen im Zuge der ganzen Algorithimisierung, die uns bevorsteht oder in der wir uns teilweise bereits befinden.

Was hat Sie beim Schreiben des aktuellen Romans „Der Sprung“ am meisten überrascht?

Ich hatte am Anfang nicht vor, so viele Figuren zu Wort kommen zu lassen. Ich wusste schon, es gibt ein paar Perspektiven, die mich sehr interessieren, da möchte ich mich unbedingt reinschreiben, aber es sind dann ein paar Figuren aufgetaucht, die ich sehr lieb gewonnen habe und die sich auch mehr Platz genommen haben, die sich selbständig gemacht haben.

Welche zum Beispiel?

Der Hutmacher Egon zum Beispiel, der in der Schlachterei arbeitet, war am Anfang nur eine Randfigur. Ich habe ihn Finn begegnen lassen, und er hat so ein Eigenleben und Auftreten gehabt, dass ich das Gefühl hatte, ich möchte da noch ein bisschen näher rangehen. Eine Figur, die sich so hineingeschlichen hat. Überhaupt die Sache mit dem Hut. Das war nicht geplant. Aber dann dachte ich, eine der Geschichten darf auch ein Märchen sein. Ein kleines Wunder darf ja auch passieren.

Die anderen Figuren haben es ja nach dem Vorfall mit Manu nicht unbedingt leicht. Sie sind überfordert von der Situation. Manu ist ein Anstoß für Veränderung. Und Veränderung und das Leben schlechthin sind ja auch nicht immer leicht.

Ja, und alle diese Figuren tragen diese Situation auf ihre eigene Art mit. Ich hatte eine ungefähre Ahnung, in welcher Stimmung, in welcher Atmosphäre ich das Buch enden lassen möchte, das war zunächst alles. Nach und nach habe ich natürlich Pläne gemacht, die die Figuren dann wieder über den Haufen geschmissen haben. Und selbst Figuren, die sich im Buch daneben verhalten oder Dinge tun, die ich nicht unterstützen würde, sind mir auf ihre eigene Art nahegekommen.

Welche Figur ist Ihnen die nächste? Steckt in allen Figuren auch etwas von Ihnen?

Ich glaube, es war Urs Widmer, der sinngemäß auf die Literatur bezogen einmal gesagt hat, alles, was aus uns herauskomme, sei auch irgendwann in uns hineingegangen. Was ich schreibe, entspringt entsprechend immer auch meiner eigenen Wahrnehmung, aber ja nicht nur Eigenwahrnehmung, alles Mögliche fließt in die Figuren mit ein, Beobachtetes, Gehörtes, Transformiertes.

Die Liebe, sagt Finn im Buch, fängt vielleicht erst an dem Punkt an, an dem man realisiert, dass die Person, die einem gegenübersteht, rein nichts mit dem Bild zu tun hat, das man sich von ihr gemacht hat. Und wenn man trotzdem nicht ohne sie sein will – Ist das die wahre Liebe? Sich keine (falschen) Bilder zu machen? (Anm.: das ist ja auch ein bisschen das Thema des Romans; in diesem Zusammenhang bekommt auch der alttestamentarische Satz „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ eine schöne Bedeutung.)

Die Bibel würde ich da jetzt nicht heranziehen, das greift mir zu weit. Aber Liebe bedeutet für mich unter anderem, der geliebten Person kein statisches Persönlichkeitsbild zu unterstellen, nicht davon auszugehen, dass man bereits alles weiß und deshalb nicht mehr zu fragen, sondern sich gegenseitig Veränderung zuzugestehen, neugierig zu bleiben aufeinander und sich auch immer wieder zu fragen, ob man nicht vielleicht gerade versucht, den anderen einer fiktiven Idealvorstellung anzugleichen.

Woran liegt es, dass die Fähigkeit zur Empathie immer mehr verloren geht? Ihr Buch (in dem Jugendliche Manu auffordern, vom Dach zu springen) erinnerte mich an den authentischen Fall eines suizidgefährdeten Mannes, den Gaffer aufforderten, sich vom Dach zu stürzen. Immer mehr Menschen, die zufällig zu einem Unfall hinzukommen, behindern die Rettungsleute bei ihrer Arbeit, indem sie mit ihren Handys filmen und Aufnahmen machen. Wie ist so etwas möglich? Ist das nicht ein vollkommener Realitätsverlust, der da stattfindet? Was geht in solchen Menschen vor?

