Eine Insel als Mikrokosmos. Die Britin Rebecca Wait erzählt von der Bürde der Vergangenheit, von (Erb-)Schuld und Sühne, einem Verbrechen und Momenten der Erlösung: „Das Vermächtnis unsrer Väter“, eindringlich, klug und bewegend.

Buchkultur: Ihr Roman befasst sich mit einem Verbrechen und den Folgen, mit Schuld und Scham. Wie wichtig ist es, sich mit der Vergangenheit, mit Schuld und Schuldgefühlen auseinanderzusetzen und zu konfrontieren, um weitermachen zu können?

Rebecca Wait: Ich glaube, es ist schwerlich zu überschätzen, wie sehr unsere Vergangenheit uns formt, zum Guten wie zum Schlechten. Wir sind ein Produkt unserer eigenen Geschichte. Ich habe – Gott sei dank – nichts so Entsetzliches erleben müssen wie das Verbrechen in meinem Roman. Aber wie die meisten Menschen weiß ich, was es heißt, ein gewisses Maß an Scham, Schuld und Trauer aus der Vergangenheit mit sich herumzutragen. Was das Sich-damit-Konfrontieren betrifft: Ich glaube, das hängt davon ab, wer man ist. Jetzt, wo ich meine Dreißiger erreicht habe, kann ich mich viel besser ausdrücken und das, was mir passiert ist, als ich jünger war, verstandesmäßig erklären. Gegen Ende meiner Teenagerjahre durchlitt ich eine schwere depressive Phase. Auch lange danach, auch nachdem es mir besser ging, hat mich das sehr erschüttert und ich hatte Angst, dass es wieder zurückkommt. Ich hatte Visionen darüber, wie ich mein Leben in einer psychiatrischen Klinik verbringe. Diese Ängste ließen schließlich nach: Es brauchte Zeit, und es half, darüber zu sprechen. Ich habe auch einige fragwürdige Entscheidungen in meinem Leben gemacht. Haben wir das nicht alle? Ich halte mich nicht mehr damit auf. Ich habe damals einfach nur mein Bestes gegeben, mit begrenzter Information und Erfahrung. Den Vorteil, im Nachhinein klüger zu sein, erwirbt man nicht in der Gegenwart.

Die Menschen auf der Insel im Buch haben nicht gelernt, zu reden, mit ihren Gefühlen umzugehen, sie zu zeigen. Sie ziehen es vor, zu schweigen. Wie lebenswichtig ist es, das Schweigen zu brechen und mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen?

Ich komme aus einer typisch gehemmten britischen Familie – Sie wissen vielleicht, dass die Briten nicht dafür bekannt sind, emotional offen zu sein – und die Sprache zu entwickeln, über meine Gefühle zu sprechen, war die wichtigste Fertigkeit, die ich in meinem Leben gelernt habe. Obwohl niemand in meiner Familie jemals sagen würde: Ich liebe dich – viel zu peinlich für uns –, zweifelte ich nie daran, dass ich geliebt werde. Und meine Mutter ist ein sehr warmer und einfühlsamer Mensch. Wie man liebt, habe ich von ihr gelernt. Ich glaube, Männer haben es in dieser Hinsicht viel schwerer. Sie sind nicht in der Weise wie Frauen sozialisiert, über ihre Gefühle zu sprechen, und das kann so zerstörerisch und isolierend für sie sein. Ich bin mir sehr sicher, dass es beiden, Frauen und Männern, schadet, wenn man Eigenschaften wie emotionale Wärme und Zärtlichkeit als „feminin“ betrachtet. Das war eine der Ideen, die ich im Roman erkunden wollte: Wie diese Unfähigkeit, auszudrücken, was sie fühlen, Männer schwächt. Wir sehen, wie es Tommy gelähmt hat, und in gewissem Maße auch Malcolm. Es ist diese Stummheit ebenso sehr wie das Verbrechen selbst, das Tommys Leben ruiniert hat.

Was macht die schottischen Hebriden zum idealen Ort für Ihre Geschichte? Sind sie eine Art Mikrokosmos des Lebens, der Gesellschaft?

