Er gibt nicht viele Interviews und öffentliche Auftritte scheut er ganz. Mut beweist er einmal mehr in seinem neuen Buch „Hope“. Peer Martin im Buchkultur-Gespräch über seine Beweggründe, den Klimawandel und über die Hintergründe seiner Auswanderung nach Kanada.

Nachdem wir in Peer Martins erstem Roman „Sommer unter schwarzen Flügeln“ mit dem syrischen Flüchtlingsmädchen Nuri und dem jungen deutschen Neonazi Calvin mitfiebern durften und nebenher gut recherchierte Fakten rund um den Syrienkrieg erhalten haben, erscheint nun „Hope“, ein weiteres mutiges Buch des Autors. Wir begleiten darin den 11jährigen Somali Hope und den ehrgeizigen jungen Kanadier Mathis auf der mehr als nur gefährlichen Flüchtlingsroute von Johannesburg nach Quebec, Kanada. Und wie bei Martins erstem Buch kann man hier durchaus anmerken: Das ist Pflichtlektüre für Jugendliche!

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Buchkultur: Wie kommt es, dass Sie diese brisanten Themen für Jugendbücher aufgreifen?

Peer Martin: Ich bin in Hannover aufgewachsen, als Kind freundlicher, wenig politischer Eltern und war ursprünglich Sozialarbeiter. Damals haben wir in Kneipen herumgehangen und versucht, die Probleme der Weltpolitik zu lösen und uns die Köpfe heiß diskutiert. Wir hatten natürlich auch für alles eine Patentlösung. Das Interesse an der Welt war also schon immer da. Ich bin dann nach Berlin gezogen, und ich habe mich dort mit den Problemen vor der Haustüre beschäftigt: vor allem mit Jugendlichen, die die Tür vor der Welt verschließen, nicht oder selten zur Schule gehen, ihren Alltag im Umfeld von Gewalt und Extremismus leben. Damals habe ich auch mit einer Flüchtlingsgruppe gearbeitet, so entstand die Idee für meinen ersten Roman „Sommer unter schwarzen Flügeln“.

Sie hätten dieses Buch nicht veröffentlicht, wenn Sie nicht damals schon ihren Umzug nach Quebec geplant gehabt hätten. Warum?

Wir alle wissen, wie es gerade um Europa beziehungsweise Deutschland bestellt ist. Vor allem in der rechten oberen Ecke – geographisch gesehen, die ja auch die rechte obere Ecke, politisch gesehen ist. Genau dort haben wir gelebt, ehe wir nach Kanada gingen, woher meine wunderbare Frau Catherine stammt. Die Geschichte ihrer Familie ist auch eine Flüchtlingsgeschichte, ihre Großeltern kamen als Kinder hierher. Ich bin stolz, in eine jüdische Familie eingeheiratet zu haben, obwohl Catherine den Glauben eigentlich nicht „lebt“, er ist mehr als Hintergrund für uns vorhanden. In Vorpommern war dies Grund für Schmierereien an der Wand und anderes mehr. Nichts wirklich Gefährliches, aber ein unangenehmes Gefühl, auch für die Kinder in der Schule. Man sollte, das haben uns die Eltern meiner Frau gelehrt, rechtzeitig gehen, und ich gebe zu, hier atmen wir freier.

Haben Sie dran gedacht unter einem Pseudonym zu schreiben?

Eigentlich nie. Es ist zu viel in dem Roman, das auf mich hingedeutet hat, ein Pseudonym hätte wohl nichts genützt. Ich weigere mich allerdings bis jetzt, öffentlich aufzutreten.

Wo leben Sie jetzt und wie sieht Ihr ganz normaler Alltag aus – falls Sie so etwas haben)?

Oh, wir haben durchaus einen Alltag, vielleicht ist er sogar langweilig und spießig – wir leben in einem Vorort von Quebec. Ich gehe jeden Morgen brav von 5 bis halb 7 mit unserer Golden Retriever Dame Lola spazieren, mache dann Frühstück, bringe die Kinder zur Schule und kümmere mich um den Abwasch. Ich bin also quasi der Hausmann und organisiere die Höhle, während meine wunderbare Frau Catherine in die Welt hinauszieht und Mammuts jagt. Nein, sie arbeitet als Psychotherapeutin. Von 9:30 bis 12 Uhr sitze ich dann am Schreibtisch, hole danach unsere Jüngste ab, esse mit ihr Mittag, lese ihr vor, lege sie ins Bett, gehe nochmal mit Lola eine Runde. Danach kommen die Jungs, dann geht es zum Fußball oder, für den Älteren, einmal die Woche zum Schachclub (nicht meine Idee, sondern seine). Erst abends ab 21 Uhr sitze ich dann wieder am Schreibtisch. Die wahre Kreativität muss nachts stattfinden.

Nach „Sommer unter schwarzen Flügeln“, wo es um Kriegsflüchtlinge geht, geht es nun in „Hope“ vorrangig um Klimaflüchtlinge.

