David Wagner, Autor des ausgezeichneten Romans „Leben“, berührt mit einer Erzählung über (s-)einen an Demenz erkrankten Vater. „Der vergessliche Riese“ ist ein Buch der Heimkehr und des Abschieds. Eine literarische Liebeserklärung, zeitlos schön erzählt. Foto: Linda Rosa Saal.

Buchkultur: Ihr Buch „Der vergessliche Riese“ über einen an Demenz erkrankten Vater hat (auto-)biografischen Hintergrund?

David Wagner: Ja, das ist richtig angenommen. Das ist in meinen Büchern ja bisher fast immer so gewesen: Ich kann am besten über das schreiben, was ich gut kenne, Material, das ich habe. Bei meinem Roman, der im Supermarkt („Vier Äpfel“, Anm. d. Red.) spielt, ist das ein sehr allgemein verfügbares Material. Ich sage immer, dass das mein autobiografischster Roman ist, weil ich da jeden Tag einkaufen gegangen bin. Das Buch über meinen Vater – ich sage jetzt so frei: über meinen Vater –, über einen Vater – das ist auch meine Methode, um diese Geschichte zu verstehen. Ich schreibe Bücher, um eine Geschichte zu verstehen. Und es geht auch um die Wiederbegegnung mit den Eltern, die zwischendurch lange gar nicht so eine große Rolle in meinem Leben spielen, was ja auch relativ normal ist oder normal geworden ist. Vielleicht war es nicht immer so oder vielleicht ist es auch nicht für alle Gesellschaften richtig.

Leidet Ihr Vater an Alzheimer?

Das Wort Alzheimer fällt mit Bedacht nicht. Es handelt sich auch nicht um Alzheimer. Es handelt sich um eine starke Kurzzeitgedächtnisstörung, die immer gravierender wird und sich dann von einer Frühdemenz in Richtung Demenz entwickelt. Wobei er aber, überraschend, wie die Figur im Buch trotzdem immer noch sehr viel weiß, aber manchmal nicht das, was gerade eben war.

Sie lassen das Buch Weihnachten 2018 enden. Wie geht es Ihrem Vater heute?

Es geht ihm immer noch gut, etwas weniger gut, aber er ist den Umständen entsprechend recht fröhlich. Das ist das Schöne. Es gibt ja auch Formen, die da sehr garstig werden, und das ist gar nicht der Fall.

Man hat das Gefühl, dass es wieder zu einer starken, späten Annäherung zwischen Ihnen und Ihrem Vater gekommen ist, vielleicht sogar zu einer Art Versöhnung?

Ja, ja, durchaus. Wir hatten fast zwei Jahrzehnte lang nur entfernt, gar nicht viel miteinander zu tun – im Buch wird das durch den familiären Raum, durch seine Ehe, die ihn anders ausgefüllt hat, markiert. Und es ist ja auch normal, dass Kinder ein eigenes Leben haben. Von dem Zeitpunkt an, als ich dann eine eigene Familie hatte, fühlte ich mich dem Ganzen auch gar nicht mehr so verpflichtet. Da war ich ja dann der Vater, da war ich ja an die Stelle gerückt. Und dann plötzlich, durch den Tod der zweiten Frau, sind die Kinder wieder gefragt und dann sind sie wieder da und wichtig. Man könnte fast von einer Art Versöhnung sprechen, aber nicht im dramatischen Sinn, sondern einfach, weil der Vater wieder da ist und man plötzlich in so einer Rollenverkehrung wieder eine Zeit erlebt wie in seiner eigenen Kindheit – nur umgekehrt.

Das Abfahren der immer gleichen Strecken, das Besuchen der gleichen Orte, die vielen Beerdigungen, die alljährlichen Weihnachtsfeste – das hat fast rituellen Charakter. Ist das auch ein immerwährendes Erzählen gegen das Vergessen? Dass man sich seiner eigenen und der Erinnerungen des Vaters rückversichert?