Die Inseln sind furchtbar schön, und ich hänge sehr an ihnen. Ganz einfach ausgedrückt, wollte ich über sie schreiben, weil ich sie liebe. Aber der Schauplatz einer abgelegenen Insel bietet einem Schriftsteller auch andere gute Möglichkeiten, besonders für die Art Buch, die ich schreiben wollte: Das ist eine winzige Gemeinschaft, die durch das Meer vom Rest der Welt abgeschnitten ist, und dieses Gefühl der Klaustrophobie erhöht die Spannung der Geschichte und stellt einen Charakter wie Tommy, der der Insel als Kind „entkam“ und nun zurückkehrt, unter zusätzlichen psychischen Druck. Auf den Inseln ist alles verstärkt. Es gibt auch ein interessantes Aufeinanderprallen der Leere der Insel, die so wenige Einwohner hat, und der genauen Prüfung, der sich Tommy unterzogen fühlt, während er dort ist. Jeder weiß, was der andere macht, und sie sind zusammengeworfen, ohne voneinander Erholung zu haben, was auch das Ausmaß ihrer Interaktionen erhöht. Spannungen kochen leichter über.

Haben Sie auf den Hebriden Verwandte?

Nein, aber ich verbrachte als Kind viele meiner Ferien dort. Meine Eltern liebten die Freiheit und die Weite und wir fuhren hin und campten entweder in den Highlands oder fuhren mit der Fähre hinüber zu einer der Inseln. Einen Ort, den man liebt, wenn man jung ist, verlässt einen nie.

Ist das, was Tommy durchmacht, eine Art Katharsis: Sich der Vergangenheit, sich dem zu stellen, was passiert ist, als er ein Kind war?

Während des Großteils des Romans findet es Tommy schwierig, genau zu artikulieren, weshalb er zurückgekommen ist. Er hasst die Insel, aber er liebt sie auch, und er ist ihr nie wirklich entkommen, obwohl er vor so vielen Jahren weggegangen ist. Er erwartet keine Katharsis – er glaubt nicht, dass das für ihn möglich ist. Aber er findet eine Art Erlösung, indem er endlich darüber spricht, was damals geschehen ist. Seine Beziehung zu seinem Onkel ist besonders wichtig. Sie sind beide schweigsam, wortkarg, Insel-Männer, die es fast unmöglich finden, zu sagen, was sie fühlen: Aber sie erreichen ein gewisses Maß an Katharsis, indem sie sich dem, was passiert ist, gemeinsam stellen.

Tommy hat große Angst, dass er der Gene wegen so wird wie sein Vater.

Das ist eine der Fragen, mit denen ich mich schon immer beschäftigt habe: wie unser Verhalten und unser Charakter geformt werden, die Interaktion zwischen Anlage und Umwelt. Tommy macht sich darüber große Sorgen, denn nicht nur fließt das „Blut“ des Vaters in ihm oder nicht nur hat er seine Gene in ihm, sondern – was noch wichtiger ist –, war sein Vater das männliche Rollenvorbild, dem Tommy als Kind ausgesetzt war. Wir lernen so viel vom Verhalten unserer Eltern, und das Rollenbild, das Tommy bei seinem Vater gesehen hat, ist Gift. Daher ist eine der zentralen Fragen in Tommys Leben die: Können wir dem Erbe unserer Eltern entkommen? Sind wir dazu verdammt, die Fehler unserer Eltern zu wiederholen oder können Gewohnheiten und Vorstellungen um-, neu gelernt werden? Ich glaube nicht, dass es eine einfache Antwort auf diese Fragen gibt, aber sie sind für alle von Bedeutung. Viele von uns sind immer noch in den Mustern gefangen, die wir von unseren Eltern gelernt haben.

Gewalt gegen Frauen ist leider weit verbreitet. Psychologen sagen, dass es schon lange, ehe es zu einem Verbrechen kommt, eine Geschichte der Gewalt gibt. Warum schauen wir zu lange vor Offensichtlichem weg? Warum schalten sich Nachbarn, aber auch die Polizei, erst dann ein, wenn es zu spät ist? Und wie können wir Gewalt gegen Frauen vorbeugen und verhindern?

