Ein Universum der Kunst und des Lebens erschafft die vielfach ausgezeichnete französische Schriftstellerin Maylis de Kerangal. „Eine Welt in den Händen“ erzählt von der Kraft der Fiktion, dem Wunder von Lascaux und dem Heranreifen einer jungen Frau.

Buchkultur: Ihr Roman „Eine Welt in den Händen“ erzählt von der jungen Paula Karst, die am Brüsseler „Institut de peinture“, einer Schule, die sich auf das Kopieren und die Kunst der Illusion im Stil des Trompe-l'œil spezialisiert hat, lernt. Sie wird mit der Nachbildung der Malereien der Höhle von Lascaux betraut. Ist es möglich, über die Kopie und die Imitation, über die Fiktion eine Form der Wahrheit zu erreichen? Die Wirklichkeit über die Fiktion zu rekonstruieren? Ist man über die Fiktion wahrhaftiger als in der Realität? Sind die Kopisten wahre Interpreten und Künstler?

Kerangal: Ich schreibe Romane und Erzählungen, ich bin auf der Seite der Fiktion. Der Philosoph Jacques Rancière schreibt: „Die Wirklichkeit muss fiktionalisiert werden, um gedacht zu werden“, und ich vertraue darauf, dass der Roman, als eine Form der Fälschung, eine Repräsentation des Realen darstellt, um die Wahrheit der Wirklichkeit wiederzugeben. Diese Wahrheit erreiche ich über die Figuren, die Situationen, die Mittel, über die die Fiktion verfügt, um sich zu entfalten. Ich erreiche sie vor allem über das Schreiben, das Arbeiten mit der Sprache. Ich habe dann das Gefühl, in die Illusion hineinzugehen und plötzlich in eine Welt einzudringen, zu der mir mein normales Leben, mein eigenes Leben keinen Zugang gewährt.

Wie können wir in einer Welt der Fälscher und der Surrogate authentisch bleiben?

Genauer gesagt erlaubt die Fälschung – die ich vom Surrogat unterscheide, das nichts anderes als ein Ersatz ist –, als Macht der Fiktion sowohl die Welt zu bewohnen als auch sie zu denken.

Zu Beginn ist Paula nicht besonders ehrgeizig oder heldenhaft. Aber sie verändert sich. Sind es die Kunst und der Kontakt mit dem Geheimnis der Höhle von Lascaux, die sie verwandeln?

Ja, Paula verändert sich im Lauf des Romans. Die unbeholfene, in der Latenzzeit steckengebliebene junge Studentin der ersten Seiten, die sich treiben lässt, macht nach und nach einem entschlossenen jungen Mädchen Platz, das sowohl freier als auch sensibler ist. Es ist zunächst die Arbeit, die sie verändert, die Lehrzeit im Atelier der Dekorationsmalerei und des Trompe-l’oeil in der Rue du Métal in Brüssel, der Erwerb spezifischer technischer handwerklicher Fertigkeiten und neuen Wissens, die Entdeckung unbekannter Produkte. Es ist eine sehr körperliche Ausbildung, sie lernt dort ihren Körper kennen – Hand, Rücken, Hals –, sie lernt dort sehen. Zur gleichen Zeit findet dort eine Vorbereitung auf das Leben statt: Paula lebt zum ersten Mal außerhalb der familiären Wohnung, sie trennt sich von ihren Eltern, sie alleine gestaltet ihren Alltag, sie muss allein zurechtkommen, sie muss mit ihrem Mitbewohner Jonas auskommen. All das verändert sie, hinterlässt Spuren auf ihrem Körper, reformiert ihre Sprache, wühlt ihre Erinnerungen auf. Aber das, was für mich wirklich die Dimension einer Initiation hat – die Initiation der Person, die auch meine ist –, das ist der Zugang zur Darstellung der Welt, die Konfrontation Paulas mit dem Geheimnis der Bilder, der Eintritt in die Welt der Fiktion. In diesem Sinn fungiert die Ausbildung in der Rue du Métal wie ein Übergangsritus.

Der Roman ist der Ort, wo man den Entwicklungsverlauf der Persönlichkeiten nachverfolgt, um ihre Verwandlung am besten zu erfassen, ihre Umstellungen, und das ist ohne Zweifel der Grund, weshalb jugendliche Protagonisten in meinen Büchern vorkommen, weshalb ich es so liebe, über dieses Lebensalter zu schreiben und mich damit zu befassen.

Was symbolisiert die Höhle von Lascaux?