Dieser Wiederholungscharakter kommt natürlich daher, dass diese Figur immer wieder die gleichen Geschichten erzählt. Das sind ja Strukturerzählungen, die diese Krankheit mit sich bringt: Indem sie immer wieder das Gleiche erzählt und weil sie nicht merkt, dass sie sich immer wieder wiederholt, schafft sie sich vertrauten Raum. Es ist ja so: Solange man sich etwas erzählen kann und solange man von sich selbst erzählen kann, ist man noch da. Nun wird bei dieser Person das Repertoire immer geringer. Aber trotzdem bleibt die Sehnsucht, immer wieder zu erzählen und so eben bei sich zu bleiben, auch wenn der Raum immer schmaler wird. Und diese Fahrten und dieses Rituelle: Die Wiederholung, die in den gleichen Erzählungen steckt, steckt auch in den gleichen Wegen. Für die Vaterfigur, die ja schon vergessen hat, dass sie diese Runde schon dreimal gedreht hat, ist das immer wieder neu. Das ist auch wieder ein bisschen ähnlich wie bei einem Kleinkind, wo man auch immer die gleichen Runden dreht und wo die Rituale sehr wichtig sind. Das ist die beginnende Selbstvergewisserung, das Wiedererkennen. Und hier ist es dann die ausbleichende, ausfasernde Selbstvergewisserung. Und für mich, für diese Erzählerfigur, von der man gar nicht so viel erfährt, ist es auch eine Art Heimkehr, ein Wiederbegegnen mit dieser Landschaft, diesem Fluss und diesen Städten, die auch ein bisschen fremd angeschaut werden und wieder da sind nach fünfundzwanzig oder dreißig Jahren.

Wird man da auch wieder selbst auf das Kind-Sein zurückgeworfen?

Genau, ja. Es ist nicht nur die Präsenz dieses Elternteils, der natürlich immer die Kindheit wieder evoziert, sondern es sind auch diese Orte, die das auslösen. Diese Fahrten sind eben die Versuche, die man unternimmt, um die Geschichte da zu halten.

Der Vater nennt den Ich-Erzähler im Buch „Freund" (auch in Ihren anderen Büchern). Hat auch Ihr Vater Sie so genannt bzw. nennt er Sie noch so?

Ja! Früher auch „Freund und Kupferstecher.“ Manchmal sagt er aber auch meinen Namen. Oft französisch ausgesprochen, manchmal auch „Dave“. Nur ganz normal „David“, deutsch ausgesprochen, sagt er eher selten.

Wie ging es Ihnen, als Sie mit der Diagnose Ihres Vaters konfrontiert wurden?

Das war kein Schockerlebnis, weil es sich schon abgezeichnet hatte, deshalb kann man nicht von einem Einschnitt sprechen. Es war nur irgendwann immer deutlicher, dass das nicht mehr alleine funktioniert. Es hat dann noch eine Zeit lang mit Betreuung funktioniert.

Welche Beziehung zur Zeit entwickelt man da? Welche Bedeutung bekommt da die Zeit? Der Zeitbegriff verändert sich ja für den Vater im Buch.

Es gibt für ihn nur noch Gegenwart. Vor fünf Jahren konnte er sich noch fünfzehn Minuten lang mit jemandem unterhalten und alle dachten, das ist doch ein intelligenter Mensch, da ist doch gar nichts. Aber dann ging es wieder von vorne los. Und diese Zeitspanne ist im Laufe der Zeit immer kürzer geworden. Und jetzt ist sie vielleicht so bei zwei Minuten. Telefonieren in dem Sinne ist auch nicht mehr möglich. Er würde nach einer Minute wieder dasselbe erzählen, weil er vergessen hätte, dass er es schon mal gesagt hat. Das ist eigentlich die totale Gegenwart. Zukunft in dem Sinne auch nicht mehr, weil man sich wahrscheinlich abgewöhnt hat, weit in die Zukunft zu denken. Und es gibt so das ganz Ferne, die kindliche Vergangenheit oder die Geschichten, die man noch weiß, die werden dabehalten, aber ansonsten funktioniert diese Figur in der Gegenwart. Das hat natürlich seinen Reiz: Sich nicht an alles erinnern zu müssen, hat auch Vorteile.

Der Rhein hat eine besondere Bedeutung im Buch. Symbolisiert der Rhein auch den Strom des Erinnerns, des Vergessens? Das Pflegeheim, in dem der Vater wohnt, grenzt an den Rhein. Dort geht er immer hin, das ist etwas sehr Tröstendes. Das ist sehr wichtig für ihn.

Ja, enorm. Es ist sicher beides: Der reelle Fluss und das Wasser, das immer symbolisch ist. An einem Fluss zu stehen – da hat man immer die Metapher und das reale Wasser vor Augen. Es ist beides. Es ist eine sehr große und vielleicht die allereinfachste Metapher.

Sie wohnen heute in Berlin.

Die Spree konnte den Rhein nie ablösen.

Der Wien-Fluss kann mit der Donau auch nicht mithalten. Konnte ihr Vater denn je mit Ihnen über seine Angst, dass er sich eines Tages vielleicht an nichts mehr erinnern wird können, sprechen?

Ja, die Vater-Figur weiß, dass sie vergisst, und dass macht sie sich immer wieder bewusst. Die Angst, gar nichts mehr zu wissen, wird schon auch formuliert. Darin liegt ja auch der Trost dieses Erzählens: Dass man sich, solange die Erzählungen noch funktionieren, immer noch einen Teil seiner Geschichte erzählen kann. Und es gibt auch durchaus für diese Figur die Angst, gar nichts mehr zu wissen, und dann ist der einzige Trost, dass man das dann auch nicht mehr merkt, dass man es vergisst. Aber dieses Hinabgleiten in die totale Vergessenheit macht schon Angst, ja.