Zuallererst glaube ich, dass es wirklich wichtig ist, dass man beginnt zu begreifen, dass männliche Gewalt gegen Frauen nicht in einem Vakuum passiert. Sie wird angetrieben von gesellschaftlichen Einstellungen und dem Gefühl der Berechtigung, das manche Männer von klein auf im Hinblick auf Frauen entwickeln. Häusliche Gewalt und Zwangskontrolle wurden in unserer Gesellschaft so lange als normal angesehen – nur als „eines dieser Dinge“ angesehen, als eine Tatsache des Lebens. Das Wichtigste, um eine Veränderung bewirken zu können, ist es, die Einstellungen zu identifizieren und zu dekonstruieren, die hinter der Gewalt von Frauen liegen: Was ist es, das einen Mann dazu bringt, sich berechtigt zu fühlen, eine Frau zu kontrollieren? Wie können wir das Narrativ ändern, mit dem viele Kinder aufwachsen: Dass Buben ein Recht auf gewisse Dinge haben und Mädchen nicht? Einer der Gründe dafür, dieses Buch zu schreiben, war meine Wut darüber, wie in den Medien über Fälle berichtet wurde, in denen Männer ihre Familien ermordeten. Der große Fokus in den Medien lag so häufig auf dem Mörder: Warum er es tat, was er vielleicht gedacht hat, wie er vielleicht dazu „getrieben“ worden sei. Es blieb so oft seine Geschichte, und die Frau, die er umbrachte, war nicht viel mehr als eine Fußnote. Diese Erzählweise eines „guten Mannes“, der plötzlich überschnappt, ist so abträglich und auch unrichtig. Wie Sie erwähnten: Fast allen Fällen liegt eine lange Geschichte der Gewalt oder der Zwangskontrolle zugrunde, die zu dem Moment des Tötens führt. Menschen darüber aufzuklären, wie von Missbrauch geprägte Beziehungen funktionieren, ist entscheidend: Wie man die Warnzeichen erkennt, die Eskalierungen, die verzerrte Wahrnehmung, die ein Täter hat. Aber ich habe natürlich keine einfache Antwort darauf. Und manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich denke: Aber habe ich nicht Glück, in Europa zu leben? In so vielen Ländern der Welt ist die Stellung der Frauen schrecklich. Andererseits: Soll ich wirklich denken, dass ich Glück habe, dass mein Mann rechtlich nicht berechtigt ist, mich zu schlagen? Dass ich alleine rausgehen darf, dass ich einen Beruf habe, dass ich Zugang zu einer Abtreibung habe, wenn ich sie brauche? Ist es richtig, dass ich mich dafür dankbar fühlen muss? Wenn man uns immer beibringt, zu denken, dass die Rechte der Frauen relativ sind – „na ja, es könnte schlimmer sein“ – dann werden wir niemals sicher, niemals gleichwertig sein. Wir sollten uns nicht dankbar dafür fühlen müssen, nicht gewaltsam unterdrückt zu werden.

Im Buch vertraut Fiona dem Mann mehr als der Freundin. Liegt das an unserer von Männern dominierten Gesellschaft, in der man Männern immer noch mehr glaubt als Frauen?

Ja, das glaube ich. Und wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie über die sexuellen Übergriffe auf dem Campus in den USA berichtet wurde, ist das ziemlich entmutigend: So häufig scheint der Fokus dabei auf dem zu liegen, was der Täter verloren hat, und nicht darauf, was das Opfer verloren hat. Der Fall des Stanford-Studenten und Schwimmers Brock Turner ist ein gutes Beispiel dafür (Brock Turner wurde für die Vergewaltigung einer Frau nach einer Verbindungsparty zu nur sechs Monaten Haft verurteilt, von der er nur die Hälfte absaß, Anm. d. Red.) – so viele Zeitungen richteten ihren Fokus darauf, wie der Fall Brock Turners vielversprechende Karriere beeinflussen würde und berücksichtigten dabei kaum den Schaden, der seinem Opfer zugefügt worden war. Wir sahen etwas Ähnliches bei dem Fall der Steubenville-Vergewaltigung (zwei Football-Spieler eines Highschool-Teams vergewaltigten eine sechzehnjährige Mitschülerin, Anm. d. Red.). Das löste einen Aufschrei über die Art und Weise aus, wie über diese Fälle berichtet wurde. Wenn wir optimistischer sind, dann deutet das vielleicht darauf hin, dass sich die Haltungen dazu beginnen zu verändern.

Biblische Motive ziehen sich durch Ihre Bücher. Auch in Ihrem Debüt „Kopfüber zurück“ spielt Religion eine wichtige Rolle. Und in Ihrem zweiten Roman „The Followers“, den es noch nicht auf Deutsch gibt, geht es um eine Sekte. Wuchsen Sie religiös, mit der Bibel auf? Sind Sie religiös? Sie übersetzten alte Bibeltexte auf der Universität. Was bedeutet Ihnen die Bibel?