Es geht mir überhaupt nicht darum, dieses Verhalten zu entschuldigen. Ich habe versucht, darüber nachzudenken, was gewesen sein könnte, was Menschen dazu bringt, stehen zu bleiben und sich einzumischen, zu filmen oder sich komplett rauszuhalten, vielleicht auch wegzuschauen oder sich in Spekulationen zu flüchten. Es gibt ja immer wieder solche Situationen. Vielleicht haben Sie das auch schon einmal erlebt, dass man in einem Zug sitzt und es gibt einen Personenschaden. Und dass die erste Reaktion von Menschen oft ist: Ach nein, jetzt verpasse ich den Anschluss. Ich möchte gar nicht die Moralkeule schwingen. Aber was mir aufgefallen ist, als ich mich in die Figuren hineingeschrieben habe: Alle sind enorm verstrickt in ihre je eigenen Geschichten und werden dann durch Manu dazu gezwungen, innezuhalten und sich auf ihre je eigene Art mit der Situation auseinanderzusetzen – sie machen das alle sehr verschieden.

Hat der Verlust der Empathie, der Voyeurismus auch mit der Digitalisierung zu tun?

Ich kann es mir vorstellen. Ich bin allerdings eine sehr undigitale Person. Ich habe mir erst sehr, sehr spät ein Smartphone zugelegt. Ich habe eine fast schon antike Email-Adresse und mache gerade meine ersten Gehversuche auf sozialen Netzwerken, um mir das genauer anzuschauen, von innen. Wenn man Algorithmen beobachtet, dann ist es so, dass sie einen vor allem weiter in die Spirale hineinalgorithmisieren, in der man sich schon befindet. Ich kann mir vorstellen, dass vielleicht auch so etwas wie das Teilen – man spricht immer von teilen, „share“, man teilt etwas –, in so einem Moment greift. Ich stecke nicht in den Leuten drinnen. Ich weiß nicht, was in so einem Moment in den Köpfen vorgeht, ob man die eigene Betroffenheit einfach nur ungeschickt teilt.

Ist dieses Teilen-Müssen vielleicht auch eine Sucht oder befriedigt man da einen Voyeurismus? Es gab einen Unfall, bei dem Gaffer angeblich sogar die Tür des Rettungswagens aufgemacht haben sollen, um bessere Aufnahmen machen zu können.

Das ist es auch, was mich daran so betroffen macht, was mich dazu brachte, darüber zu schreiben. Aber ich wollte fragend daran herangehen, nicht urteilend. Ich hoffe einfach, dass das Buch eine Einladung ist, über genau diese Dinge nachzudenken, darüber nachzudenken, was man selbst tun würde in so einer Situation, wie man selbst reagieren würde und das nächste Mal, wenn man an eine Situation herangerät, die diese Fragen an einen stellt, bedacht zu bleiben.

Immer wieder wird der übermäßige Medienkonsum und der enorme Einfluss der sozialen Medien als Grund für den Realitäts- und Empathieverlust (auch für die Gewaltbereitschaft) heutiger Jugendlicher angeführt. Stimmen Sie dem zu?

Wie gesagt, ist das Digitale nicht gerade mein Metier. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass einerseits die immer gewalttätigeren Spiele und Bilder, das trifft ja auch auf Filme und Serien zu, andererseits die Abstraktion vom eigenen Körper zu einer Abstumpfung führen und zu einer Verschiebung der Hemmschwelle. Zu viel Berieselung auf der einen und zu wenig eigenes Erleben auf der anderen Seite scheinen mir per se eine explosive Mischung.

Auch in Ihrem Debütroman „Wurfschatten“ ist es ein fragiles Gleichgewicht, das alles zusammenhält. Ist das Leben genau das: ein fragiles Gleichgewicht? Immer wieder ins Leben zu springen – erfordert das großen Mut?

Mit Sicherheit, ja. Das komplette Gleichgewicht ist eher ein seltenes Glück.

Ist das Glück für Sie: im Gleichgewicht zu sein?

Es kommt darauf an, wie man Glück definiert: Ob man etwas Rauschartiges, Sogartiges beschreibt oder ob man eher von der Zufriedenheit spricht. Aber ich glaube, dass wach sein, richtig wach sein, im Moment sein und den Moment als stimmig und zu sich selbst gehörend zu empfinden –, dass das Momente des Glücks sein können. Und dass es unglaublich viel Kraft erfordert, in diese Wachheit zu gelangen und wach zu bleiben.

Buchkultur-Redakteurin Dagmar Kaindl mit Simone Lappert

In Ihrem Debüt „Wurfschatten“ schreiben Sie über eine junge Frau und ihre Panikattacken. Sie konfrontiert sich mit den Bildern ihrer Ängste.

