Mira Lobe, „Das kleine Ich bin ich“

Eines meiner wichtigsten Lebensbücher ist ein Ratgeber. Thema Selbstfindung.

Werden wir ja überflutet diesbezüglich, aber dieser hier steht für mich an einsamer Spitze, ist mir so wichtig, ich kann ihn streckenweise auswendig. 1972, zwei Jahre war ich alt, da wurde dieses Buch geboren und begleitet mich seither, zuerst wie eine kleiner Bruder, irgendwann wie eine große Schwester, später wie ein treuer Freund, heute wie ein stiller, weiser Mentor.

Wenn ich die Worte in mir höre, wechseln fließend die Gesichter, die Stimmen all jener, die daraus lesen. Lebende und Tote. Meine Großmutter, meine Mutter, mein Vater, Kindergartentante, Lehrer, Freunde, später meine Frau, mittlerweile meine Kinder, irgendwann vielleicht auch Kindeskinder. Und diese Gesichter lächeln allesamt, während sie daraus lesen, die Stimmen ein fröhliches Singen. Es ist kein Wälzer, sondern ein bescheidenes Buch, liebevoll von Susanne Weigel illustriert, voll Herzlichkeit und Klugheit, mittlerweile in Hosentaschenformat erhältlich, kann also überallhin mit, als Reiseproviant, wie es sich für einen Ratgeber eben gehört.

Und gut ist das, denn die Geschichte handelt von einer Wanderschaft.

Die Hauptfigur ist anfangs zwar glücklich, aber wird wie aus dem Nichts komplett aus der Bahn geworden, irrt daraufhin stellvertretend für uns durchs Leben, verloren, suchend, getrieben von den Fragen: „Wer bin ich?“, „Bin ich so richtig, so klein, so anders?“, „Wo gehör ich dazu?“

Und an jeder Ecke bekommt es zu hören: Na auf jeden Fall bist du zu hässlich, du Zwerg, das steht fest, zu dumm bist du auch, zu verschnörkelt, zu bunt, komisch einfach, Pony-Frasen, Dackel-Ohr. Eines jedenfalls ist sicher: Du bist keiner von uns, nie und nimmer. Denn wäre dem so, müsstest du ja so, und so, und ganz bestimmt auch genau so sein. Soso.

Da scheint keine Hilfe, kein Trost in Sicht. Bitter.

Ja und dann kommt sie, diese Einsicht, die unsere Hauptfigur erkennen lässt, wie einzigartig und deshalb genau richtig sie ist, die ihr wieder Lebensfreude schenkt, Wertschätzung. Eine Einsicht, die ich zwar als Kind schon verstehen konnte, aber heute noch zu verinnerlichen versuche, Tag für Tag. Reise eben.

Aber lesen Sie bitte gerne selbst. Erstmals. Oder erneut. Für sich. Oder vor. Und wer es auswendig kann, nur keine Hemmungen, einfach loslegen, Seelenbalsam, jederzeit und überall:

Auf der bunten Blumenwiese geht ein buntes Tier spazieren,wandert zwischen grünen Halmen, wandert unter Schierlingspalmen,freut sich, dass die Vögel singen, freut sich an den Schmetterlingen,freut sich, dass sich's freuen kann.

Aber dann...

Die Autorin Mira Lobe wäre am 17. September 2017 104 Jahre alt geworden. Mit ihren Worten lebt sie weiter, über jede Zeit erhaben. Danke für dieses großartige Geschenk, dieses wundervolle Buch. Das kleine Ich bin Ich. Und nicht nur für dieses...

--

Thomas Raab (* 1970 in Wien) ist Autor, Komponist und Musiker. Bekannt wurde er mit den Kriminalromanen rund um den Restaurator Willibald Adrian Metzger. Zuletzt erschien sein siebter Krimi „Der Metzger“ (Droemer, 2016) über einen Fleischereierben, der Schriftsteller werden will.


Dieser Text erschien ursprünglich in Buchkultur Ausgabe 175, Dezember 2017. Foto von Simone Heher-Raab.