Ich freue mich so, dass Sie mich nach der Bibel fragen – die Leute tun das so selten! Ich wuchs mit Religion auf, aber ich betrachte mich heute nicht als religiösen Menschen. Früher, als Kind, ging ich oft in die Kirche, und ich kann die liturgischen Texte immer noch auswendig. Die Sprache ist so schön. Heute liebe ich die Bibel mehr aus einem sprachlichen als aus einem religiösen Blickwinkel heraus – es ist ein außergewöhnlicher Text, und so viel an westlicher Kultur und Literatur ist davon durchtränkt. Ich war als Teenager von der Bibel fasziniert und habe sie sehr gut kennengelernt. Früher saß ich allein in meinem Zimmer und lernte ganze Passagen auswendig (ich bin mir dessen bewusst, dass das seltsam klingt, heute habe ich mehr Freunde). Dieses Interesse hat sich offenbar in alle meine Bücher eingeschlichen, manchmal nicht einmal bewusst.

Wir leben heute in einer Zeit, in der religiöser Fanatismus eine Bedrohung für viele Menschen ist. Was können wir dagegen tun?

Ich bin nicht sicher, ob wir etwas dagegen tun können, auch wenn das sehr defätistisch klingt. Als ich für „The Followers“ über Sekten recherchierte, wurde mir bewusst, dass wir fast alle unsere Entscheidungen auf einer emotionalen und nicht rationalen Ebene treffen. Sogar jemand „Normaler“ wie ich, der sich selbst gern für ziemlich vernünftig und rational hält. Es war hilfreich, das zu erkennen, denn ich fing an, Fanatiker einfach für Verrückte zu halten. Aber diese Art des Glaubens als Wahnsinn, Verrücktheit abzutun, wird uns niemals helfen, zu den Grundursachen zu gelangen. Was sind also die Ursachen, und wie werden Menschen rekrutiert oder radikalisiert? Welches Bedürfnis erfüllt religiöser Fanatismus in den Leuten? Zu versuchen, diese Fragen zu beantworten, scheint ein guter Anfang zu sein. Aus der Perspektive meiner eigenen Recherche heraus würde ich folgendes sagen: Darüber aufzuklären, wie Sekten operieren, hilft sehr weiter, wenn es darum geht, Menschen darüber zu unterrichten, wie man sich dagegen schützt.

In Ihrem Debütroman „Kopfüber zurück“ geht es auch um Depression. Sie haben bereits gesagt, dass Sie als Teenager selbst an einer solchen litten. Wie heilend war es, darüber zu schreiben?

Ja, der Roman steht in einem sehr engen Zusammenhang mit meinen eigenen Erfahrungen. Ich begann ihn mit 22 zu schreiben und beendete ihn mit 23, was zeitlich immer noch sehr nah an der Phase meiner Depression mit 18 lag – es dauerte lange, ehe ich mich davon erholte. Als ich das Buch schrieb, versuchte ich immer noch zu verstehen, was mir da passiert war, und warum. Diese Erfahrung machte mir immer noch große Angst. Den Roman zu schreiben, war ein Weg, das alles zu enträtseln, ein Versuch, es mir selbst zu erklären. Ich denke, ich versuchte, eine Art Kontrolle über die Erfahrung zu bekommen. Und ich erinnerte mich auch daran, dass ich mich wirklich allein fühlte, als ich an Depressionen litt. Daher wollte ich etwas schreiben, das anderen Menschen hilft, sich nicht so allein zu fühlen.

Die Schweizer Autorin Simone Lappert schrieb einen Roman über eine junge Frau, die an Panikattacken leidet. Auch ihr Buch hat einen autobiografischen Hintergrund. Sie beschreibt, dass es so schwer ist, sich verständlich zu machen und zu akzeptieren damit. Stimmen Sie ihr zu?

Das klingt auch für mich richtig. Ich hatte ebenfalls Panikattacken, was sich bizarr anfühlte. Ich hatte vorher noch nie von einer Panikattacke gehört. Ich dachte, ich sterbe. Ich wusste auch nichts über Depressionen, auch meine Familie nicht. Wir waren gänzlich unvorbereitet. Es war dann tatsächlich einer meiner Lehrer an meiner Schule, der schließlich vorschlug, dass ich zum Arzt gebracht werden sollte, weil ich eindeutig nicht mehr funktionierte. Es kam weder mir noch meinen Eltern in den Sinn, dass das die Art von Krankheit ist, deretwegen man den Arzt aufsucht.