Die angstbesetzten Bilder treiben Ada vor sich her. Ich habe versucht, mich in das Gefühl der Angst hineinzuschreiben, weil sie noch immer tabuisiert ist. Wir leben in einer Gesellschaft, die von Heldenerzählungen lebt. Damit wachsen wir auf. Mutig sein ist cool und sexy und ist das, was jeder und jede gerne wäre. In so einer Gesellschaft eine Angststörung zu haben, ist schwer. Ich wollte diesen Abschnitt beschreiben, in dem es noch keine Diagnose gibt, in dem ein Mensch nur das Gefühl hat, falsch zu sein, nicht zu genügen und sich nicht einpassen zu können in diese Vorstellung von Mut, die wir haben.

Gibt es Parallelen zwischen Ihren Romanen „Wurfschatten“ und „Der Sprung“?

Ich weiß nicht, ob ich die Parallele so ziehen würde. Im „Sprung“ ist es eher die Perspektive von außen, es ist eher die weitgreifendere Perspektive auf eine Überforderung, weniger aus dem Gefühl heraus geschrieben. Im „Sprung“ geht es um die Frage: Wenn sich jemand überfordert fühlt, aus der Reihe tanzt, was sind dann die Geschichten, die er damit anstößt? Was sind die Abläufe und die Dynamiken, die er damit anzieht? Denn das gehört ja vielleicht auch zum fragilen Gleichgewicht: Dass niemand davor sicher ist, in eine ähnliche Überforderung zu geraten. Vielleicht ist das auch etwas, was man lieber vor sich selber verheimlicht. Das, was Sie Voyeurismus nennen, ist vielleicht auch eine Abgrenzungsstrategie: sich zu sagen, ich bin auf der sicheren Seite, ich bin auf der anderen Seite, ich bin da, wo die Dinge im Lot sind.

Auf dem Land, wo ich aufgewachsen bin, kamen zu den Begräbnissen auch Leute, die mit den Verstorbenen weder verwandt waren noch sie gekannt hatten. Mein Vater hatte immer die Theorie, dass sie nur mitgingen, um sich die Bestätigung zu holen, dass sie noch am Leben sind – nach dem Motto: Hurra, wir leben noch.

Ja, das ist eine Art Rückversicherung. Ich kann nur spekulieren, aber diese Frage stellte ich mir: Ob es sein könnte, dass es diesen Rückversicherungsmoment gibt, wo vielleicht auch das Smartphone eine Art Zaun wird, mit dem man sich –, obwohl man teilt, was man sieht, erlebt und vielleicht auch fürchtet –, abgrenzt.

Wie eine Art (Selbst-)Schutz?

Genau.

Adas Panikattacken aus Ihrem Erstling „Wurfschatten“– ist das etwas, das Sie auch aus persönlicher Erfahrung kennen? Ihr Kollege Michael Köhlmeier hat sehr offen darüber gesprochen.

Ja, da gibt es einen persönlichen Hintergrund, aber Ada ist ein fiktiver Charakter. Das war mir sehr wichtig, um frei zu sein, um eine Geschichte erzählen zu können, die stärker ist als mein kleines privates Leben, die auch eine andere Reichweite hat. Ich bin heute an einem Punkt, wo ich einen guten Umgang damit habe, wo ich gelernt habe, dass es ein Teil von mir ist. Mir war es wichtig, im Buch den Abschnitt zu beschreiben, wo man überhaupt keine Ahnung hat, was da mit einem los ist, wo man nur merkt, man reagiert anders als andere. Und dass es so schwer ist, sich verständlich zu machen und zu akzeptieren damit. In dieses Gefühl wollte ich mich hineinschreiben. Ich habe viel recherchiert, mich mit vielen Leuten unterhalten und fand es sehr spannend zu sehen, dass es ein Thema ist, das so viele angeht und das in sich auch wieder angstbesetzt ist. Darüber zu sprechen ist angstbesetzt. Aber es geht voran. Es gibt eine größere Offenheit und wir kommen weg von dieser Gesamttabuisierung. Mir war es nur immer wichtig, mich nicht vor das Buch zu stellen oder mich zum Thema zu machen. Es ging mir um den Umgang mit diesem Gefühl, darum, dass man lernen kann, damit zurechtzukommen und dass man trotzdem ein ganzer Mensch ist, mit all seinen Ängsten und Abgründen.

Ada hat ja auch eine Menge Mut: Sich ihren Ängsten, den Angstbildern in dem Zimmer zu stellen –, das ist ein mutiger Schritt. Das hat ja etwas von Verhaltenstherapie.

Ja, das ist auch ihr Ansatz. Sie hat irgendwo gelesen, dass es sinnvoll sei, sich mit dem zu konfrontieren, was einem Angst macht, um es dadurch zu überwinden. Aber bei ihr kommen immer neue Ängste dazu, deswegen kommt sie kaum hinterher.