Diese Höhle nimmt einen einzigartigen Platz in meiner Vorstellung ein: Sie ist sowohl Familienlegende – mein Vater und seine Brüder, die in der Dordogne lebten, haben sie zweifelsohne vor 1948 besucht (1948 wurde die Höhle für die Allgemeinheit geöffnet, Anm. d. Red.) – als auch ein Anlass für Träumereien. Diese Höhle ist ein bedeutender Ort unseres kollektiven Gedächtnisses, man hat mit ihr „Geschichte geschrieben“: ihre Entdeckung durch vier Jugendliche und einen Hund während die Nazis über Europa herfielen, wurde eine kraftvolle Schilderung eines Wunders. Ihre Inbesitznahme durch die Maler, Dichter und Filmemacher machten daraus den Geburtsort der Kunst, den Schmelztiegel der Schönheit und eines der Wahrzeichen für den Ausdruck unserer Menschlichkeit. Heute ist die Höhle von Lascaux noch begehrenswerter, weil sie unsichtbar geworden und nicht mehr zugänglich ist: Ihre Abwesenheit ist genauso intensiv geworden wie ihre Anwesenheit. Aber für mich ist diese Höhle, als geisterhafter, imaginärer Ort, vor allem ein Abbild der Zeit. 

Was symbolisiert das Schielen Paulas? Sie ist eine autobiografische Figur? Sie schielen auch?

Paulas Schielen verleiht ihrem Gesicht etwas Bizarres, Eigenartiges, eine Asymmetrie, etwas, das nicht stimmt. Auch wenn das auf den ersten Blick von einer Form der Unbeholfenheit zeugt, nimmt es im Laufe des Buchs einen anderen Wert an: Im Atelier der Rue du Métal lernt Paula sehen, ihre Augen öffnen sich, sie leiden, sie werden aktiv. Paulas Schielen drückt also eine Abweichung aus, eine fortschreitende Befreiung, je weiter sie in die Malerei eindringt. Am Schluss sieht sie es als eine Stärke an, als ob es ihr erlauben würde, zugleich in zwei Richtungen zu schauen, und – noch besser –, als etwas Reizvolles. Paula ist eine Figur, die mir nahe ist, ihr Schielen ist ein bisschen auch meines, die Initiation, die sie in der Rue du Métal erfährt, ähnelt jener, die ich bei jedem Buch erlebe.

„Eine Welt in den Händen“ erzählt auch von der Adoleszenz und der Liebe. „Wirklich malen, wirklich lieben, sich wirklich lieben, es war dasselbe“ heißt es da. Was bedeutet das?

In diesem Buch verkörpert Jonas, Paulas Mitbewohner in Brüssel, den Jungen, an dessen Seite sie malen lernt, verschiedene Seiten der Liebe: Er ist ein Geselle – im handwerklichen Sinne – ein Freund, er wird ein Liebhaber. Die Liebe, die zwischen ihnen wächst, nimmt diese Gesichter an, bleibt aber verborgen, geheimnisvoll, unbekannt. Sie entwickelt sich, während sie lernen zu malen, während sie lernen, die Welt neu zu erschaffen, als würde alles zusammenhängen, als wäre alles miteinander verflochten. „Wirklich malen, wirklich lieben, sich wirklich lieben, es war dasselbewill heißen, dass die Gefühle das ganze Terrain der Existenz einnehmen, dass sie deren Fortbestand sind, das erste „(Roh-)Material“, die Wahrheit.

Die im Buch angesprochene Rettung der prähistorischen Wandmalereien durch Kopieren: Ist es das einzige Mittel gegen unseren die Umwelt zerstörenden Lebensstil?

Die prähistorischen Höhlen sind anfällig. Man weiß heute, dass die simple Anwesenheit der Menschen die Atmosphäre dieser extrem sensiblen Umgebung verändert und die Fresken zerstört (Pilze, Algen und Mikrobakterien, die die Wände zerfressen). Die Idee, die Stätten zu schützen, sie zu kopieren, sie wiederherzustellen, ermöglicht es tatsächlich, sie zu retten, aber auch, dem großen Publikum eine Erfahrung davon, ein Bild davon zugänglich zu machen. Aber was ist mit dem Gefühl, das man vor einem originalen Werk empfindet? Kontrollierte Zugangsbeschränkungen zu diesen Orten würden es gleichermaßen erlauben, sie zu schützen, während man gleichzeitig der Öffentlichkeit den Zugang zu diesem ursprünglichen Gefühl zurückgeben würde.

Mein Interesse an den Faksimiles hat nicht nur ökologische Gründe: Ich halte sie für faszinierende Werke, sie tragen für mich einen Wert in sich, und ich könnte mir sogar vorstellen, dass sie realisiert werden, während die originalen Stätten dem Publikum zugänglich bleiben.