Das war einer der Gründe, weshalb es so schwierig war, anderen zu erklären, was mir passierte: dass ich es mir selber nicht erklären konnte, was geschah. Ich verstand es nicht, ich hatte Angst, und ich hatte keine Worte dafür. Deshalb schrieb ich „Kopfüber zurück“. Ich wollte die richtigen Worte dafür finden.

Wie schwierig ist es heute, vom Schreiben zu leben? Elizabeth Strout erzählte einmal, dass sie buchstäblich in allem gejobbt hat, das man sich vorstellen kann, ehe sie einen Verleger gefunden hatte. Wie sehen Sie das? Wie war das bei Ihnen?

Ah, die Geldfrage! Ich glaube nicht, dass genug darüber gesprochen wird. Denn wenn man Schriftsteller sein will, muss man wirklich darüber nachdenken, wie es funktionieren könnte. Die Wahrheit ist: Es ist fast unmöglich, vom Schreiben zu leben, wenn man nicht zu der winzigen Minorität von Bestsellerautoren gehört. Ich könnte nur vom Schreiben allein sicher nicht meine Miete zahlen. In mancher Hinsicht habe ich mir viel Kummer erspart, weil ich nie erwartet habe, mit dem Schreiben allein genug Geld zu machen. Ich war von sehr früh an darauf fokussiert, Schriftstellerin zu werden, aber ich rechnete mir als Teenager aus, dass ich daneben noch einen anderen Job brauchen würde. Und ich entschied mich nach der Universität dafür, Lehrerin an der weiterführenden Schule zu werden: aus keinem anderen Grund, als dem, dass ich dachte, ich würde es wahrscheinlich nicht hassen. Und dass mir die Ferien wenigstens eine Chance geben würden, zu schreiben. Und ich hatte Glück, denn wie sich herausstellt, liebe ich es! Ich unterrichte Englische Literatur, und meine Schüler sind so lustig. Während meines ersten Unterrichtsjahres verkaufte ich meinen ersten Roman an einen Verleger. Seit damals mache ich den Spagat zwischen Schreiben und Unterrichten. Ich habe auch meine Stunden ausgehandelt, sodass ich nicht Vollzeit arbeite. Im Moment arbeite ich zu 70 Prozent. Das lässt mir eine kleine Atempause zum Schreiben. Ich habe andere Autorenfreunde, die ihren Lebensunterhalt mit allen möglichen Jobs verdienen – Marketing, Nachhilfe (ein häufiger Job), Werbetexten, in Buchhandlungen, sogar Hundeausführen. Wir akzeptieren es, dass wir nicht reich werden, aber es gibt Wege, wie man gewährleisten kann, dass man immer noch leben kann. Ich hatte während der letzten zehn Jahre kurze Zeiten, in denen ich nicht unterrichtet und mich nur aufs Schreiben konzentriert habe. Ich lebte eine Weile von einem Vorschuss und gab privat Nachhilfe, um über die Runden zu kommen. Aber das ist auf Dauer nicht machbar – ich hasse die Unsicherheit daran, und ich bin jetzt 31. Ich möchte nicht in einer dreckigen Wohnung leben, die ich mit zehn Fremden teile! Manche Leute haben immer noch diese romantische Vorstellung des mittellosen, bedürftigen Künstlers. Aber es ist nichts Romantisches daran, wenn man sich die ganze Zeit Sorgen ums Geld macht. Wenn ich wegen der Zahlungen meiner Miete in Panik gerate, kann ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren.

Wie sehen Sie die neue digitale Welt? Kinder wachsen heute mit Smartphones statt mit Büchern auf. Sie kommunizieren immer mehr mit digitalen anstatt wirklichen Freunden.

Ich habe mich das oft gefragt. Ich bin noch ziemlich jung, aber ich spüre, wie schnell die Welt um mich herum sich ändert – sie ist schon so anders als die Welt, die ich als Kind kannte. Ich kann mir nur vorstellen, wie verwundert ich erst in ein paar Jahren sein werde. Aber ich denke, die Auswirkung der Smartphones wird manchmal überbewertet. Die Jugendlichen, die ich zum Beispiel unterrichte, sind eigentlich nicht so furchtbar viel an ihren Handys. Meistens tratschen sie während der Pausen und während des Mittagessens immer noch miteinander. Sie lesen noch immer Bücher.