Im neuen Roman findet sich der Polizist Felix plötzlich in einer Situation wieder, die Panik in ihm auslöst.

In „Der Sprung“ wiederum gerät Felix in eine Situation, in der etwas getriggert wird, was er sehr lange vor sich selbst versteckt hat und er gerät dann völlig aus dem Tritt, weil er damit nicht gerechnet hat und auch ganz stark versucht, sich dagegen zu wehren. Das ist auch so ein Moment des fragilen Gleichgewichts. Er ist kurz davor, Vater zu werden, und er hat natürlich unterbewusst Angst davor, was für ein Vater er diesem Kind sein kann mit seiner Geschichte, die er vorerst nicht an sich heranlässt und die dann ja eigentlich aus ihm herausbricht.

Ist Angst auch eine Chance?

Ja, wenn man sich auf sie einlässt, sie befragt und ihr begegnet. So wie man einem Menschen begegnen kann. Vielleicht, wenn es gelingt, einen Schritt zurück zu machen und zu schauen, was ist es denn, was mir Angst macht, wie möchte ich mit dieser Angst umgehen, will ich mich von ihr komplett vereinnahmen lassen oder kann ich zuerst einmal versuchen, sie zu akzeptieren, mit ihr umzugehen, anstatt sie zu umgehen. Das ist jetzt aber natürlich sehr abstrakt. Angst ist ein riesengroßer Begriff. Man muss je nach Situation ganz verschieden darüber sprechen. Deswegen würde ich es mir nicht anmaßen, da generelle Urteile zu fällen.

Sie sind auch Lyrikerin. Was bedeutet Ihnen die Gattung Lyrik?

Lyrik ist auch eine Haltung, eine, die viele Formen kennt und zulässt.

Die Lyrik hat es ja bekanntlich recht schwer, was die Verkaufszahlen betrifft. Wie schwer ist es denn generell, heute von der Literatur zu leben?

Generell kann ich das nicht beantworten. Ich kann nur sagen, dass ich anfangs, vor und während des Studiums, sicher das Klischee der bizarren Jobs erfüllt habe. Ich habe viel, viel, viel gekellnert – der Klassiker –, bis vier Uhr morgens, dann habe ich geschrieben und bin dann wieder zurück in die Bar. Etwas vom Bizarrsten, das ich je gemacht habe, bei dem ich viel Zeit zum Nachdenken hatte: Dokumente für die Mikroverfilmung vorbereiten. Ich musste den ganzen Tag lang die Dokumente, Belege, Tickets, die eingereicht worden waren und die zusammengetackert waren – sich so aber nicht mikroverfilmen ließen –, enttackern, d.h., die einzelnen Klammern aus dem Papier nehmen und dann mit den Fingernägeln die Löchlein glattstreichen. Ich habe diese Tackerklammern sehr lange aufbewahrt, weil ich dachte, ich müsste diese Metallmasse, die ich da zusammengearbeitet habe, irgendwann künstlerisch transformieren. Das war schon ein beachtlicher Klumpen, den ich da herausgearbeitet habe. Nachdem „Wurfschatten“ erschienen war, hatte ich aber das Glück, dass es immer besser ging, vom Schreiben zu leben, sei es durch Stipendien oder durch die Lesungen, die dann stattgefunden haben. Ich gebe ab und zu auch Workshops oder bin mal in einer Jury. Außerdem kuratiere ich das Internationale Lyrikfestival in Basel mit – das ist zwar weitgehend ehrenamtlich –, aber ich habe das Glück, dass ich mich als freischaffende Autorin mit dem, was ich gerade tue, immer im Bereich der Literatur bewegen kann. Ich genieße das sehr und weiß aber auch da um die Fragilität dieser Gegenwart. Die Unsicherheit, was als Nächstes kommt, schwingt natürlich immer mit.

Wird von der öffentlichen Hand her genug getan?