Gibt es die Angst, einmal selbst an Demenz zu erkranken? Sich nicht mehr erinnern, nicht mehr erzählen zu können?

Bisher seltsamerweise gar nicht. Vielleicht, weil ich gar nicht unbedingt damit rechne, so alt zu werden…, aber wer weiß. Oder es ist einfach so, dass bisher immer andere gesundheitliche Probleme im Vordergrund standen und stehen… . Grundsätzlich mache ich mir nicht so große Sorgen…

Wie wichtig war, ist es für Sie, dass die Geschichten, die Geschichte, auch die eigene, nicht verloren gehen? Hat das Erzählen wider das Vergessen, die Rückversicherung durchs Erzählen, dass man die Geschichte behält, auch therapeutischen, heilenden Charakter? War das auch ein Grund dafür, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?

Absolut. Vielleicht ist der eigentliche Grund dann doch auch so eine Freude. Oder der Versuch, dieses dann sehr spezielle, sehr emotionale Verhältnis zu einem Vater zu beschreiben. Das ist das Interessante: Dass die Rationalität meiner Vaterfigur immer weiter abgenommen hat und immer mehr Gefühl ist – vielleicht auch mehr, als ich das als Kind gespürt oder gemerkt habe. Vielleicht war das diese Nähe, die es dann plötzlich gibt, die nach 25 oder 30 Jahren plötzlich wiedergefunden wird, wenn gerade die Nähe zum eigenen Kind sich ein bisschen gelöst hat. Das ist das Faszinierende oder das Komische am Leben: Gerade hat man gelernt, sein Kind loszulassen, und dann ist plötzlich wieder ein Elternteil da. Das finde ich sehr interessant.

War das vielleicht sogar das Schönste: Dass es plötzlich zu einer Gefühlsnähe kommt, dass der Vater Ihnen, dem Sohn gegenüber, vielleicht sogar plötzlich mehr Gefühle zeigen kann im Alter?

Ja, weil es ungefilterter passiert oder unausgesprochen. Ganz einfach auch, weil dann alle Zwischenfiguren fehlten. Die Schwester spricht das aus: Dass die zweite Frau ihr den Vater weggenommen hat. Das sind solche Familienenergien, die da immer rumarbeiten. Das ist natürlich Quatsch, denn man muss sein eigenes Leben führen. Aber es ist ein Staunen, so zu einem Elternteil zurückzufinden. Das hat mich verwundert und vielleicht habe ich das Buch auch deshalb geschrieben.

Ist es auch ein Geschenk?

Es ist schon ein Geschenk, ja.

Ihr Vater erkennt Sie aber noch?

Ja, ja. Manchmal weiß er nicht mehr genau, wie unser verwandtschaftliches Verhältnis ist, aber da ist doch ein Erkennen da. Es gibt verschiedene Tagesformen, aber erkennen tut er mich immer.

Für den Vater im Buch ist essen ganz wichtig. Dem Essen kommt eine fast lebenswichtige Bedeutung im Alter zu.

Lebenswichtig, ja. Ich habe darauf auch keine Antwort. Mein Vater hat immer gerne gegessen. Und so wird der Tag geordnet, das ist ein bisschen wie in Thomas Manns „Zauberberg“. Die kurzen Zeiten zwischen den Mahlzeiten verstreichen durch Liegestuhlsitzen und ein wenig Plaudern und dann wird wieder zum Essen gerufen.

Die Episode, in der der Vater im Buch ins Pflegeheim gebracht wird: Haben Sie das mit Ihrem Vater auch ähnlich erlebt? Hat er Ihnen das verübelt oder ist er zufrieden dort?

Wie das Buch sagt: Er, die Figur, ist eigentlich sehr glücklich dort. Da kommt einem die Grundnatur der Krankheit entgegen, dass das, was davor war, in die Vergessenheit sinkt. Dass er vorher noch im Haus gewohnt hat, ist relativ schnell vergessen und kommt manchmal wieder hoch. Aber er ist jetzt sehr, sehr glücklich. Die Figur wohnt ja auch in einem sehr schönen Heim. Er wohnt direkt am Fluss.

Ich erzähle dir dein Leben, sagt der Ich-Erzähler im Buch. Ist Ihr Buch auch ein Geschenk an Ihren Vater?