Bedeutet Lesen in Ihren Augen die Welt zur Hand, in Reichweite zu haben?

Ja, das Buch enthält eine Welt, die immer zur Hand, in Griff-, Reichweite ist. Eine Welt, die nicht gegeben ist, sondern, im Gegenteil, eine Handbewegung verlangt, einen Schritt, eine Bewegung – nach dem Buch zu greifen, es zu öffnen. Die unbekannten Welten, die mir unerreichbar schienen, zu vereinen, erschien mir instinktiv als die einzige Art, eine intime Frage zu formulieren, die politisch ist („Die Brücke von Coca“), metaphysisch („Die Lebenden reparieren“) oder literarisch („Eine Welt in den Händen“). Dieser Intuition bin ich von Buch zu Buch gefolgt, indem ich Fiktion schrieb, die auf die kognitive Kraft der Literatur setzt und eine Initiation transportiert. Der Roman erschien mir dann wie eine Art „terra incognita“, ein unbekanntes Land, das sich mir in der Form des Handwerks, der Praktiken, der Orte, der Rhythmen, der Mythen und in Form der Sprache erschloss, ein fiktives Land, das es zu erfinden galt. Denn auch wenn das Buch ein allen gemeinsames Objekt ist, so ist es doch einzigartig für jeden.

Der Körper steht im Zentrum Ihrer Bücher „Die Lebenden reparieren“ und „Eine Welt in den Händen“: Die Malerei wird als ein sehr körperlicher Vorgang beschrieben. Ist es wichtig für Sie, ins Wesentliche zu gehen, in die Tiefe der Materie zu vorzudringen? Woher kommt Ihr Interesse an der physischen Welt, an der materiellen Welt, an der Technik?

Es gab schon in meinen ersten Romanen eine Seite, die sich mit der Materie beschäftigte, mit den Gegenständen (um das Buch „Im Namen der Dinge“ von Francis Ponge aufzugreifen) in ihrer elementaren Beschaffenheit, in ihrer Sinnesgestalt. Es ist die wahrnehmbare, merkliche Welt, in der ich meine Arbeit ansiedle, denn sie ist für mich die erste Welt, jene der Erfahrung, die, aus der die Gedanken und die Gefühle hervorgehen. Die Technik ist für mich der Ort einer intensiven Beziehung zur Wirklichkeit, zugleich direkt und elaboriert, und das, was die Technik freisetzt an Wissen, Energien, Kultur regt meine Arbeit an.

Eine Person oder eine Gemeinschaft wie ein organisches Gebilde zu behandeln, Orte wie Ökosysteme zu behandeln – diese Wahl schafft die Möglichkeit eines Schreibens über den Körper, der Bewegung und der Energie, ein Erfassen der Gegenwart. Ich suche gezielt nach der Beschreibung dieser Menschwerdung, dieser Verkörperlichung: Paula lernt die Welt zu malen, ihre Materie zu reproduzieren, aber es handelt sich nicht nur darum, sich technische Abläufe anzueignen. Es handelt sich in erster Linie darum, seinen Körper aufs Spiel zu setzen. Das ist der Grund, weshalb Paula nicht Malerin werden will, sondern malen lernen will. Die Seiten, wo ich beschreibe, wie dieses junge Mädchen aufrecht auf einer Trittleiter in einem kleinen Zimmer steht, um den Himmel an die Decke zu malen, versuchen das auszudrücken: Die Arbeit als physische Erfahrung, die Sinne aufgewühlt, das Imaginäre, das sich entfaltet, die Erinnerungen, die zurückkehren.

„Die Lebenden reparieren“ ist ein zutiefst berührendes Buch. Was war der Grund dafür? Was symbolisiert das Herz?

In diesem Roman einer Herztransplantation betrachte ich das Herz in seiner doppelten Dimension: Es ist sowohl der Muskel, der das Blut durch unsere Arterien pumpt – ein Motor – aber es symbolisiert auch den Ort der Affekte, das Organ, das in unserem Körper die Liebe symbolisiert. Ich habe dieses Buch in Folge eines Trauerfalls geschrieben: Das Herz eines mir Nahestehenden ist in seinem gesunden Körper kollabiert. Ich wollte das Buch wie ein Heldengedicht schreiben, den Weg dieses Herzens, das die Nacht durchquert und von einem Körper in den anderen übergeht, zeichnen. 