In der Schweiz sind wir sehr gut aufgestellt. Es gibt einen guten Dialog. Ich kann mich von meiner Seite her nicht beklagen. Dass ein Format wie „Babelsprech.International“, ein Projekt zur Vernetzung und Sichtbarmachung junger europäischer Dichtung, gefördert und mitgetragen wird, finde ich wichtig. Das ist ein Projekt, das zuerst im deutschsprachigen Raum auf Initiative der Literaturwerkstatt in Berlin und Max Czollek gestartet ist, in der Schweiz und Lichtenstein zunächst von Michael Fehr, dann von Michelle Steinbeck und mir, in Deutschland von Max Czollek, in Österreich von Robert Prosser kuratiert wurde. Zu unserer Freude ist das Projekt stetig gewachsen, zuletzt auch über den deutschsprachigen Raum hinaus bis in die Ukraine, nach Slowenien und Holland. Es war unsere Aufgabe als KuratorInnen, zu schauen, welche Stimmen gibt es, wen möchten wir für Konferenzen und Lesungen zusammenbringen, um so der jungen Lyrik eine Bühne, eine Plattform und Vernetzungsmöglichkeiten zu bieten. Es ist viel passiert während der fünf Projektjahre, und es war gerade für die Schweiz sehr wichtig, weil man dort vorher eigentlich nicht von einer jungen Lyrikszene sprechen konnte.

Und trotzdem gilt die Lyrik als unverkäuflich. Ihre Kollegin Nora Bossong meinte, die Freude an der Lyrik würde einem schon in der Schule ausgetrieben, wo man Gedichte nur auf Hebungen und Senkungen zerinterpretiere usw.

Ja, ich stimme absolut mit ihr überein. Wenn ich mit Schülerinnen und Schülern spreche, aber auch mit Lehrerinnen und Lehrern oder manchmal auch mit anderen Schreibenden, habe ich sehr stark den Eindruck, dass es diese Vorstellung gibt, dass das Gedicht in irgendeiner Form codiert ist und dass man es decodieren muss, bevor man an den „eigentlichen“ Inhalt herankommt, das Gedicht „versteht“. Und dies schlägt ein bisschen die Brücke zu meinem Roman: Das, was wir nicht verstehen, macht uns Angst. So sind wir. Wir wollen die Dinge nachvollziehen, wir wollen sie verstehen und einordnen können, und wenn wir das nicht können, sind wir stark beunruhigt. Ich glaube aber, dass es nicht die Aufgabe der Lyrik, der Literatur oder der Kunst im Allgemeinen ist, uns zu beruhigen. Im Gegenteil.

Ist es die Aufgabe von Kunst und Literatur, zu beunruhigen?

Ja, auch. Ein Gedicht, ein Kunstwerk, ein Musikstück, ein Buch können uns im besten Fall, wenn wir uns darauf einlassen, auch etwas über Offenheit erzählen, weil wir dabei lernen können und dürfen, die Überforderung als etwas Positives zu begreifen. Lernen, sie auszuhalten. Lernen, das Nicht-Verstehen als Chance zu begreifen.

Soll, darf ein Gedicht auch ein Geheimnis bleiben?

Auf jeden Fall, ja, absolut. Einer meiner Lieblingsessays ist von Susan Sontag, die ich immer wieder lese: „Against Interpretation“, „Gegen Interpretation“, in dem sie sagt, dass wir nicht eine Hermeneutik der Kunst brauchen, sondern eine Erotik der Kunst. Ich kann das gar nicht genug unterstreichen. Ich bin sehr damit einverstanden. Man kann das kaum schöner formulieren.

Bedingen Lyrik und Prosa einander in Ihrem Werk?

Ja. Es ist so, dass der Stoff sich die Form sucht. Ich kann nicht aus allem einen Roman machen, und nicht alles will ein Gedicht werden. Meistens ergibt sich das beim Schreiben. Einerseits färben die Themen und Stoffe, die ich in der Prosa bearbeite, ab auf das, was bei mir in der Lyrik passiert. Was mir bei beiden wichtig ist, ist der Klang, der Rhythmus. Der Klang eines Wortes, auch der Rhythmus eines Satzes oder eines ganzen Kapitels transportiert den Inhalt immer mit. Der Klang eines Wortes ist für mich auch Teil seiner Bedeutung. Und auch die Sinnesebene ist mir wichtig: Ich versuche, alle fünf Sinne mit ins Schreiben einzubeziehen. Dass meine Figuren ganze Körper haben, mit denen sie wahrnehmen, nicht nur Augen. Und ich versuche, damit auch aktiv umzugehen: Wer wie viel wahrnimmt, bei wem welcher Sinn besonders ausgeprägt ist. Die Körperlichkeit meiner Figuren ist mir enorm wichtig.

Sie machen auch viele Lyrik-Lesungen?

Ja, ich war in letzter Zeit immer wieder mit Lyrik unterwegs, sie eignet sich auch gut für die Kollaboration mit anderen Künsten. Ich habe zum Leidwesen meines Lyrik-Verlages fünf Jahre für den Roman gebraucht, deshalb gibt es noch keinen Lyrikband. Ich bin einfach furchtbar langsam. Auch, weil ich mir immer alles laut vorlesen muss, um es auch klanglich in Form zu bringen.