Vielleicht, ja, ich weiß es nicht. Das war vorher nicht die Absicht. Ein Freund, der die Fahnen gelesen hat, meinte, es sei schon auch eine Liebeserklärung. Das war mir vielleicht nicht so klar. Ich hatte auch so abrechnende Momente, vielleicht habe ich die wieder abgeschwächt, aber Spuren sind davon auch noch enthalten. Es ist eine Auseinandersetzung. Aber im Endeffekt bleibt es doch ein sehr positives Bild. Es ist ein Geschenk, aber ein Geschenk, das er nicht mehr so richtig auspacken kann. Natürlich hat er früher immer meine Bücher gelesen. Und die Vaterfiguren, zum Beispiel in „Meine nachtblaue Hose“, die fand er auch immer sehr gut. Aber er meinte, dass ich die Szene, wo der Vater dann die Hundehaufen wegmachen musste, hätte weglassen können.

Man hat beim Lesen das Gefühl, dass es nichts gibt, dass Sie einander mehr übelnehmen würden. Ist das jetzt, im Alter, durch die Krankheit, nichtig geworden? Ist das auch befreiend?

Ja, sicher. Sehr befreiend. Ich muss ihm nichts mehr übelnehmen. Älter zu werden, heißt ja auch zu verstehen, dass die Eltern ihre eigenen Schwächen haben. Von denen man selbst auch nicht ganz frei ist.

Was Ihr Vater aber nicht vergessen hat und Sie auch in Ihren Büchern thematisieren, das ist die Rolle seiner Eltern in der Nazi-Zeit.

Ja, das ist eine Grunderzählung seines Lebens: die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern. Das habe ich sehr früh verstanden, dass das für ihn schwierig war. Er hat eine ziemlich große Distanzierung von seinen Eltern hingekriegt und hat das, was sie getan haben, immer sehr kritisch gesehen. Vor allen Dingen, was seine Mutter anging, hat er das nicht zueinandergebracht, dass eine so herzensgute Frau, bei solchen Sachen mitgemacht, sie gutgeheißen hat. So einen großen Konflikt hatte ich politisch gesehen mit meinem Vater nicht, konnte ich gar nicht haben. So gesehen hat er es vielleicht ein Stück einfacher gehabt, weil die Konfliktlinien viel leichter waren. Ich finde es interessant, dass diese Alt-68er-Generation jetzt auch in ihr Vergessen kommt oder an ihr Ende. Trotzdem: Was die Großväter aus dem Krieg mitgebracht haben, liegt noch im Keller herum, diese Leichen liegen auch in meinem Leben noch herum. Das ist mit der Auseinandersetzung meiner Elterngeneration nicht erledigt. Das ragt weiter. Und gleichzeitig ist es so: Es wird immer gern gesagt, dass die Enkel den Großeltern näher sind oder von denen mehr haben als von ihren Eltern. Man muss sich als Enkel auch damit auseinandersetzen. Das ist mir sehr, sehr wichtig. Die vier Jahre, in denen ich das Buch geschrieben, mich mit dem Stoff beschäftigt habe, sind im Lebensalter genau die vier Jahre, die mein einer Großvater im Krieg war. Und beim anderen Großvater sind es die drei Jahre, die er im Gefängnis saß. Das hat mich schon sehr berührt oder das habe ich gespürt.

Konnte Ihr Vater mit seinen Eltern beziehungsweise Sie mit Ihren Großeltern darüber sprechen?

Meine Großeltern sind 1977, 1979, 1984 und 1985 gestorben, da war ich noch etwas zu jung. Aber durch die große Familie gibt es viele Erzählungen, dadurch habe ich das schon mitbekommen und mich auch recht früh dafür interessiert. Aber mit ihnen direkt war das nicht möglich. Aber obwohl sie schon so lange tot sind, sind sie durch die Beschäftigung mit dem Vater wieder näher gerückt. Die Tochter ist von dem Vater genauso weit weg wie ich von den Großeltern. Sie weiß über ihn relativ wenig oder interessiert sich nicht so dafür, was er früher gemacht hat. Und von der Jugend der eigenen Großeltern ist man ja auch schon wieder wahnsinnig weit weg. Das hat mich auch sehr interessiert: wie schnell das eigentlich geht.

Wissen Sie, ob es bei Ihren Großeltern je so etwas wie Einsicht gab oder Reue?

Bei meinem Großvater väterlicherseits vielleicht nicht Reue, aber er hat sich danach entpolitisiert. Er hat nicht mehr weiter mitgemacht nach dem Krieg. Sein Leben, seine Karriere waren vorbei, er hatte ordentlich mitgemacht und hat dann immerhin nicht so getan, als wäre nichts gewesen.

Ihr Vorname ist von Ihren Eltern bewusst gewählt, nehme ich an?

Vielleicht.

Sie haben Ihre Mutter sehr früh an Krebs verloren?

Ich war zwölf.

