J.D. Salinger, „Der Fänger im Roggen“

Ich hätte das Buch ersetzen können, habe es aber nie getan. Es ist das 1979 in Kuba herausgegebene Exemplar, ein Geschenk meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau Lucía zu meinem immer ferneren vierundzwanzigsten Geburtstag.

Manchmal denke ich, ich hätte den Roman früher lesen sollen, mit sechzehn oder achtzehn Jahren. Doch ich glaube, dass es Dinge gibt, die auf einen zukommen, wenn es an der Zeit ist, und so muss es in diesem Fall gewesen sein. Denn ich habe das Buch gerade zu der Zeit verschlungen, als in mir der Wunsch zu brennen begann, ebenfalls Literatur zu schreiben. Es hat mich zutiefst erschüttert.

Dass es mich erschütterte, war eigentlich nichts Besonderes. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte es die halbe Welt erschüttert, und nachdem ich es gelesen hatte, erschütterte es auch die andere Hälfte des Universums. Denn wie jede gute Literatur ist es im Stande, eine derartige Reaktion hervorzurufen. Eine Fähigkeit, die von Dauer ist und in manchen, ganz besonderen Fällen mit der Zeit nur umso größer wird.

Der Fänger im Roggen ist so ein gewaltiges Buch. J.D. Salinger ist sein Autor, Holden Cauldfield sein Held. Und ich bin einer seiner fanatischsten Leser.

Warum habe ich es in fast vierzig Jahren ich weiß nicht wie oft gelesen? Nicht wegen der Geschichte vom ziellosen Umherirren des Holden Cauldfield, die ich inzwischen auswendig kenne. Auch nicht, so glaube ich, um durch die Romanfigur das spätere Verhalten des Autors zu verstehen. Ich lese diesen Roman immer und immer wieder, weil er in mir ein großartiges Gefühl von Freiheit hervorruft, das ich genieße. Die jugendliche und scheinbar grundlose Rebellion des jungen Holden, seine Unverfrorenheit, seine Entfremdung von und sein Überdruss an einer normierten Welt sind die Beweggründe für seine Entscheidungen. Doch der Kompass, auf den er nie einen Blick wirft, von dem er jedoch geleitet wird und auf die uns Salinger mit der Unauffälligkeit großer Literatur hinweist, ist die Suche nach Freiheit, zu der sich so viele von uns hingezogen fühlen, weil sie in einer Situation gefangen sind, die sie einengt und es ihnen bisweilen sogar unmöglich macht, sich danach zu sehnen, wirklich frei zu sein.

Möglich, dass meine Interpretation von Der Fänger im Roggen einseitig und voreingenommen ist; aber sie ist meine, von mir frei gewählte. Sie beinhaltet die Sehnsüchte und die Hoffnungen eines Menschen, der sich von diesem Roman vier Jahrzehnte hat begleiten lassen, in denen er schreibend dasselbe zu finden sich vornahm wie Holden Cauldfield, indem er durch seine Gesellschaft und seine Welt irrte.

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Leonardo Padura (* 1955 in Havanna) ist einer der wichtigsten kubanischen Gegenwartsautoren. Neben Romanen und Erzählungen publiziert er Essays und Reportagen. Bekannt wurde er mit seinen Kriminalromanen. Zuletzt erschienen die Erzählungen „Neun Nächte mit Violeta“ (Unionsverlag, 2016).


Dieser Text erschien ursprünglich in Buchkultur Ausgabe 175, Dezember 2017. Deutsch von Hans-Joachim Hartstein, Foto von Ivan Giménez.