Hatten Sie auch eine musikalische Ausbildung?

Ich habe tatsächlich eine Musikmatura gemacht. Musik hat mich immer interessiert. Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen, in einem ganz kleinen Dorf, in Strengelbach, in der Nähe von Zofingen im Aargau in der Schweiz. Weil ich so musikaffin war, habe ich mich immer über die Musiksammlungen meines Vaters hergemacht und mir alles angehört, was ich gefunden habe. Bis ich zwölf war, dachte ich, dass „lyrics“ das Gleiche wie Lyrik sei, dass „lyrics“ Gedichte seien. Und das ergab damals für mich total Sinn. Ich habe Liedtexte von Pink Floyd, den Dire Straits, Joe Cocker und Led Zeppelin übersetzt. Das waren für mich Gedichte. Und aus diesem Prozess heraus habe ich angefangen, eigene Geschichten zu schreiben. Ich kann mich heute noch hinsetzen und ein Album hören wie ich ein Buch lese oder einen Film schaue. Ich gehöre zu den Menschen, mit denen es überhaupt keinen Spaß macht, Musik zu hören, weil ich dann immer sage: Jetzt, Achtung, jetzt, Moment, da, da, ist das nicht fantastisch! Ich mache das besser allein.

Sie spielen auch ein Instrument?

Ich wollte als Kind Klavier spielen, das ging aber aus finanziellen Gründen nicht. Dann habe ich Querflöte gespielt, bin aber nicht mit ihr warm geworden. Wir hatten keine sehr lange Beziehung, die Querflöte und ich. Irgendwann bin ich dann arbeiten gegangen in den Schulferien und habe mir selbst Gesangsstunden organisiert und finanziert. Das war dann eher mein Bereich.

Sie singen auch?

Nur für mich. Aber der Vortrag und das laute Lesen gehören für mich immer zu dem dazu, was ich schreibe, weil im lauten Lesen eine Dreidimensionalität entsteht. Dass ich den Text noch einmal in eine andere Dimension hineinsprechen kann, ihn noch einmal ganz anders in den Raum bringen kann, so, wie ich ihn höre, das interessiert mich. Ich trage die Gedichte immer auswendig vor. Es ist mir sehr wichtig, dass ich wirklich im Text drinnen stehe. Wirklich da bin. Dass ich mich dem auch aussetze, dieser Nacktheit, und dass ich mich nicht verstecke hinter einem Stapel Papier oder zwei Buchrücken.

„Schreiben mit allen fünf Sinnen“ hieß auch der Workshop, den Sie auf der LitBlog Convention veranstalteten?

Ja. Ich versuche bei allen meinen Workshops, den Teilnehmenden mitzugeben, dass ihre Figuren eben Körper haben. Viele Texte, gerade von jungen Menschen, die gerade angefangen haben zu schreiben, funktionieren stark über die Augen und der Rest des Körpers wird oft vergessen. Dafür mache ich mit ihnen ganz simple Übungen, Wahrnehmungsübungen, Körperübungen. Ich teile zum Beispiel Obst und Gemüse aus und sie müssen es dann befühlen, betasten und beriechen und darüber schreiben, bevor sie es weiterrücken – auch, damit sie merken, niemand schreibt gleich über eine Zitrone, es entstehen bei allen wieder andere Bilder. Bei „Schreiben mit allen fünf Sinnen“ habe ich am Anfang auch eine ganz einfache Wahrnehmungsübung mit geschlossenen Augen gemacht. Ich habe lange unter einem Profi-Saxophonisten gewohnt. Das Erste, was er jeden Morgen gemacht hat, war Tonleitern zu spielen. Und ich habe das Gefühl, dass die Wahrnehmungen, unsere Sinne, für das Schreiben so etwas wie Tonleitern sind. Es kann nicht schaden, das immer mal wieder zu üben, den Zugriff auf die Sinne, weil das eine wichtige Basis ist.

Sie sind Präsidentin des Internationalen Lyrikfestivals Basel.

Ja, wir veranstalten jedes Jahr das Internationale Lyrikfestival in Basel, wo wir versuchen abzubilden, was sich gerade in der Welt der Gegenwartslyrik tut: Da gibt es verschiedene Formate, in einem großen Porträt werden ein Autor oder eine Autorin vorgestellt – ist eine Reise durch deren Werk. Neu gibt es jetzt das Late Night Varieté, wo wir Lyriker und Lyrikerinnen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammenbringen. Nächstes Jahr werden wir wahrscheinlich mit Musik arbeiten – Lyrik an der Schnittstelle zur Musik –, und Paare zusammenbringen, die dann gemeinsam etwas erarbeiten. Es ist also eine sehr breite, sehr spannende Arbeit.