Wann erfuhren Sie von Ihrer Autoimmunerkrankung, die Ihre Leber zerstörte?

Etwas später, so ein, zwei Jahre später.

Wie verändert einen das?

Was soll ich sagen. Damals fand ich das gar nicht so schlimm. Ich war eben krank, und dann wurde etwas unternommen. Als Kind nimmt man das nicht so wahnsinnig tragisch. Ich habe auch gar nicht so beeinträchtigt gelebt, eigentlich relativ normal Sachen gemacht. Ich konnte ziemlich oft die Schule schwänzen, ich habe dann immer gesagt, ich geh zum Arzt. Ich habe das immer als Ansporn gesehen, mehr oder andere Sachen zu machen. Ich hatte auch früh ein starkes Bewusstsein dafür, dass ich vielleicht nicht so viel Zeit habe oder was ich noch machen muss.

Viele Jugendliche haben ja dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit. In diesem Alter fühlt man sich ja eigentlich unsterblich.

Ja, unsterblich, genau. Ich wusste eben früher als andere etwas vom Tod. Das hat mir auf eine Art geholfen. Vielleicht wusste ich einfach früher, dass der Mensch nicht unsterblich ist, dass ich nicht unsterblich bin.

Haben diese frühen Erfahrungen dazu beigetragen, dass Sie Dinge anders betrachtet haben, betrachten?

Denke schon. Ja. Weiß ich natürlich nicht. Jedenfalls wusste ich so früher vom Tod und der Vergänglichkeit. Und ja, vielleicht bringt ein früher Verlust einen eben dazu, das Leben anders zu sehen. Hatte mal ein interessantes Gespräch mit Thomas Macho darüber, im Philosophie-Magazin.

Sie haben sich 2007 einer Lebertransplantation unterzogen. Ihre Tochter, das Überleben für Ihr Kind – das war für Sie selbst eine große Motivation, sich der Lebertransplantation und allem, was das nach sich gezogen hat, zu unterziehen?

Ja, das stimmt schon. Das war ein zusätzlicher Grund dafür, klar. Aber wahrscheinlich wollte ich auch weiterleben.

Schätzen Sie das Leben jetzt anders, auch anders ein?

Ja, schon, das Bewusstsein ist immer noch da, nicht jeden Tag. Das hat mir auch geholfen, so auf meinen Vater zu schauen. Dieser ein bisschen andere Blick auf das Leben und mein Wissen um die Vergänglichkeit ermöglichen mir, in alltäglichen Dingen etwas zu sehen, was eine übergeordnete Bedeutung hat. Ich hatte sonst nie Dialoge. Bei diesem Buch schien es mir aber gar nicht anders möglich, als das mit verschiedenen Stimmen zu erzählen. Gleichzeitig kam ich mir wie ein Maler vor, der Szenen mit so einem groben Strich malt. Deswegen war mir klar, dass das Cover ein Gemälde sein muss. Es wurde ein Gemälde von Luc Tuymans. Man sieht richtig den Strich. Das war immer so mein Gedanke: Man hat das Alltägliche, im Restaurant, im Auto, aber es ist auf eine Art gemalt, dass es eben doch nicht real ist, sondern auch eine andere Geschichte mit erzählt wird.

Was macht es mit einem, wenn man das Organ eines anderen erhält?

Das macht so viel, dass ich dieses Buch schreiben musste. Ich dachte, ich will das selber verstehen, und ich kann die Frage letztendlich gar nicht beantworten. Aber es ist schon so, dass man sich immer fragt, wer bin ich jetzt, wer bin ich geworden. Vorher fragt man sich, wer werde ich werden. Jeder Mensch ist fast jeden Tag ein bisschen ein anderer, weil er jeden Tag etwas älter wird. Wenn man durch ein Organ eines anderen physisch etwas anderes in sich hat, was erst einmal fremd ist, dann aber eben doch zum eigenen wird, dann ist das natürlich eine große Vorlage, um darüber nachzudenken, wer man eigentlich ist. Ich habe es schriftstellerisch als Geschenk gesehen. Deshalb musste ich das machen. Letztendlich ist die Frage gar nicht beantwortet. Nach zwölf Jahren frage ich mich immer noch, was macht das mit mir, was hat das gemacht, wer bin ich jetzt, was bin ich geworden. Das kann man sich sonst natürlich auch fragen. Aber der Anlass ist vielleicht ein noch besserer.

Ist es immer noch dieses Wunder für Sie?

Schon oft, aber ich würde lügen, wenn ich sage, ich beginne jeden Tag so und ende jeden Tag so. Man gewöhnt sich ja doch auch ans Leben, auch ans Überlebt-Haben.

Das muss man wahrscheinlich auch.