Wie sind Sie aufgewachsen? War das Meer, das zu Beginn (und am Ende) des Romans „Die Lebenden reparieren“ eine wichtige Rolle spielt, für Sie und Ihr Schreiben prägend?

Ich wuchs in Le Havre auf. Meine Eltern gingen Mitte der Sechzigerjahre dorthin, weil mein Vater bei der Handelsmarine fuhr. Später wurde er Pilot im Hafen. Ich mochte es, Kind in Le Havre zu sein, am Meer aufzuwachsen, in einem großen Hafen. Es gab den Strand, die Hütten, die Reihe der Frachter am Hafen. Es war auch die Provinz, die verlassenen Straßen bei Sonnenuntergang, die Endstation der Eisenbahn, und schließlich eine Stadt, die vollständig wiederaufgebaut worden war, eine Stadt, die der Krieg dem Erdboden gleichgemacht hatte. Alle meine Bücher sind eine Hommage an diese Stadt, die zugleich eine Hafenstadt ist und an einer Mündung liegt, eine Stadt aus Beton und des Windes, eine Stadt, in der das Meer in der Tat omnipräsent ist. Wenn mein Vater aufs Meer gefahren war, bezeichnete die Linie am Horizont sowohl seine Abwesenheit als auch das Versprechen seiner Rückkehr. Es war ein Bild der Erwartung. Dieses erste Erscheinungsbild prägt alle meine Bücher wie ein Stempel.

Was halten Sie von der Gelbwestenbewegung? Eine Bewegung, der sich auch Schauspieler und Künstler anschlossen, die aber ins Gewalttätige gekippt ist.

Das ist eine Bewegung, die niemand hat kommen sehen, die umso mehr Diskurs und Analysen hervorruft, als man große Schwierigkeiten hat, sie zu begreifen. Tatsächlich ist sie zusammengewürfelt und verändert sich mit der Zeit, was den Raum betrifft (die Kreisverkehre oder nicht, die Champs-Élysées oder nicht), aber sie ist auch bunt gemischt, was ihre Bestrebungen und ihre Handlungsweisen betrifft. Die Gelbwesten fordern, gesehen zu werden, gehört zu werden und wollen gemeinschaftlicher und gerechter repräsentiert werden. Sie hinterfragen die Vertikalität der politischen und gesellschaftlichen Beziehungen. Diese Bewegung interessiert mich und ich verfolge sie aufmerksam. Wenn sie gewalttätig ist, glaube ich, dass es zuerst einmal deshalb ist, weil unsere Gesellschaft gewalttätig ist, und dass es diese gesellschaftliche Gewalttätigkeit ist, die sich während dieser Demonstrationen ausdrückt.

Sie schrieben einen Text über Lampedusa. Sollen sich Künstler, Schriftsteller politisch engagieren und Stellung beziehen? Kann die Literatur, die Kunst die Welt zum Besseren hin verändern?

Ich habe den Ehrgeiz, zeitgenössisch zu sein, ich schreibe, um mich der Gegenwart anzupassen, an die Ebenen der Gegenwart. In „Eine Welt in den Händen“ habe ich darüber sowohl in der Struktur des Romans nachgedacht, der verschiedene Zeitebenen zutage treten lässt – von der prähistorischen Zeit bis zum Anschlag auf Charlie Hebdo –, als auch in dem Motiv des Buchs – das Faksimile einer prähistorischen Höhle, der Höhle von Lascaux. Ich finde es wichtig, eine Schriftstellerin meiner Zeit zu sein. Dennoch verpflichtet mich das nicht dazu, aktuell zu sein, im Gegenteil: Das Neue und Geheimnisvolle an dem Roman ist, dass es nicht von Nutzen ist, sich entlang der Aktualität zu bewegen, um diese gesellschaftliche, politische und menschliche Gegenwart zu beschreiben. „À ce stade de la nuit“ ist eine politische Wortmeldung, meine Stimme ist mit der der Erzählerin verschmolzen, um an die Migranten und die Schiffbrüche vor der Küste Lampedusas zu erinnern, diese Tragödie mitten im Herzen Europas, diese Misshandlung jeglicher Menschlichkeit, die tödliche Gewalt, die in diesen letzten Jahren mit dem Aufstieg der extremen Rechten auf dem ganzen Kontinent angewachsen ist. Das politische Thema des Textes jedoch gibt einer Tribünentirade keinen Raum, er findet in der Sprache statt, im Herzen der Literatur: Es geht darum, Dinge klar zu benennen und die verschiedenen Bedeutungsebenen aufzudecken. „À ce stade de la nuit“ hat in erster Linie die Ambition, eine Aufmerksamkeit hervorzurufen, einen Namen zu erforschen, Szenen zurückzubringen. Das ist alles, was Literatur kann.