Sie haben am 2006 gegründeten Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert. In Amerika gibt es schon seit langem Kurse in „Kreativem Schreiben“. Bei uns hält sich bis heute die romantische Vorstellung des Künstlers als Genie. Michael Köhlmeier sagte einmal, er setze sich jeden Tag an den Schreibtisch, egal, ob ihn die Muße küsst oder nicht, und Schreiben sei auch ein Handwerk. Machen, meinen Sie das auch?

Ja, absolut. Es ist ein Beruf, der Disziplin erfordert. Natürlich gibt es die Inspiration und die Idee und diese magischen Momente, wenn die Figuren ein Eigenleben entwickeln und einen überraschen beim Schreiben – das ist das Aller-, Allerschönste. Aber das bedingt, dass ich den Raum schaffe, in dem etwas passieren kann. Und den schaffe ich nur, indem ich mich hinsetze, ob es mir passt oder nicht, und dem Text diese Zeit gebe. Das ist enorm wichtig, das kann ich nur unterschreiben.

Wie kann man sich das Studium am Literaturinstitut in Biel vorstellen? Kann man Schreiben lernen?

Je nachdem, auf welche Schule, auf welche Kunsthochschule man geht, wird das Schulleben anders ausfallen. Es gibt verschiedene Schulen und sie funktionieren verschieden. Das, was ich mitgenommen habe, ist vor allem der Austausch mit den anderen Studentinnen und Studenten. Der war für mich enorm wichtig. Dass man sich gemeinsam hinsetzt und darüber nachdenkt, wie man einen Text – das muss nicht einmal der eigene sein –, auf die Höhe seiner Möglichkeiten bringt, wo der noch Stolpersteine hat, wo er vielleicht versteckte Stärken hat, die man noch herausarbeiten kann. Dieses Nachdenken und auch das Entwickeln einer gewissen Schmerzfreiheit gegenüber Kritik oder Leseeindrücken von anderen –, das ist etwas, was ich mitgenommen habe und was mich immer noch begleitet. Es war für mich ein Raum, mich auszuprobieren, es war geschenkte Zeit. Das Literaturinstitut Biel ist angeschlossen an die Kunsthochschule in Bern. Es ist ein Kunststudium, ein Bachelor of Arts in Literarischem Schreiben, und man kann es sich auch wie ein Kunststudium vorstellen: Es gibt verschiedene Seminare, die man besuchen kann zu Dramatik, Lyrik oder Prosa, es gibt welche, die man absolvieren muss und andere, die man sich aussuchen darf. Und es gibt ein Mentorat. Wie bei jedem Kunststudium ist es am Ende das, was man selber daraus macht und was man mit dieser Freiheit anfängt, die einem da geboten wird.

Freiheit spielt auch eine wichtige Rolle in Ihrem Roman „Wurfschatten“. Wir leben in einer globalen, angeblich grenzenlosen Welt und in einer Zeit großer Freiheit. Auf der anderen Seite werden wieder Grenzen und Zäune errichtet, wir schotten uns ein.

Ja, es ist ein altes Muster, dass Freiheit Angst machen kann.

Hat das auch mit dieser Überforderung zu tun, von der wir anfangs sprachen?

Ja, genau, weil man im existenzialistisch-philosophischen Sinne auf sich selber zurückgeworfen, „in die Welt geworfen“ wird, und das macht Angst. Aber ich glaube und hoffe auch, dass in einer Zeit, in der die Mauern wieder hochgezogen und die Grenzen wieder geschlossen werden, Kunst und Literatur etwas zur Offenheit beitragen können. Dazu, offen zu sein, sich auf Begegnung einzulassen und – worüber wir vorhin gesprochen haben –, die eigene Angst auch zu befragen, sich in die eigene Angst hineinzufragen, die einem da entgegenschnellt. Offen zu sein für Begegnung und die eigene Empathie im Blick zu behalten.

Sie wuchsen auf dem Land und mit Musik auf. Wurde Ihnen als Kind auch viel vorgelesen?

Ja, Gute-Nacht-Geschichten waren bei uns immer ganz wichtig, oft hat mein Vater uns selbst erfundene Geschichten erzählt. Es gab Figuren, die er erfunden hat und mit denen er sich dann auf der Bettkante neue Geschichten für uns ausgedacht hat. Ich habe zwei jüngere Geschwister und mit ihnen diese Tradition weitergeführt. Sie durften sich eigene Figuren aussuchen, sagen, ich will, dass da ein Kobold und eine Prinzessin und ein Frosch vorkommen, und dann habe ich ihnen Geschichten erzählt mit den Figuren, die sie sich gewünscht haben. Manche der Geschichten habe ich mit diesem rotgelben Fisher Price-Kassettenrekorder aufgenommen und ihnen zum Geburtstag geschenkt. Es gab auch sehr viele Bücher bei uns zuhause, ich habe als Kind und Jugendliche enorm viel gelesen. Und mein Onkel ist Schriftsteller. Diese Nähe und dieser Zugang zur Literatur waren also von Anfang an da. Schreiben hat für mich mit dem Lesen angefangen. Sobald ich lesen konnte, wollte ich auch schreiben.