Ja, genau, sonst wird jeder Augenblick zu heilig, das geht auch nicht. Das wäre auch für die Mitmenschen schwer erträglich.

Im Buch beschreiben Sie die Beziehung zu der verstorbenen Person, die sich so wie eine Art Schutzengel oder eine Lichtfigur ans Krankenhausbett setzt.

Ja, das ist schon ein Retter, eine gute Fee. Man weiß es nicht genau.

Ihr Buch „Leben“ ist aber auch aus einem anderen Grund wieder hochaktuell. In Deutschland wird derzeit die Widerspruchsregelung diskutiert, die in Österreich schon lange gilt: Eine Organentnahme an einem hirntoten Verstorbenen ist zulässig, wenn dieser einer Entnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Es könnte sein, dass man diese Regelung nun auch in Deutschland übernimmt?

Ja, wir hoffen, aber ganz so positiv sieht es nicht aus. Es gibt in Deutschland doch starke Vorbehalte. Ich war im November auf dem Bundestag bei einer Debatte darüber. Da war der Fraktionszwang aufgehoben. Natürlich sind fast alle für Organspende bis auf einige Verrückte. Aber es gibt so gewisse Vorbehalte, die Entscheidung abzunehmen. Da gibt es große Widerkräfte. Im Verein „Leben Spenden“ versuchen wir, die Stimmung zu beeinflussen und das klappt auch ganz gut. Ich hoffe natürlich auch. Aber generell muss ich sagen: Ich finde es toll, dass es diese Diskussion überhaupt gibt. Ich hätte es mir noch bis vor ein paar Jahren nicht träumen lassen, dass es eine Widerspruchsregelung geben könnte.

Woran liegt es, dass die Deutschen so spenderfaul sind?

Es gibt große Vorbehalte, dem Staat Rechte über den eigenen Körper einzuräumen. Die meisten Leute sind da sehr gehemmt und haben auch keine Lust, darüber nachzudenken. Deswegen denken nur wenige über den Organspendeausweis nach. Tatsächlich sind ja über achtzig Prozent für Organspende. Über neunzig Prozent würden auch gerne durch Organspenden gerettet werden, nur füllen sie trotzdem keinen Ausweis aus und haben keinen dabei. Weiterhin ist das Wissen, dass man nur Spender werden kann, wenn man unter sehr speziellen Bedingungen und in einem sehr speziellen Krankenhaus verstirbt, leider nicht so verbreitet, und das ist schade.

Findet zu wenig Aufklärung statt?

Es gibt wahnsinnig viel Aufklärung, aber die Menschen möchten nicht an den Tod denken. Das ist das große Problem.

Sie sagten einmal, es hätte in Ihrem Schriftstellerleben auch Durststrecken gegeben? Das fällt mir schwer zu glauben.

Ja, doch. Gerade die Jahre vor der Transplantation waren schwierig, weil ich auch stark beeinträchtigt war. Ich habe zwischen 2002 und 2009 kein größeres Buch veröffentlicht. Da war sieben Jahre nicht viel, nur so kleinere Sachen. Und da war mir auch gar nicht so klar, ob ich noch Schriftsteller bin. Aber später habe ich verstanden, dass das zum Schriftstellersein dazugehört. Die ersten drei Bücher habe ich relativ schnell hintereinander gemacht, und dann dauert das eben, dann muss man wieder etwas erleben. Und ich habe ja einiges erlebt, zum Glück.

Was war Ihre prägendste Erinnerung an diese westdeutsche Kindheit, die Sie in Ihren Büchern immer wieder beschreiben?

Ich kann das gar nicht auf eine Erinnerung zurückschrauben. Aber „Der vergessliche Riese“ ist ja auch eine Wiederbegegnung mit dieser Landschaft und diesem Westdeutschland. Aber auch – ich weiß gar nicht, ob das so deutlich geworden ist –, eine gewisse Kritik dieser Autowelt, dieser Hässlichkeit und dieses Betons und das Gefühl, dass das nicht so weitergeht, dass das nicht unbedingt das richtige Leben ist.

Es kann ja nicht so weitergehen, oder?

Nein. Im Endeffekt komme ich ja noch aus einer späten Wiederaufbauwelt. Die Welt meiner Eltern, das ist ja auch ein Milieu oder eine Schicht, die reich geworden ist mit Westdeutschland. Und so ist das heute, wenn man mit fast Null anfängt, nicht mehr möglich. Das kann auch nicht mehr möglich sein, und das ist auch gar nicht schlimm, denn es ist ja die Frage, ob dieses Modell erstrebenswert ist, dass man mit dem Auto zum Brötchenkaufen fahren muss, was mir dann wie der große Wahnsinn vorkommt. Das Interessante ist, dass man von dieser Welt durch das Leben in Berlin, sehr abgekoppelt ist. Deswegen konnte ich da auch wieder so draufschauen oder hatte auch Lust, das zu beschreiben.