Letztendlich sind auch Kriegsflüchtlinge Klimaflüchtlinge, denn Klimawandel schafft Krieg. Zu „Hope“ kam es, als ich an dem Büchlein „Was kann einer schon tun?“ saß. Hierfür habe ich mit somalischen Flüchtlingen gesprochen und bin auf die unglaubliche Reise der Somalier bis nach Kanada gestoßen. Ich merkte, wie unbekannt der Fluchtweg über die Panamericana in Europa ist, und dachte, jemand muss den Leuten davon erzählen. Zumal Europa mit Grund für diesen Fluchtweg ist.

Von Johannesburg nach Quebec, in dem Buch stecken Land für Land unzählige Informationen und Geschichten. Wie haben Sie recherchiert?

Mir kommt es vor, als hätte ich hundert Jahre lang recherchiert, aber es waren, glaube ich, nur zwei. Ich habe unendlich viel gelesen, Interviews, Artikel, Bücher – und natürlich mit Menschen gesprochen. Ich bin tatsächlich in Brasilien gewesen, für das Buch. Und auch noch geflogen, was mir sehr dumm vorkam. Aber ich konnte schlecht zu Fuß hingehen.

Es ist bestimmt nicht leicht, so ein Buch zu schreiben. Wie ging es Ihnen dabei?

Ich bin mehr als einmal verzweifelt, denn von diesem Stoff braucht man – sicher auch beim Lesen – öfter mal Erholung. Deshalb habe ich zusätzlich zu den „Fakten“ am Ende jedes Kapitels auch immer einen Abschnitt unter dem Titel „Hoffnung“ eingefügt. Denn ich bin sicher, es gibt sie. Es hat mich weit mehr mitgenommen,  über manche Dinge zu hören als darüber zu schreiben – ganz schlimm beispielsweise die Berichte über die unfassbare Gewalt in Mexiko, Menschen, die mir von entführten Kindern erzählten, die misshandelt und zerstückelt wurden. Diese Geschichten zu verkraften war nicht immer leicht. Beim Schreiben verarbeite ich, wäge ab, was wichtig ist, da bin Herr der Lage. Nachklingen tun in mir allerdings am Ende eher die Szenen, die gar nicht so gewalttätig sind. Aus irgendeinem Grund ist vor allem das Bild von Hope auf der Schaukel vor dieser Kirche in meinem Kopf geblieben.

Sind auch die Geschichten der einzelnen Protagonisten wahre Schicksale?

Einige Menschen sind annähernd real, andere sind zusammengesetzt aus mehreren Schicksalen, manche frei erfunden. Allerdings sind die Namen der realen Personen natürlich geändert, und ich habe ihnen allen versprochen, nicht zu viel über den wirklichen Hintergrund zu erzählen. Ich hoffe, Sie verstehen das.

Dieser Satz hat mich nachdenklich gemacht: „Ich war zu weit weg von ihrer Welt, um ihnen etwas erklären zu können.“ Sind wir alle so weit weg vom Brennpunkt der Probleme, dass wir sie nicht verstehen können?

Ich denke, gerade im Moment findet da Großes statt. Auch oder vor allem in Europa. Als ich sah, wie Jugendliche begannen, an den Freitagen auf die Straßen zu gehen, war ich alter Romantiker nahe daran zu heulen. Diese Kinder und Jugendlichen werden mein Buch nicht mehr brauchen, denn sie wissen das alles schon und haben längst ihre eigenen Schlüsse gezogen. Ich hoffe, es erreicht den Rest. Denn es wäre allein schon wichtig zu verstehen, WARUM Afrika nach Europa auswandert und dass eine Abgrenzung weder uns, noch den Konzernen und der Politik auf lange Sicht möglich ist und auch niemanden weiter bringt.

Was wären Ihre Forderungen von der Politik und der Industrie?

Hierauf zu antworten, würde einen weiteren Roman füllen. Mir geht es aber eher um die Einzelmenschen. Wir können uns nicht darauf ausruhen, dass die „Großen“ verantwortlich sind. Industrie, Politik und Konzerne tun dann etwas, wenn wir „Kleinen“ sie dazu zwingen. Wenn wir als Verbraucher bestimmte Dinge einfach nicht kaufen. Wenn wir als Wähler bestimmte Menschen nicht wählen. Und wenn wir als Menschen anderen Menschen in Not helfen.

Sie schreiben, Europäer, Amerikaner, Kanadier ermorden mehr Menschen als sämtliche kriminelle Banden Südamerikas. Ist es unter anderen auch das, was Sie Ihren Lesern so drastisch vor Augen führen möchten?

Sicherlich. Wir sind Schreibtischtäter. Nein, eigentlich sind wir Supermarkttäter. Oder Internettäter. Mit dem Kauf von oft völlig unnötigen Dingen sorgen wir für einen Massenmord und rechtfertigen uns anschließend damit, von all dem nicht gewusst zu haben. Wir sind nie Schuld. Es sind immer die anderen, die da drüben, die weit weg.

