Charles Dickens, „Große Erwartungen“

Man hat nicht ein Leben lang dasselbe Lieblingsbuch, doch momentan ist meines „Große Erwartungen“ von Charles Dickens. Es gibt bessere Romane, auch bedeutendere, aber mich fesselt dieses Buch jedes Mal, wenn ich es wiederlese.

Hauptfigur ist Pip, ein armer Waisenjunge. Er wird auf dem Land groß, wo er den entlaufenen Sträfling Magwitch bei seiner Flucht unterstützt, und verliebt sich schließlich in Estella, das verzogene Mündel der exzentrischen Miss Havisham. Zu guter Letzt verschlägt es Pip nach London, wo er dank eines anonymen Wohltäters zum Gentleman wird.

Und was für ein Gentleman! Er lernt fechten und tanzen,  gibt das Geld seines Gönners mit vollen Händen aus und wird zum Müßiggänger und Egoisten, der sich nicht um die Gefühle seiner Mitmenschen schert.

Als er und Estella sich nach vielen Jahren wiederbegegnen, flammt seine alte Liebe zu ihr heftiger denn je wieder auf; sie aber will durch nichts mehr an die einfachen Verhältnisse erinnert werden, aus denen sie stammt, ist ganz die Lady auf der Suche nach einem reichen Mann und zeigt ihm die kalte Schulter. Pip hofft vergeblich auf Miss Havisham: Nachdem ein Mann einst sie selbst leiden ließ, weidet sich diese nur an Estellas Herzlosigkeit.

Die Gunst des Schicksals, sagt uns das Buch, kann einen Menschen verderben, Reichtum den Blick auf die Welt  verzerren. Pip wird nicht direkt zu einem schlechten Menschen, aber arrogant und eitel ist er, und widerwärtig herablassend jenen gegenüber, denen er viel verdankt.

Dickens ist hier auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Zwischen den Figuren, die anfangs wie bunt zusammengewürfelt wirken, ist nichts dem Zufall überlassen, alles fügt sich am Ende ineinander; es gibt Furcht und Schrecken erregende Szenen; komische Episoden und Leid. Kein Wunder, dass Dickens zu den beliebtesten englischen Romanautoren zählt, angesichts dieser unbändigen Fabulierlust.

--

Donna Leon  (* 1942 in New Jersey) hat schon in Siena, Venedig und London gelebt. Ihr Commissario Guido Brunetti ist fest in Venedig verwurzelt – seit 1992 hat er sechsundzwanzig Fälle gelöst, zuletzt: „Stille Wasser“ (Diogenes, 2017).

Dieser Text erschien ursprünglich in Buchkultur Ausgabe 175, Dezember 2017. Deutsch von Werner Schmitz, Foto von Regine Mosimann/Diogenes.