Berlin ist anders.

Berlin ist nicht Deutschland, ja, zum Glück.

Spazierengehen ist für Sie sehr wichtig?

Ja, genau, wichtiger als Autofahren.

Ich habe das Gefühl, dass Ihr Schreibstil etwas vom Spazierengehen hat. Welche Funktion hat das Spazierengehen in Ihrem Leben? Ist das auch etwas Meditierendes?

Das ist etwas Meditierendes. Das ist aber auch, wenn ich ehrlich bin, fast der einzige Sport, den ich betreibe. Aber mein Schnitt liegt schon bei ungefähr acht Kilometern pro Tag, und das ist schon o.k. Und wenn ich das nicht mache, fehlt mir etwas. Mir fällt wahnsinnig viel ein und ich rege mich wahnsinnig über Autos auf, wenn ich in der Stadt gehe.

Gehören Sie dann auch zu den Menschen, die laut auf der Straße schimpfen?

Ich versuche mich zurückzuhalten. Aber manchmal habe ich schon so Bilder, wie ich später mit dem Stock so grantelnd wie der Wiener ... Mal schauen, ob ich da noch hinkomme. Ich fahre nicht gerne Rad in der Stadt, das ist mir zu gefährlich. Das geht mir auch zu schnell. Wenn ich nicht gerade nach Charlottenburg muss, kann ich auch sehr viel zu Fuß erledigen. Das ist schon mein bevorzugtes und ein unterschätztes Fortbewegungsmittel in der Stadt. Ich arbeite sehr daran, das weiter zu popularisieren, ich mache das gerne.

Sie schöpfen da auch für Ihr Schreiben daraus?

Ja, ganz einfach, weil sich nach so einer Bewegung die Gedanken formen. Ich gehe wahnsinnig gerne in verschiedene Bibliotheken und irgendwann habe ich herausgefunden, dass es der Weg hin und zurück ist, das Gehen dahin, die halbe Stunde, wo die eigentliche Arbeit passiert. Davon merke ich oft gar nichts. Es ist schon so, dass da der Kopf arbeitet, der Text sich mit den Füßen schreibt.

Hat Ihnen das nach Ihrer Operation gefehlt, das Gehen?

Ja, dann wieder gehen zu lernen, das war schon ein besonderes Erlebnis. Den Krankenhausflur wieder zu erobern und bis ganz ans Ende zu kommen und dann immer weiter. Das war schon ein großer Ehrgeiz und es ist auch eine Angst da, nicht mehr gehen zu können.

Die hatten Sie?

Ja, die hatte ich und die habe ich manchmal auch. Das wäre nicht so schön. Ich liebe es einfach, weil es so eine Freude macht.

Es geht Ihnen heute gut?

Mir geht es gut, ja, doch, ich kann nicht klagen.

Geduld ist in diesem Buch gefragt. Geduld war vielleicht auch im Krankenhaus gefragt. Lernt man die?

Das habe ich nie so als große Leistung wahrgenommen. Vielleicht idealisiere ich das im Nachhinein, aber ich fand es ganz o.k. da im Krankenhaus. Man kann sich noch schlimmere Orte vorstellen. Ich glaube, die Geduld braucht man vor allen Dingen beim Schreiben selbst. Geduld, sich dann über ein, zwei, drei Jahre und im letzten Jahr jeden Tag dranzusetzen und zu wissen, was man schreibt und – noch viel wichtiger –, was man weglässt. Davon leben ja die Bücher auch: Von dem, was alles nicht drinnen steht und nicht erklärt wird. Das war beim „Riesen“ auch so, es gab noch mehr Besuche und noch mehr Reisen, aber man muss auch eine Erzählung daraus machen, dass es schwingt und interessant bleibt. Da muss man geduldig bleiben.

Ist das das Schwierigste? Wegzustreichen?

Ja, absolut. Sich von dem zu trennen, an dem man da so lange gearbeitet hat. Von der eigenen Erzählung, der eigenen Familie ist ja für einen selber erst mal fast alles interessant, aber für andere eben nicht. Das muss man auch sehen oder lernen.

Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit oder auch um die Ihres Vaters, der Eltern, das Wissen um die Endlichkeit – macht das Angst oder ist das auch eine Chance?

Nicht direkt Angst, aber es löst eben schon einen Impuls aus, das aufheben und bewahren zu wollen, zu beschreiben. Es hat schon eine Wirkung.

Wie bedeutend ist das scheinbar Alltägliche, das vordergründig Kleine, das ebenfalls Eingang in Ihre Prosa findet, zum Beispiel in Ihren Roman „Vier Äpfel“, der im Supermarkt spielt?

