Unverzichtbar und unnachahmlich: Mit bissiger Ironie und feinem Ernst lotet Margit Schreiner Fragen zu Literatur und Leben, Frausein und Alter, Politik und Gesellschaft aus: „Sind Sie eigentlich fit genug?“. Im Interview wird sie deutlich.

Buchkultur: Ist es Zufall, dass Sie in Tokio, so weit entfernt von der eigenen Sprach- und Lebenswelt, zu schreiben begannen?

Margit Schreiner: Nein, kein Zufall. Ich habe in Tokio meine österreichischsten Geschichten geschrieben. Niemand hat mir dabei über die Schulter geschaut. Schreiben braucht Distanz zur Sprache, zu vertrauten Menschen, zur wirklichen Wirklichkeit, um möglichst nahe an der Sprache, an den Menschen, an der Wirklichkeit sein zu können.

Schreiben Frauen, die ja mit einem großteils männlichen Literaturkanon groß geworden sind, anders als Männer? Gibt es so etwas wie ein weibliches Schreiben?

Stilistisch glaube ich eher nicht. Wenn aber doch, dann schreiben Thomas Bernhard und Karl Ove Knausgård Frauenliteratur und Ingeborg Bachmann und Jane Bowles Männerliteratur. Inhaltlich gibt es bestimmt viele Unterschiede, weil ja die Lebenssituationen unterschiedlich sind.

Ich habe zwei Töchter im Gymnasium. Der Literaturunterricht nimmt im Lehrplan nur mehr marginalen Raum ein. Die Schüler und Schülerinnen müssen Leserbriefe und Kommentare verfassen, sogenannte „Textsorten“, und dürfen nicht mehr als 600 Wörter schreiben (bei der Matura 900). Was sagen Sie dazu? Welche Folgen wird das haben?

Ich finde diese Situation unhaltbar, grauenhaft, abstoßend. Es gibt ja insgesamt diese Tendenz zum funktionierenden Menschen. Was keine Funktion hat, muss offenbar auch nicht gelehrt werden. Und: Gedanken sollten nicht gezählt werden. Es kann gar nicht genug davon geben. Welche Folgen das haben wird? Hat es schon. Ein Blick auf den Zustand unserer Politik in Österreich und auf die, die diese Politik wählen, genügt. Die USA sind diesbezüglich noch weiter fortgeschritten.

Dazu kommt noch die fortgeschrittene Digitalisierung, die Sie ja auch im Buch thematisieren. Wie bringen wir Kinder, Jugendliche noch zum (Bücher-)Lesen?

Meiner Erfahrung nach hilft bei Kindern nur die Vorbildwirkung. Und zwar niemals sofort, sondern nur auf lange Sicht gesehen.

Wie schwer ist es, heute vom Schreiben leben zu können? Was müsste von der öffentlichen Hand her getan werden, damit sich die Lebenssituation von Künstlern, Literaten verbessert?

Nichts einsparen! Ich finde, Österreich hat bis jetzt ein hervorragendes Fördersystem für Schriftsteller. Dass Wohnen zu teuer ist, Jobs immer schwerer zu finden, gesunde Ernährung richtig was kostet und ungesunde sehr billig ist, betrifft alle Menschen gleich.

Einer deutschen Studie zufolge beschäftigen sich zwei Drittel aller Feuilleton-Rezensionen mit Büchern von (männlichen) Autoren. In den Jurys der hochdotierten Literaturpreise finden sich weitaus mehr Juroren als Jurorinnen. Aber immer noch kaufen und lesen Frauen mehr Bücher als Männer. Ihr Wort dazu?

Die Frauen sind bestenfalls Sekretärinnen, in den Chefetagen sitzen die Männer. Da müssen Sie nur einmal durch das Gelände der Frankfurter oder Leipziger Buchmesse gehen. Überall an den Publikumsständen Frauen, an den Verhandlungstischen Männer. Naturgemäß hat das Folgen. Evelyn Polt-Heinzl hat in ihren Lehrveranstaltungen Vergleiche von Mann-Kritiker über Frau-Autorin oder Mann-Kritiker über Mann-Autor bzw. umgekehrt gemacht und eindeutige Tendenzen festgestellt. Andrerseits wieder werden wohl die Buchverlage, die ihre Bücher ja verkaufen wollen, die lesenden Frauen immer im Auge behalten.

Was halten Sie von der #MeToo-Bewegung? Kritiker beklagen, dass im Internet, einem Forum, das dazu nicht geeignet sei, Männer pauschal an den Pranger gestellt würden, ohne Möglichkeit, sich zu verteidigen. Und doch hat sie gesellschaftliche Missstände sehr drastisch aufgezeigt.

Ich halte überhaupt nicht viel von Facebook, Instagram, Twitter. Die Unsitte, sich darüber zu verständigen, geht ja vorwiegend von denen aus, die eine sorgfältige, also zeitraubende Überprüfung von Behauptungen scheuen.

Sie widmen Ihrer Kollegin Margaret Atwood ein ganzes Unter-Kapitel. Atwoods neuer Roman, die Fortsetzung des Buchs „Der Report der Magd“, ist eben erschienen. Was schätzen Sie an ihr? Was hat sie für die Literatur, die Frauenbewegung geleistet? Ihr „Report der Magd“ liest sich heute aktueller und hellsichtiger denn je, wenn man sich die gesellschaftspolitischen Entwicklungen rundum ansieht.