„Wer kann noch an die Menschen glauben?“, fragt Jonas im Buch. Wer kann noch an die Menschen glauben in einer Zeit des Aufstiegs der Rechten, des Klimawandels, der Umweltzerstörung, des Terrors? Sind es die Liebe, wie Paula und Jonas sie erfahren, und die Kunst (die Höhle von Lascaux als Ursprung der Menschheit), die die Menschen retten?

Ich schrieb „Eine Welt in den Händen“ in der Zeit nach den Attentaten, und ich ließ es vor der Traurigkeit und der Schockstarre spielen, die über Paris hereinbrach, und besonders über das elfte Arrondissement, wo ich lebe. Ich wollte, dass Paulas Werdegang in der Höhle von Lascaux endet, wo man das erste Bild, die Geburt der Kunst ansiedelt, und mich diesem Ort zuwenden, nunmehr unsichtbar, diesem Ort, der mit knapper Not der Zerstörung entkommen ist und die Menschen auf Distanz hält. Es gibt in Jonas’ Gedanken  – „Wer kann noch an die Menschen glauben?“ – den Ausdruck einer Ernüchterung, einer Erschöpfung, die von der Kunst des Paläolithikums vertrieben wird.

„Die Brücke von Coca“ wurde als Anti-Globalisierungsroman gelesen. Ist unsere größenwahnsinnige und konsumorientierte Zeit und unser modernes Leben eine zerbrechliche Baustelle? Ist es möglich, in einer globalisieren Welt seine Individualität zu behalten?

Ich habe „Die Brücke von Coca“ wie ein großangelegtes Epos geschrieben, eine Art Technikwestern, ein Globalisierungsmärchen. Ich wollte eine Welt beschreiben, wo die Räume aufeinanderprallen, die nichts gemeinsam haben – der Wald, die Stadt – ihre Zusammenstöße hörbar machen, diese Spannung zeigen. Aber noch mehr als das ist es ein Blick auf die Unbeständigkeit der Dinge, der das Buch trägt, ein Blick auf die unerhörte Beschleunigung, die die Welt erschüttert, und dann auf das, was erscheint, das, was verschwindet, das, was hinzukommt, das, was vergeht, das, was bleibt. Was verändert sich in uns, wenn man sich ändert? Das ist das erste Mal, dass ich den Ort des Geschehens erfinde. Dass ich ihn konstruiere, damit er selbst die Geschichte erzählen kann, nach seiner eigenen Maßgabe. Dieser Raum ist verändert, unterwandert durch die Fiktion: Coca setzt sich zusammen aus Umgebungen, die von der Fantasie durchdrungen sind – die Stadt, der Fluss und der Wald haben viel von Kalifornien, von Südamerika.

Sie sind vierfache Mutter. Ist es schwierig, Karriere zu machen und sich um die Kinder zu kümmern?

Ich finde, dass das Leben mit Kindern, mit der Kindheit verbunden zu sein, dann mit der Adoleszenz, eine Ressource ist, und noch mehr ein Privileg.

Welche österreichischen Autorinnen und Autoren kennen, schätzen Sie?

Ich kenne die österreichische Literatur nicht gut, aber ich mag Arthur Schnitzler – ich erinnere mich an den Roman „Der Weg ins Freie“, den ich in meiner Jugend gelesen habe – und die Werke von Thomas Bernhard und Peter Handke, zwei kraftvolle Autoren, deren Schreiben mich beeindruckt. Vor kurzem habe ich das Werk Ingeborg Bachmanns entdeckt, und ich weiß schon, dass es sich hier um eine bedeutsame Entdeckung handelt.

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Maylis de Kerangal, Tochter und Enkelin von Kapitänen, wurde 1967 in Toulon geboren und wuchs in Le Havre auf. Sie studierte Geschichte, Philosophie, Ethnologie und Sozialwissenschaften. 2000 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie mit dem Roman „Corniche Kennedy“ bekannt. „Die Brücke von Coca“ (2012) brachte den Prix Médicis. Mehrfach ausgezeichnet und verfilmt wurde „Die Lebenden reparieren“. 2016 erschien der Roman „Un chemin de tables“ über die kreative (und auszehrende) Seite des Kochens.

„Eine Welt in den Händen“ (Suhrkamp)
Übers. v. Andrea Spingler, 269 S.

„Die Lebenden reparieren“ (Suhrkamp)
Übers. v. Andrea Spingler, 254 S.

Foto: G.Garitan/CC