Schuldgefühle lähmen aber auch, mich hat es eine Weile komplett gelähmt, in dieser Zeit habe ich Catherine die Einkäufe machen lassen. Und meine Kinder haben die Augen verdreht, wenn ich über die Herkunft von Bananen philosophierte. Mein Gott, Papa, Bananen sind Bananen! Ich denke, ich hab ziemlich genervt. Also - zuviele Schuldgefühle sind pathologisch und hindern uns daran zu handeln. Wir alle können etwas verändern und wenn es auch etwas noch so Kleines ist. Unser Kleiderschrank beispielsweise sieht jetzt anders aus - von innen. Und unsere Mülltonne auch. Sie ist etwas leerer geworden. Meine Schwiegermutter sagt: Ihr kauft ja jetzt nur noch von Umweltaktivisten fußgehäkelte Pullover aus recycelten Blumen. Jawohl, man darf auch den Humor nicht verlieren.

Sie sprechen in Ihrem Buch das Thema „Climate engeneering an. Was ist darunter zu verstehen?

Der Mensch kann regulierend in bestimmte Mechanismen der Klimaentwicklung eingreifen, z.B. die Erdalbedo durch Verspiegelung von Oberflächen beeinflussen oder bestimmte „klimaschädliche“ Moleküle in der Luft binden. Schließlich handelt es sich bei der Erderwärmung um ein physikalisches Phänomen und ist somit auch physikalisch beeinflussbar. Was jedoch nach einem Wunder klingt, birgt die Gefahr, dass wir einfach weitermachen wie bisher, weil durch „Climate engeneering“ schon alles wieder zurecht gebogen wird. Auch birgt es die Gefahr von Negativauswirkungen, die wir heute noch nicht voraussehen oder berechnen können. Die Reduzierung unsere Energieverbrauchs und unseres CO2 Ausstoßes muss Vorrang haben, „Climate Engeneering“ kann uns allerdings helfen, die Folgen der Klimawandels abzumildern, denn selbst die ambitioniertesten Versuche der Menschheit, diesen Wandel aufzuhalten, kommen zu spät.

Wird es evtl. dieses Computerspiel, von dem Akash spricht, auch real geben?

Ein Freund und ich hatten überlegt, tatsächlich so ein Spiel zu bauen, leider ist es an Zeit und Finanzierung gescheitert. Aber vielleicht findet sich ein junger Leser, der so etwas gerne machen möchte?

Es gab oder gibt noch immer eine Website zu Sommer unter schwarzen Flügeln Wird es auch eine für Hope geben?

Auch dies ist ein Zeitproblem. Bisher hat der Verlag keine konkrete Finanzierungshöhe zugesagt. Ich wuerde gerne eine Unterseite für „Hope“ haben, auf jeden Fall eine Karte der ganzen Reise mit anklickbaren Orten und weiterführenden Links, so dass jeder die Reise „mitmachen“ kann. Ich bin kein Programmierer und brauche dazu Hilfe, kann aber nicht immer alle Freunde dazu verdonnern, alles umsonst zu machen. Wir werden sehen.

Sie sind Vater von drei Kindern. Haben Sie aufgrund der Zukunftsaussichten Angst um Ihre Kinder? Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Selbstverständlich habe ich Angst. Alle Eltern haben Angst um ihre Kinder. Kinder finden das meistens poathologisch, aber ich denke, es ist normal, und zwar egal, in welchen Zeitalter man lebt. Wie ich damit umgehe ... Ich nehme an, ich schreibe Bücher.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Meine Kinder. Alle Kinder. Demonstrierende Jugendliche. Die junge Generation ist auf einem guten Weg und ich hoffe, sie bleiben alle motiviert und unbequem. Weiters Solaranlagen. Rettungsboote auf dem Mittelmeer, der Fakt, dass es Buchmessen in Mogadischu gibt. Und dass Menschen sich die Mühe machen, Interviews wie dieses zu führen.

Einen Wunsch für die Zukunft?

Junge Menschen, die die Kraft aufbringen, über den Tellerrand der ersten Welt zu blicken. Die Gründe begreifen und das Rad wieder zurückdrehen, das die Politik im Moment global nach rechts und den Planeten an den Rand seiner Kapazitäten drängt. Aber ganz persönlich wünsche ich mir nur, dass alle Mitglieder meiner Familie das nächste Jahr erleben, auch unsere leider alternde Hündin Lola, ohne deren (fast) stummen Anwesenheit unter dem Tisch ich mir das Schreiben nicht vorstellen kann.

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Peer Martin, geboren 1968 in Hannover, studierte Sozialpädagogik in Berlin. Mehrere Jahre arbeitete er mit Jugendlichen in Berlin, Vorpommern und Rügen, bevor er mit seiner Frau nach Quebec, Kanada zog. Dort lebt er heute mit ihr, seinen drei Kindern und der Goldenen Retriever-Hündin Lola.

„Hope: Es gibt kein zurück. Du kommst an. Oder du stirbst“ (Dressler)
Ill. v. Nils Andersen, 544 S.

„Sommer unter schwarzen Flügeln“ (Oetinger)
Ill. v. Büro Süd GmbH, 496 S.