Haben Sie literarische Vorbilder?

Sehr viele! Ich denke, man lernt aus jedem Buch, das man liest. Wenn der Text gut ist, bringt er dich dazu, selber auch besser werden zu wollen, und er gibt einem eine Vorstellung davon, wie man das machen kann. Wenn der Text schlecht ist, dann erinnert er dich daran, was man vermeiden sollte. Aber Schriftstellerinnen, die ich ganz besonders bewundere, sind Hilary Mantel, Elizabeth Strout und Jean Rhys.

Welche österreichischen Autorinnen und Autoren schätzen Sie?

Ich halte Elfriede Jelineks Romane für sehr machtvoll und verstörend. Ich halte sie für eine furchtlose Schriftstellerin, was nicht dasselbe ist, wie nur um der Provokation willen schockieren zu wollen. Ich empfehle meinen Freunden immer Daniel Kehlmanns Bücher, vor allem „Die Vermessung der Welt“, die so originell und komisch ist. Ich warte ungeduldig auf seinen nächsten Roman „Tyll“, der auf Englisch erst im kommenden Jahr veröffentlicht wird. Im Moment lese ich Peter Handkes „Wunschloses Unglück“, sein hellsichtiger und sorgsamer Bericht über das Leben und den Selbstmord seiner Mutter. Das Buch brachte mich wieder dazu, über den Akt des Schreibens selbst nachzudenken: was er bedeutet und weshalb wir es tun.

Ich glaube, es ist wahrscheinlich wahr, dass wir in Großbritannien nicht genug übersetzte Literatur lesen. Unsere Verbindung besonders mit dem restlichen Europa ist eine wunderbare Sache, und es erscheint mir als eine Tragödie, dass wir dem den Rücken zukehren.

Einige biografische Fragen: Wie wuchsen Sie auf? Haben Sie Geschwister? Wollten Sie immer schon Schriftstellerin werden? Wie hat alles begonnen?

Ich wuchs auf dem Land unweit von Oxford auf, mit meinen Eltern und einem älteren Bruder. Wir lebten in einem sehr kleinen Dorf, in einer ziemlich abgelegenen Gegend – eine Menge Felder, Schafe und Kühe, aber nicht sehr viele Menschen. Ich verbrachte meine Zeit damit, mit meinem Rad in der Gegend herumzufahren, Bücher zu lesen und Geschichten zu erfinden. Ich glaube, ich war ziemlich allein, aber nicht einsam. Ich lebe seit acht Jahren in London, aber ich bin noch immer nicht sicher, ob ich mich voll angepasst habe. Es fühlt sich wie eine ganz andere Welt an als die meiner Kindheit.

Ich wusste schon sehr früh, dass ich Schriftstellerin werden wollte, vielleicht so seit ich sieben oder acht war (glücklicherweise wusste ich damals nicht, wie hart es sein würde, oder es wäre mir vielleicht egal gewesen). Meine Eltern ermutigten mich, aber sie waren wahrscheinlich auch ziemlich erleichtert, dass ich ein ängstlicher und praktisch veranlagter Mensch bin: Sie mussten nicht darauf bestehen, dass ich mir auch einen „richtigen Job“ suche, denn dazu hatte ich mich schon selbst entschieden. Ich unterrichte immer noch. Ich arbeite zur Zeit an einer Bubenschule in London, und es macht mir wirklich Freude. Sogar, wenn ich das Geld nicht brauchen würde – und ich glaube nicht, dass dieser Tag je kommen wird – würde ich weiter unterrichten wollen.

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Rebecca Wait, Jahrgang 1988, wuchs in der englischen Grafschaft Oxfordshire auf und lebt heute in London. Sie studierte an der renommierten University of Oxford und spezialisierte sich auf Altenglische Lyrik und Frühe Bibelübersetzung. Der 2015 erschienene Debütroman „Kopfüber zurück“ brachte ihr großes Lob im Feuilleton. Auf Englisch gibt es schon drei Bücher. Für ihre Kurzgeschichten und Stücke wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Wait ist Lehrerin an einer weiterführenden Schule.

„Das Vermächtnis unsrer Väter“ (Kein & Aber)
Übers. v. Jenny Merling, 336 S.

„Kopfüber zurück“ (Kein & Aber)
Übers. v. Anna-Nina Kroll, 336 S.