Das Schreiben begleitete mich immer. Ich habe als Jugendliche enorm viel aufgeschrieben, einfach für mich. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass das jemanden interessieren könnte. Ich machte eine Schreibreise durch Europa mit dem Ziel, ganz viel aufzuschreiben. Ein Teil davon landete schließlich auch in der Bewerbungsmappe für das Literaturinstitut in Biel. In den tatsächlichen Schriftstellerinnenberuf bin ich nach und nach hineingerutscht. Zuerst studierte ich Philosophie und Germanistik, habe dann aber schnell gemerkt, dass ich lieber anders an Literatur herangehen möchte. Den Entschluss, mich als Autorin selbständig zu machen, habe ich erst nach dem Studium gefällt, während des Schreibens am ersten Roman.

Sie arbeiten viel mit bildenden Künstlern zusammen?

Ja. Das hat angefangen, als ich angefragt wurde, eine literarische Führung durch die Fondation Beyeler in Basel zu machen. Was ich sehr schön fand, war, dass ich als Autorin durch die Ausstellung führen durfte. Das heißt, ich habe nach Narrativen und poetischen Momenten gesucht und über einen Raum auch ein Gedicht geschrieben, in Gedichtform erzählt, wie die Ausstellung auf mich gewirkt hat. Danach habe ich das immer mal wieder für befreundete Künstler und Künstlerinnen gemacht. Oft habe ich mich auch performativ in eine Ausstellung eingebracht, indem ich auf Exponate und Werke in Gedichtform reagiert habe und diese vor Ort gelesen habe. Dafür eignet sich Lyrik sehr gut, weil sie diese Offenheit hat.

Welche österreichischen Autorinnen und Autoren schätzen, kennen Sie?

Die Initialzündung hatte ich so zwischen zwölf und vierzehn. Ich durfte mir immer etwas von meinem Vater zum Lesen ausborgen. Irgendwann habe ich ganz oben auf seinem Büchergestell ein schwarzes Buch gesehen, und er meinte, das sei aber schwere Kost. Dann wollte ich es natürlich unbedingt lesen. Es war Peter Handkes „Das Gewicht der Welt“. Das war für mich ein neues und wichtiges Leseerlebnis: Zu realisieren, dass man auch so schreiben kann, wie scharf Beobachtung sein kann. Oder wie kleinteilig, wie fragmentiert Literatur auch sein darf. Er ist sicher jemand, der bleiben wird. Und natürlich auch Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek.

Sie sind oft in Österreich, zuletzt waren Sie Gast bei den Rauriser Literaturtagen und Artist in Residence in Krems.

Ja, wir waren auch mit „Babelsprech“ ein paarmal in Österreich, auch in Salzburg hatten wir eine große Konferenz und wir waren im Literaturhaus Wien.

Ein Wort zu Ihrem Aufenthalt als Artist in Residence in Krems?

Danke für: den erfüllten Wunsch nach Zeit und Ruhe zum Arbeiten, vor allem den, und den Fensterblick auf die Donau, das Graulicht störrischer Wolkentage, Nieselregenlesetage, endlich Zeit zum Blättern und Notieren: Didion, Sontag, Setz und Lyrik, Lyrik, Lyrik; recherchieren für den nächsten Roman, Nieselregenarbeitstage, neue Gedichte, Gedanken, Sprachfundstücke.

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Simone Lappert wurde 1985 im Schweizer Kanton Aargau geboren und lebt heute in Zürich. Sie studierte Literarisches Schreiben am Literaturinstitut Biel. 2014 erschien der Debütroman „Wurfschatten“ (Neuauflage bei Diogenes geplant), ein Gedichtband ist in Vorbereitung. Lappert ist Präsidentin des Internationalen Lyrikfestivals Basel und kuratierte das Lyrikprojekt „Babelsprech.International“ mit. Sie beteiligt sich performativ an Kunstprojekten und veranstaltete das literarische Wahrnehmungsexperiment „Schreiben mit allen fünf Sinnen“.

„Der Sprung“ (Diogenes)
336 S., erscheint am 28. August 2019