Vielleicht bin ich da einfach, wie ich gerne sage, Phänomenologe und möchte in den Dingen eine gewisse Aura sehen oder sie ihnen geben, weil ich von der Vergänglichkeit aller Dinge vielleicht eine Ahnung habe. Ein Obst-Stillleben ist ein Memento mori, und im Supermarkt läuft man jeden Tag daran vorbei, man merkt das nur nicht immer.

Sie haben immer noch Verwandte in Österreich?

Ja, viele. Ich hatte mal eine Lesung in Wien, da waren elf Cousinen da. Das ist toll. Viele sind in Wien, auch in Salzburg, ein Cousin ist in Graz. Das ist ein Kontakt, den ich immer sehr gepflegt habe, und ich war im Sommer immer in Oberösterreich. Auch meine Tochter war noch bis vorletztes Jahr immer den Sommer über dort, in dem Haus, aus dem meine Großmutter stammt. Das ist so eine Stifter-Landschaft, ein Haus wie aus der „Mappe meines Urgroßvaters“.

Welche österreichischen Autoren und Autorinnen kennen, schätzen Sie noch außer Stifter?

Als junger Mann war Peter Handke für mich sehr wichtig und ist es auch lange geblieben. Eben habe ich ein Buch von Xaver Bayer in der Hand gehabt, mit dem ich gut bekannt bin. Richard Obermayr fand ich auch gut. Und Gerhild Steinbuch. Angela Lehner, die gerade debütiert hat. Es gibt schon einige hier.

Was war im Zuge der Arbeit zum „Vergesslichen Riesen“ das schönste, das überraschendste, das schmerzlichste Erlebnis mit Ihrem Vater?

Dass dieses Vater-Sohn-Zusammensein dann doch wieder so gut funktioniert, wieder aufgenommen werden konnte und sich so wahnsinnig angenehm anfühlte. Das hätte ich gar nicht gedacht und das hatte ich völlig vergessen. Und dann war er doch noch da. Das ist eben die Überraschung. Er war doch noch so sehr da. Und dass ich auch weiterhin gerne bei ihm bin. Zwischendurch ist er immer wieder völlig verloren. Das menschliche Dasein ist schon sehr zerbrechlich, denn wenn man sich nicht mehr daran erinnert, wo man wohnt, ist das schwierig. Manchmal denke ich, dass man gar nicht so weit von der Unfähigkeit, zu leben, entfernt ist. Man geht auf die Straße und wundert sich, dass man nie oder sehr selten jemanden trifft, der vergessen hat, morgens eine Hose anzuziehen. Eigentlich denken doch immer alle Leute daran, einen Rock oder eine Hose anzuziehen, bevor sie aus dem Haus gehen. Wenn man das vergessen würde, wäre das schon ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Es ist nur ein ganz kleiner Schritt zum Vergessen oder zum Wahnsinn oder wie auch immer man das nennen möchte. Daran erinnert dieses Zusammensein eben auch.

Konnten Sie mit ihm auch über Ihre Mutter sprechen?

Ja. Die Erinnerungen sind natürlich verschwommen, aber sie ist schon auch präsent. Das ist schon noch da, ja.

Darf ich fragen: Ist Ihre Mutter immer noch sehr präsent in Ihrem Leben?

Ja und nein. Sie ist schon so lange weg. Ich bin nun älter, als sie je wurde. Das fühlt sich seltsam an.

Keine verpasste Gelegenheit kommt zurück, sagt ein Mitpatient in Ihrem Roman „Leben“. Gilt das auch für dieses Buch?

Ja, auf eine Art schon. Man hat nur einen Vater und nur eine Mutter, und die Gelegenheit muss man ergreifen. Es ist auch für einen selber wohltuend, das zu klären oder sich dem auszusetzen. Dass das nicht immer so möglich ist, ist völlig klar, das kenne ich auch und weiß ich. Aber wenn sich die Gelegenheit bietet, soll man sich ihrer schon annehmen.

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David Wagner wurde 1971 in Andernach am Rhein geboren und debütierte im Jahr 2000 mit dem viel beachteten Roman „Meine nachtblaue Hose“. Es folgten u. a. die Erzählungen „Was alles fehlt“, der Roman „Vier Äpfel“, sowie die Prosabetrachtungen „Ein Zimmer im Hotel“. Das autobiografische Buch „Leben“ brachte den Leipziger Literaturpreis. In „Drüben und drüben“ (mit Jochen Schmidt) schrieb er die westdeutsche Seite seiner Kindheit nieder. Wagner ist Vater einer Tochter und lebt in Berlin.

„Der vergessliche Riese“ (Rowohlt), 304 S.

„Leben“ (rororo), 288 S.