„Der Report der Magd“ erregte großes Aufsehen bei seinem Erscheinen 1985. 1990 wurde es von Volker Schlöndorff unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“ verfilmt. Vor etwa fünfzehn Jahren schien es dann, als sei Margaret Atwood in Vergessenheit geraten, zumindest im deutschsprachigen Raum. Und jetzt erscheint die Fortsetzung ihres Buches „Report der Magd“, in dem eine frauenversklavende, bigotte Gesellschaft geschildert wird. Der Titel der Fortsetzung lautet „Die Zeuginnen“. Offenbar hat sich also diese Gesellschaft geändert, ob zum Besseren oder zum (noch) Schlechteren hin werden wir sehen. Ist es Zufall, dass gerade jetzt, 34 Jahre nach der Veröffentlichung von „Der Report der Magd“ seine Fortsetzung erscheint? Ich glaube nicht.

In den Achtzigern, Neunzigern wandten sich viele junge Frauen (im Westen) vom Feminismus ab. Glauben Sie, dass es jetzt, wo Frauen sehen, was ihnen jederzeit wieder genommen werden kann (zum Beispiel in Amerika, wo ein Mann Präsident ist, der regelmäßig durch sexistische Äußerungen auffällt), wieder zu einem Erstarken der Frauenbewegung kommt?

Ich hoffe. Sie wird jedoch, glaube ich, anders aussehen als in den Sechzigern und Siebzigern. Vielleicht weniger theoretisch. Bücher über die Rolle der Frau in der Geschichte gibt es längst. Für die, die es wissen wollen. Das Problem sind leider die Ignoranten. Gegen sie hilft nur Kampf in gewerkschaftlichem Sinne.

Sprache wird heute unter dem Vorwand der politischen Korrektheit zensuriert und kontrolliert, alte (Kinder-)Bücher werden umgeschrieben. Wie geht es Ihnen damit? Wo bleibt da die Freiheit des Wortes, die Freiheit des Denkens? Auf der anderen Seite haben wir es mit einer politisch sehr verrohten Sprache zu tun. Es ist möglich geworden, Dinge zu sagen, die jeder Moral spotten. Ihr Wort dazu?

Ich bin kein Anhänger (!) der political correctness, da sie in den meisten Fällen ja doch nur verschleiert, was einzelne Menschen/Politiker wirklich denken. Andrerseits: Sprache wirkt auch auf das Denken zurück. Der „warme Bruder“ von vor vierzig Jahren ist verschwunden, ebenso der „Cretinöse, der Idiot“ usw. Wer immer so bezeichnet wird, wird sich wahrscheinlich über die Jahre anders fühlen, als der, mit dem sprachlich respektvoller umgegangen wird.

Macht Ihnen der Rechtsruck, das Erstarken des Nationalismus in Europa (und den USA) Angst? Was können wir dagegen tun?

Ich persönlich fand die Zeit der Expertenregierung als ungemein angenehm. Endlich einmal nicht die ewig gleichen Gesichter, die ewig gleichen Plakate, die ewig gleichen Diskussionen. Man hatte den Eindruck, es wird in diesem Land in aller Ruhe gearbeitet statt in Lautstärke gepfuscht. Das ist nun vorbei.

Ja, der Rechtsruck macht mir Angst. Er bedroht Meinungs-, Presse- und Gedankenfreiheit. Genau das sind aber mein Job und mein Lebenselixier. Was wir dagegen tun können? Überall gegen Demokratieabbau, Privatisierung, Gewalt, Korruption, Rassismus, Hetze, Lügen vorgehen. Gegenpositionen erst einmal deutlich einnehmen, dann argumentieren statt plakatieren.

Die Affäre um das Ibiza-Video: Wie regierungsfähig ist eine Partei, deren (mittlerweile ehemaliger) Chef Staatsaufträge für Wahlkampfspenden in Aussicht stellt, eine Medienlandschaft wie Orban aufbauen“ und die Kronen Zeitung und Teile des ORF verkaufen will? Und der nach der Ibiza-Affäre seine Frau in die Politik schickt und für sie in den Wahlkampf zieht?

Nicht regierungs-, zurechnungs- und satisfaktionsfähig!

Was würde eine Neuauflage von Türkis-Blau bedeuten? (2018 wurden 179.000 Euro an Förderungsmitteln für Fraueninitiativen gestrichen, das Budget für ein Projekt zur Gewaltprojektion gestrichen usw.).

Nichts Gutes!

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Margit Schreiner wurde 1953 in Linz geboren und lebt heute im Waldviertel. Sie studierte Germanistik und Psychologie und verbrachte zwei Jahre in Tokio, wo sie zu schreiben begann. Sie debütierte 1989 mit den „Liebes- und Hassgeschichten“ „Die Rosen des Heiligen Benedikt“. Für ihr Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Anton-Wildgans-Preis 2016.

„Sind Sie eigentlich fit genug? Mehr über Literatur, das Leben und andere Täuschungen“ (Schöffling & Co.), 224 S.